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1884,
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Nr. 43.
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Samstag, den 14. April.
Vergißmeinnicht.
Novelle von H. v. Ziegler.
—----— (Nachdruck verboten.)
„Sich' doch, Thekla, die kleinen lieblichen Vergißmeinnicht dort am Bache; ich will einige für Großmama pflücken, denn sie mag dieselben so gern," rief ein junges Mädchen ihrer Gefährtin am Nferrande zu und eilte hastig nach der Stelle, wo die blauen, unscheinbaren Blüthen standen.
„Aber ich bitte Dich, Lucie," mahnte die andere junge Dame, welche nachlässig auf einem Felsstücke saß und das elegante Kleid vorsichtig hob, um es zu schonen, „laß doch die blaßblauen sentimentalen Vergißmeinnicht; ja, wenn Du noch eine unglückliche Liebe hättest, fände ich es begreiflich, nach denselben zu suchen, aber für ein junges Mädchen in Deiner Lage — es ist einfach lächerlich, für das Blümlein Vergißmeinnicht zu schwärmen."
Lucie lachte hell auf und erwiderte: „Wie Du das nur so lächerlich finden kannst, Thekla, daß ich einen Strauß Vergißmeinnicht pflücke! Trotzdem habe ich natürlich keine unglückliche Liebe- Wie sollte ich auch zu einer solchen kommen, da ich von Großmama behütet werde wie ihr Augapfel; zudem kenne ich gar keine heirathsfähigen Herren."
„Außer meinem Bruder Albrecht und von dem weißt Du ja schon längst, daß er sür Dich durch'« Feuer geht."
Lucie achtete nicht auf diese Bemerkung, sondern kam mit dem gepflückten Blumensträuße jetzt zu der Freundin zurück und setzte sich neben diese.
„Eine unglückliche Liebe," plauderte sie bann schwärmerisch nach Mädchenart, „muß eigentlich traurig und herrlich zugleich sein; den ganzen Tag nur an den Einzigen zu denke«, welchen man nicht bekommen kann, um ihn zu weinen und zu seufzen, und dann auch wieder auf das schließliche Glück zu hoffen, ist doch hochinteressant."
„Mag sein, liebe Lucie," entgegnete Thekla, „aber senti» mental angelegte Naturen gehen doch dabei oftmals zu Grunde. Das Herz bricht ihnen, wie die Dichter singen. Du zum Beispiel, meine liebe Lucie, könntest solches Herzeleid, wenn nicht bald ein Hoffnungsstrahl erschiene, gewiß nicht überleben."
Es waren zwei schöne, wenn auch völlig verschiedene junge Damen, die dort am rauschenden Bache nebeneinander saßen. Thekla, imposant gewachsen, mit dunklem Haar und feurigem Bück, erschien auf den ersten Moment sogleich als eine junonische Schönheit, welche genau wußte, daß sie gefalle, und wie man koketttren müsse, um Eroberungen zu machen.
Ihre dunklen Augen vermochten zu blitzen und zu flammen,
der Mund ganz hinreichend zu lächeln, sodaß Jeder, der Fräu« ein Thekla von Laffow jemals gesehen, völlig von ihr eingenommen wurde.
Ihre jüngere Freundin, Gräfin Lucie von Bergen, war dagegen so recht das Gegentheil der Freundin; schlank, biegsam wie eine Gerte mit sanften, großen, blauen Märchenaugen, die noch träumerisch verschleiert in's Leben blickten, mit einem anften Lächeln um den kleinen, rosigen Mund und Grübchen n den Wangen, verkörperte sie so recht das Dichterideal einer keuschen Jungfrau und bildete das Kleinod der einsamen, alten Großmutter, die das ganze Jahr auf ihrer Besitzung Schloß Bergenhöhe lebte.
Lucie kannte noch nicht die Welt und ihre Täuschungen, sie war für die junge Gräfin noch ein Buch mit sieben Siegeln, deren geheimnißvollen Räthseln ihr kleines Herz oftmals gar ungestüm entgegenschlug, doch der alten Gräfin, ihrer Großmutter, gegenüber wagte Lucie nie ihre Sehnsucht nach der großen Welt zu verrathen. Nur mit Thekla von Lassow sprach sie oftmals von dem bunten Leben da draußen, und wenn die Freundin all' die Herrlichkeiten der Welt schilderte, was sie in der Residenz und auf weiten Reisen bereits gesehen und erlebt, dann seufzte die kleine Gräfin oftmals leise: „Ach, wenn ich doch auch einmal die schöne Welt sehen und unser einsames Schloß verlassen dürste!"
„Ich will Dir etwas sagen, Lucie," meinte Thekla, als die Freundinnen so zusammen saßen, „wir wollen doch Deine Großmama bitten, daß sie diesen Sommer mit uns Beiden in ein Bad reist. Der Arzt hat mir ein solches verordnet, und da ich doch nicht allein reisen kann, mein gewissenhafter Bruder aber keinesfalls von Schwarzendorf der Ernte wegen loskommt, so muß ich bei Freundinnen Anschluß auf der Reffe suchen."
„Das wäre herrlich, liebste, beste Thekla," jubelte Lucie, „wenn Du dabei bist, ist es sicher noch einmal so hübsch."
„Nun, wir wollen sehen, ob sich unser Reiseplan verwirklichen läßt. Doch nun muß ich nach Hause; wir bekommen nämlich heute Besuch von einem Bekannten Albrechts, einem berühmten italienischen Geigenvirtuosen, den Albrecht in der Residenz in einer Soiree kennen lernte und welcher auf der Durchreise einige Tage in Schwarzendorf bleiben will-
„So, das hast Du mir ja noch gar nicht erzäh t. Da mußt Du freilich heim, denn ohne die Hausfrau, welche Du auf Schloß Schwarzendorf vertrittst, wird Dein Bruder sonst mit seinem Gaste nicht fertig. Also auf Wiedersehen,- meine liebe Thekla, an Deinem Geburtstage!"
„Ach gehe gleich hier den schmalen Feldrain, da bin ich am ehesten in Schwarzendorf. Adieu, Lucie, sprich mit Groß» mama von unserm Plan!"


