Ausgabe 
20.3.1894
 
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Weg ein, der an der Rochuscapelle vorbeiführt. Als wir dort angekommen waren, hörten wir ein leises Schluchzen und Wim« mein, wir liefen erschrocken hinzu und fanden hinter einem Mauervorsprung der Capelle ein blutjunges, bildhübsches Weib, das herzbrechend seufzte und ächzte. Es lag auf dem naffen Grafe und neben ihm, sorgfältig in einen großen, seidenen Shawl gewickelt, ein kleines, schlafendes Kind. Die Frau war krank, zum Sterben krank, ein wildes Fieber schüttelte ihren zarten Körper. Als wir zu ihr traten, da richtete sie ein Paar schöne, doch schon halb gebrochene Augen mit flehendem Aus' druck auf uns hin und zeigte mit der Hand auf das Kindchen. Meine Bona hob dasselbe liebreich empor und bettete es warm an ihre Brust. Da warf ihr die Frau einen Bück zu, so

das Gesindel büßen I"

Laß gut fein, Vater, es nutzt zu nichts," entgegnete das Mädchen mit müdem Blick.Und einmal hätte ich doch Alles erfahren. Aber nun ich so viel weiß, bin ich neugierig auf

Plötzlich schreckte er au» seinem Schlummer empor, ein I den Rest- Jedes Kind hat doch einen Vater und eine Mutter Geräusch im Zimmer hatte ihn erweckt. Er blinzelte eine I und irgendwo in der Welt muß es doch auch ein Elternpaar Weile wie geblendet umher, denn der Abend wob gespenstisch I für mich gegeben haben." - Sie lachte bitter auf und ihre graue Schatten um alle Gegenstände. Nun siel sein unsicherer I weißen Zähnchen gruben sich so fest in die Unterlippe, daß sie Blick auf eine dunkle Gestalt, die sich langsam hin und her blutete.Ja, sag's doch, Vater, rede, jetzt istmir'r Einerlei! bewegte und verschiedene Kleidungsstücke in eine kleine Reise. Habe ich einen ehrlichen Namen, auf dem kein Makel ruht, tasche packte, welche geöffnet auf einem Stuhle stand. Und jetzt oder stamme ich von Landstreichern her, von Vagabunden, die

erkannte er Jadwiqa. - Aber, Herr des Himmels, wie sah I bettelnd und stehlend von Land zu Land ziehen? Oder gehöre

das Mädchen aus: Das Gesicht war bleich und ohne Leben, ich zu Jenen, die keinen Glauben haben und gottlose Heiden

wie versteinert, die blonden Haare hingen feucht und schwer sind, zu den braunen Zigeunern, die aus Ungarn kommen?

in wirren Strähnen vom Kopfe herab. Die breite, naffe Du mußt'» ja wissen, Vater. Warum haben sie mich verlassen, Kante des zerknitterten und befleckten Kleides streifte knirschend meine Eltern, und warum muß ich mich ihrer schämen? Sprich den Boden. Die Haltung war matt und die Schritte taumelnd, doch, Vater, ist'» denn so schrecklich, was Du mir sagen mußt?" wie die einer Schwerkranken. Sie blieb zuweilen stehen und Jadwiga hatte hastig, stoßweise gesprochen, mit zuckenden starrte mit den trüben, erloschenen Augen, die sonst mit so Lippen. Ihre Augen schienen angstvoll aus seinen Zügen die sonnigem Glanze in die Welt hinausgeschaut, wie verstört vor Antwort lesen zu woben. . ,,

m | Der Alte sank förmlich in sich zusammen, dann fuhr er

Des Alten Augen folgten unruhig jeder Bewegung des sich mit der Hand i^s graue Haar. Das Mädchen dauerte Mädchens. Doch nun fuhr er mit einem Ruck von feinem I ihn. Thränen des Mitgefühls drängten sich ihm unter den Sitze empor.Jadwiga," schrie er auf,bist Du es wirklich I Wimpern hervor. ,

oder ist es Dein Geist?"Jadwilufchka," sagte er weich,mem Seelchen, wie kann

Sie zuckte heftig zusammen, aber sie antwortete nicht- ich Dir auf so viele Fragen Antwort geben, da ich selbst so Nur ein dumpfes Stöhnen entrang sich aus ihrer Brust. Dann I gut wie gar uiehts weisi" _ ,

sank sie auf einen Stuhl und bedeckte ihr gramdurchwühltesDu weißt nichts, Du weißt nichts !" fuhr sie auf-Aber

Antlitz mit beiden Händen- Das blonde Goldhaar fluthete über das Eine, das Eine, das mußt Du doch wiffen. Sage mir,

die weißen Finaer herab- Der Alte saß wie ein Steinbild I wer meine Mutter war?"

