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Donnerstag, dm 23. August.
Geläuterte Herzen.
Novelle von Johanna Berger.
(Fortsetzung.)
Aber dann begann Annie heftig zu zittern, denn drüben am Rande des hellen Kreises, welchen die Sonne auf dem breiten Plateau des Berges zeichnete, stand Bernthal und sah überrascht zu ihr hinüber. Die kleine Annie wagte es nicht, zu den Augen emporzublicken, die in einer fast enthusiastischen Bewunderung auf ihr ruhten.
Aber sie sah auch hinreißend lieblich aus mit ihren zart- gerötheten Wangen, den leuchtenden blauen Augen und in der reichen Fülle ihrer halbgelösten braunen Locken.
Jetzt kam er näher mit großen, ungeduldigen Schritten und streckte ihr die Hand entgegen.
„Mein gnädiges Fräulein, wie freue ich mich, Sie wieder- zusehen!" rief er freudig bewegt.
Annie blickte in kindlicher Verschämtheit vor sich nieder.
„Aber Sie sind ganz allein hier?" fragte er. „War es nicht schwierig für Sie, den steilen Berg hinanzuklimmen?"
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht! Ich war mit Mama unten im Freundschaftssaal. Da Mama sich in die Zeitungen vertiefte und ich mich langweilte, lief ich auf's Geradewohl in den Wald und kletterte über Stock und Stein!"
„Und nun Sie einmal hier sind, werden Sie auch noch ein wenig hier verweilen, nicht wahr?" frug er scherzend.
„O nein! Ich bin schon lange fort und muß jetzt wieder zu Mama zurück!"
„Aber weshalb denn? Es ist herrlich hier oben und wir wollen miteinander plaudern, — was auf der Reunion nicht möglich war."
„Nein! Nein! Ich muß gehen! Ich kann nicht länger bleiben!" rief sie ängstlich.
„Wenn ich Sie aber bitte, herzlich bitte! — Nur zehn Minuten! — Ich bitte darum als eine Gunst, mein gnädiges Fräulein!" flehte er mit erwartungsvollen Augen.
Sie zauderte mit der Antwort — sie kämpfte mit sich. Rosige Gluth stieg ihr auf die Wangen. Endlich hauchte sie ein leises „Ja."
Sein Antlitz strahlte vor Freude. Er bot ihr den Arm und führte sie zu einem Aussichtspunkte, wo sich mehrere Bänke befanden. Auf einer derselben nahmen sie Platz.
„So, nun werden Sie mir nicht bavonlaufen, nicht wahr?" lachte er, „und nun kann ich Ihnen auch sagen, daß ich mich grenzenlos nach Ihnen gesehnt habe." .
Annie rückte ein wenig von seiner Seite fort und sah ihn zaghaft an.
„Sie fürchten sich wohl? Sehe ich so gefährlich aus?" fragte er belustigt.
„O nein, durchaus nicht! Jm Gegentheil: Sie haben ein liebes Gesicht und sind gewiß ein recht guter und braver Mensch!" erwiderte sie, ihren ganzen Muth zusammennehmend.
„Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, dann dürfen Sie auch mich nicht verlassen. Ich bilde mir ein, daß Sie reizend zu plaudern verstehen. Und dann setzen wir unsere Bekanntschaft fort — als ein paar treue Kameraden, als gute Freunde! Wollen Sie? Sie bleiben doch wohl längere Zeit in Karlsbad?"
„Mamas Kur dauert vier Wochen."
„Das ist ja herrlich! Dann können wir uns oft tzhen und sprechen! Haben Sie schon ein Concert gehört?"
„Ja, wir waren gestern Abend im Stadtpark."
„Ich war auch dort. — Seltsam, daß ich Sie nicht gesehen habe!"
„Aber ich habe Sie gesehen!" rief Annie mit zuckenden Lippen. Ihre eben noch so rosigen Wangen wurden plötzlich bleich.
Ihr Aussehen befremdete Bernthal, er blickte das Mädchen forschend an.
„Dann haben Sie wohl auch die Dame bemerkt, in deren Gesellschaft ich mich befand?"
Sie nickte.
„Und was dachten Sie von uns Beiden?" fragte er schnell weiter.
„Ich — ich! — Das kann ich wirklich nicht sagen!" stotterte sie voller Verwirrung.
„Aber ich weiß es. — Ich kann Gedanken lesen!"
Sie sah ganz erschrocken zu ihm auf.
„Sie dachten — Sie glaubten, wir wären ein paar Brautleute? Habe ich recht oder nicht?"
„Ja!" gestand sie ehrlich.
„Sie irren sich, Gnädige!" fuhr er fast schroff auf. „Ich interessire mich allerdings für die schöne Frau, habe aber noch niemals ernstlich an eine Verlobung gedacht. Sie ist ein prasselnder Irrwisch, voller Capricen und Launen, heute spricht sie mit dem Einen von Liebe, morgen kokettirt sie mit dem Andern — das stößt mich ab! — Mich lockt viel mehr ein anderes, reineres Licht — o, könnte es mein Leitstern werden auf abschüssiger Bahn!" fügte er weicher hinzu und ein Schatten flog über sein Gesicht. Dann stützte er den Kopf in die Hand und brütete finster vor sich hin.
Es blieb eine Zeit lang still, nur da« Rauschen de« Win-


