Ausgabe 
20.11.1894
 
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Wt. 136

1894.

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Dienstag, den 20. November

MESS

Lola.

Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Fries«».

(Fortsetzung.)

^rald wendet sich hastig ab. Ihr Festhalten an dem einen Gedanken erregt ihn heftig.

vDenn nur sein Tod kann mich frei machen," fährt sie sinnend fort.So lange er lebt, bin ich hier eine Gefangene."

Warum?" fragt er leise, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend.Sie können der Welt frei in's Auge sehen. Sie stehen hoch und rein da."

Traurig schüttelt sie das Haupt.

Rein, Gerald. Als Fürstin Orlowsky kann ich nicht zurückkehren; als Baronin Medfort mag ich es nicht. Und dann selbst wenn ich in meine Hetmath zurückkehrte, was feffelt mich jetzt noch dort? Nur, wenn er tobt wäre"

Sie stockt. Tiefe Röthe bedeckt ihr Antlitz. Verlegen blickt sie zu Boden.

Lola!"

Gerald ruft es mit hervorbrechender Leidenschaft. In diesem einen Wort liegt seine ganze zärtliche, treue, unendliche Liebe.

Sie bickt mit feuchten Augen zu ihm auf. Er glaubt, in ihrem Blick zu lesen:Geh' hin und tödte ihn, und sei dann meinl"

Seine Augen flammen. Die kräftige Faust ballt sich. Doch nur wenige Minuten - dann hat er die lockende Ver­suchung überwunden.

Er blickt in Lolas Antlitz. Es ist so ruhig, so engels­rein. Wie konnte er nur solch' verwerfliche Gedanken hegen!

Sanft, wie abbittrnd, ergreift er ihre Hand und hält sie lange in der seinen.

Gott schütze uns vor jedem Unrecht!" murmelt er tief« bewegt.

XXIX.

Zwei Jahre sind vergangen. . . .

In dem Leben der beiden Bewohnerinnen der Villa Flora hat sich wenig geändert. Die Tage fließen ruhig dahin einer wie der andere. Nur Baron Geralds Besuch bringt etwas Abwechselung. Er bleibt stets einige Tage und kehrt dann wieder nach England zurück.

Seine Gegenwart bildet für Lola den einzigen Sonnen« blick in ihrem einsamen, gleichmäßigen Leben.

Der beständige Verkehr mit einer so hochgebildeten, geistig und seelisch hervorragenden Dame, wie die Baronin Hastings,

A, sür sie von günstigstem Einfluß. Das Oberflächliche, Seichte n ihr schwindet allmählig. Der gute Kern, der trotz alledem in ihr verborgen liegt, kommt mehr und mehr zum Vorschein. Es gibt Zeiten, da sie vor sich selbst erschrickt. Mit Entsetzen erkennt sie, was sie früher gewesen, was sie jetzt noch wäre, wenn eine schwere Prüfung ihre Seele nicht l geweckt hätte - eine leichtfertige, kokette, selbstsüchtige Mode­dame, eine Puppe, ohne Empfindung, ohne das geringste Ge« ; fühl für all' das Schöne und Edle, was die Welt bietet. Sie hat gelernt, die stillen Freuden als die einzig wahren, bleiben­den zu betrachten und hat Trost in der Kunst und Literatur gefunden.

Durch die Baronin Hastings ist sie in die Tiefen der Meisterwerke unserer großen Dichter eingeweiht worden. Kommen ihr einmal über irgend eine Stelle Zweifel, so ist die lieb nswürdige alte Dame stets bereit, sie aufzuklären.

Lolas Schönheit hat fast noch zugenommen. Der jugend- liche Schmelz, der Liebreiz der regelmäßigen Züge ist derselbe wie früher. Doch hat der Blick der großen, blauen Augen an Innerlichkeit gewonnen; der kleine, feine Mund verzieht sich nicht mehr spöttisch wie ehedem-

Es ist ein klarer, warmer Sommernachmittag. Lola sitzt auf der Terrasse an dem runden Marmortisch und liest, den goldigfchimmernden Kopf in beide Hände gestützt. Neben dem aufgeschlagenen Buche steht eine Vase mit frisch abgeschnittenen weißen Hyacinthen. Die Vorliebe für diese süßduftende Blume ist ihr geblieben.

Sie ist so völlig vertieft in GoethesTorquato Taffo", daß sie die nahen Schritte nicht bemerkt. Erst als ein Schatten auf das Buch fällt und Geralds tiefe Stimme ihrGuten Tag" wünscht, blickt sie auf. Ein tiefes Roth steigt in dis frischen Wangen, während die leuchtenden Augen sich langsam senken-

Sie ahnt, wer hinter ihr steht.

Ach, es gab eine Zeit, da hätte er fein Leben für einen solch' süßen Willkommengruß gegeben. Jetzt bereitet er ihm fast Schmerz.

Gerald!" ruft sie lebhaft, von ihrem Stuhl empor« springend und ihm die Hand entgegenstreckend.Wann sind Sie angekommen?"

Vor einer halben Stunde. Ich habe unten mit meiner Mutter Kaffee getrunken dann mußte ich zuerst Sie auf- fuchen. Wie wohl Sie aussehen, Lola. Ihre Züge sind wieder so klar und jugendfrisch wie früher. Jede Schmerzens« inie ist entschwunden."

Sie lächelt.