da, er wagte nicht, Jadwiga anzusehen, ihr Anblick hatte ihnDeine Mutter?" Dem Alten kamen die Worte ganz

zu gewaltig gepackt. Und wieder wurde es ganz still im Zim- I rauh aus der Kehle.Deine Mutter? g^us, roas tm mer, nur das einsame Ticken der Uhr und das leise, krampf' I ich Dir von ihr sagen, ich kannte sie nicht. Ich sah sie nm

hafte Schluchzen des Mädchens war das einzige Geräusch I einmal und da war sie gerade am Sterben-

darin Jadwiga schloß einen Moment die Augen, ein banger,

Doch mit einem Male raffte er sich auf, stolperte zu Jad. thränenloses Schluchzen erschütterte ihre Brust.

wiga hin und umfaßte leidenfchaftlich ihre Schultern.Jad-Mein Gott, ach, mein Gott! murmelte sie vor sich gt

wiluschka," stammelte er,kannst Du mir denn nicht verzeihen? Dann fragte sie wieder:Wie sah meine Mutter au»? Ge»

Kannst mich nicht wieder ein Bischen lieb haben? Hab' doch Hörteste zu - zu - ,enen - zudenHeimathslosen - ober

Erbarmen mit Deinem alten Vater. Ich will gewiß auch gut I war sie eine rechtschaffene Frau?

fein mit Dir und ich schäre es Dir bei Christi blutigen Wun.Sie war schön und zung - und hoffentlich auch brav,

den, daß ich nicht wieder in die Schänke gehel" Sie kam aus weiter, weiter Ferne, denn sie verstand unsere

Das Mädchen hob langsam den Kopf. Es blickte den Sprache nicht."

alten Mann verständnißlos an, als müsse es sich erst feineUnd sie hat mich nicht ausgesetzt, nicht mahr, Vater? Worte deuten- Doch dann kam plötzlich die Erinnerung ihr Eine Mge, brave Mutter kann doch ihr kleines Kind nicht zu Hilfe von sich stoßen- Sie verließ mich nur, weil sie starb- Aber

Was mir gestern von Dir geschehen ist, habe ich ver. antworte doch, Vater, sprich doch, ich muß mehr wissen - geffen und vergeben," entgegnete sie finster.Aber das An. mehr, mehr! Aus Barmherzigkeit, sage mir Alles, was Du von

bete, das Schlimmere!" Sie sprang auf und stieß ihn zornig meiner Mutter weißt!"

von sich fort. Ihre bleichen Wangen färbten sich purpurroth Der Alte ergriff des Mädchens fiebernde Händs und und in den blamn Augen glühte es unheimlich auf. -Ja, drückte sie.Du bist furchtbar aufgeregt, Jadwischka, Du bist

das Andere," stöhnte sie,das vergebe ich Dir nie! Du hast krank," sagte er traurig.Werde etn Bischen ruh g dann

mich belogen und betrogen, hast mich aufwachsen lassen, ohne I erzähle ich s Drr. Da fetz Dich hin, armes Mädel, und höre mir die Wahrheit zu sagen- Warum hast Du den elenden I mich vernünftig an!"

Wurm damals nicht liegen lassen im Felde? Er wäre gestorben Das Mädchen fetzte sich stumm ihm gegenüber. Sie legte wie feine Mutter hinter dem Zaun." - Sie stockte, nach den müden Kopf gegen die Stuhllehne. Sie faß da wieein Äthern ringend.Ja, gestorben und verdorben, so wäre es I Marmorbild, so starr und still, nur in den dunkelblauen Augen besser gewesen! - Denn jetzt, jetzt," schrie sie wild auf,muß lebte ein todtbanges, leidenschaftliches Fragen.

ich's dulden, daß man mich schimpft, mich höhnt und mißhan.Es sind nun bald zwanzig Jahre her, erzählte der beit wie eine schlechte Dirne, daß man mich zur Verzweiflung Alte,da ging ich mit meiner Bona, - Gott hab sie selig,

treibt - und das ist Deine Schuld ja, Deine Schuld!" sie ruht nun schon lange Jahre unter dem Kirchhofsrasen, -

Der Lieutenant stand bewegungslos mit starren Augen I nach einem benachbarten Edelhof. Es war um die Hetbstzsir,

da, als habe ihn der Schlag gerührt. Erst allmälig wurde | es stürmte und regnete. _ Darum schlugen wir btn nächsten

ihm die Bedeutung ihrer Worte klar und dann dämmerte auch die Wahrheit in ihm aus. Und nun erfaßte ihn unbändige Erregung. Er murmelte drohende Worte vor sich hin und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als suche er Je. mand, an dem er seinen Zorn auslaffen konnte.

Die Hallunken, die feigen Hunde!" rief er ungestüm Zertreten könnte ich sie, zusammenhauen wie Gerstenstroh I Also sie haben Dir Alles verrathen, sie haben Dir gesagt, daß Du nicht mein rechtes Kind bist! Heilige Barbara, das soll