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Am nächsten Morgen ritten die Husaren ab. Er war «rst sechs Uhr früh und die Damen vom Hause noch nicht erschienen- Major Sendrach, der sehr ernst aussah, schüttelte herzlich dankend die Hände des Hausherrn und bat, Grüße an die Damen bestellen zu wollen; dann stieg er sporenklirrend . in den Sattel — just int selben Moment, als oben ein Fenster klirrte und eine halbwelke Wasierrose zu seinen Füßen fiel. Verächtlich schleuderte er sie bei Seite - das Zweiglein Apfelblüthe lag auf seiner Brust und flüsterte ihm zu: „Auf Wiedersehen I" , ,
„Was blasen die Trompeten Husaren heraus," verhallte die Trompetenfanfare in der Ferne und Ada barg völlig faflungslos da« thränenüberströmte Gesichtchen in den Kiffen ihres Lagers, während Marie ganz verwundert vor ihr stand und immerfort frug: „Ja aber, Ada, weshalb weinst Du denn so sehr? Ist Dir Vetter Egons Abschied wirklich so nahe gegangen?"
„Rufe mir die Mama," bat das junge Mädchen mit erstickter Stimme, „ste soll zu mir kommen, ich — ich will mit ihr sprechen I"
Und dann, als die gütigste der Mütter auf dem Bett» rand saß und das blonde Köpfchen ihres Lieblings zärtlich an sich preßte, da fand Ada die Worte, all' das zu sagen, was ihr dar Herz bedrückte.
„Mama, ach, Mama, er hat mir gesagt, daß er mich wiedersehen möchte — und ich habe ihn — so lieb gewonnen, ach, so sehr lieb, wie ich'» gar nicht sagen kann! Wird er denn wiederkommen oder war das Alles nur ein leerer Traum?"
„Nein, meine Ada, kein Traum," entgegnete sanft die • Baronin; „er hat Dich auch sehr lieb und Ihr sollt nur Eure Liebe erst prüfen, ob sie die Trennung überdauert. Aber ich meine — Sendrach kommt wieder."
„Nicht — zu lange — auf Wiedersehen —"
Eie wußte kaum, daß sie wieder neben Egon saß, daß die Bouquets sich um sie her aufhäuften und die Musik end- lich mit einem schmetternden Tusch den Ball schloß Nochmals stand Major Sendrach vor ihr, Egon verwünschte den ernsten Herrn Vorgesetzten, der ihm abermals die wohlgesetzte Rede vom Munde abschnitt.
„Mein gnädigstes Fräulein," sagte Sendrach laut ver» nehmlich für die Umsitzenden, „ich wollte mich so gern revan» chiren für den glänzenden Orden, den Ihre Hand mir gebracht, aber nun hat die Musik aufgehört und ich muß bitten, dies Bouquet noch nachträglich von mir anzunehmen."
Mit süßem Lächeln nahm Ada die Blumen, ihre Hände streiften sich leicht und Sendrach trat ohne noch ein Wort zu sagen, zurück, gerade als die Baronin ihr Töchterchen abholte. „Komm', mein Kind, der Papa wartet, es ist schon so spät geworden."
„Aber Deine Bouqets, Cousine, Du vergißt sie," rief Egon, doch Ada wehrte mit der Hand ab.
„Laß nur, eins nehme ich zum Andenken mit, aber all das übrige Heu kann ich nicht mitschleppen."
Eben dies eine Bouquet war das von Major Sendrach erhaltene. Unten am Wagen stand er und hob wie selbstverständlich die Damen hinein; als er mit innigem Drucke Adas Hand gehalten und ste neben der Mutter saß, fiel der Schlag zu und der einsam Zurückgebliebene beugte sich zur Erde, um etwas aufzuheben. Es war eine rosige Apfelblüthe, die nun unter'm Attilla auf einem tief erregten Mannesherzen ruhte.
„Ja, mein Liebling, ich komme bald — auf Wiedersehen! Bleibe mir treu in Liebe — wie ich Dir."
Eine Sternschnuppe fiel leuchtend zur Erde und Sendrach athmete schwer. „Ein Wink vom Himmel, daß auch einem einsamen, alternden Manne noch Glück, reiches, köstliches Glück beschieden sein kannl Und ich will sie auf Händen tragen, mein Lieb' und mein Stern! Schlafe wohl, Ada, auf Wiedersehen!"
Schon nach wenigen Tagen kam ein Brief des Majors und als Mutter und Tochter beisammen saßen, Fräulein von Pohl war wieder abgereist, schob Erstere Ada den Brief freundlich hin: „Lies, mein Kind, was uns Major Sendrach schreibt."
Diese Briefe, von kräftiger, eleganter Männerschrift, wurden von nun an die schönste Freude in Adas stillem Leben; sie wußte, daß die Mutter sie jederzeit gewissenhaft beantwortete und die Hoffnung, ihn bald wiederzusehen, blühte immer schöner und heller in ihrer Seele auf, je kälter und einsamer es draußen in Feld und Flur wurde. Weihnachten kam näher, es gab sehr Vielerlei zu thun und die Baronin lächelte gar geheimnißvoll, wenn sie ihr Töchterchen eifrig Alles besorgen und anordnen sah, was zur Bescheerung der Armen im Dorfe diente.
„Nun, Kleine, was wünschest Du Dir denn?" frug sie einstmals gütig und Ada kniete vor ihr nieder, die Hände über der Brust faltend und mit schimmerndem Blick zu ihr emporsehend: „Viel, Mama, sehr viel — ein ganzes Herz! Und allein sür mich," flüsterte sie ernstbewegt. Aus dem heiteren, übermüthigen Mädchen war eine Jungfrau geworden, deren Herz sehnsüchtig dem fernen geliebten Manne entgegenschlug.
„Sei still und stark, mein Kind," tröstete die Mutter, „und frage die Sterne am Himmel, vielleicht schimmert dar goldene Weihnachtsfest unter denselben auch für Dich."
Jenen einen Brief des Majors, der in diesen Tagen angekommen, hatte Ada nicht bemerkt; er enthielt die Frage und Bitte, an Weihnachten kommen zu dürfen. „Sie ahnen nicht, gnädige Baronin," schrieb er, „wie ganz besonders einsam und öde mein Leben dahinfließt, seit Adas süßes Bild vor meinem Geiste immer wieder auftaucht. Wenn ich sie hier haben dürfte als mein angebetetes Weib, welch' ein glückliche» Dasein sollte es mir werden- Haben Sie Erbarmen, taffen Sie mich zu ihr eilen und in ihren blauen Augen mein Schicksal lesen!"
Und bald kam eine Antwort auf diesen Brief. „Ich danke Ihnen herzlich, sehr verehrter Herr Major, für Ihren Brief, der mir viel zu denken gab, und ich meine wohl das Richtige getroffen zu haben, wenn ich Ihnen nun endlich sage: Kommen Sie zu meinem Kinde, damit seine Augen wieder lernen, zu lächeln!"
Wie jener ernste Mann im einsamen Zimmer aufzauchzte beim Lesen dieser Zeilen, wie er emporsprang und im Auf- und Niederschreiten seine Gefühle zu bezwingen suchte.
„Nicht mehr allein," murmelte er leuchtenden Blickes, „ein Stern fällt nieder vom Himmel an mein Herz! Und ich will ihn hegen und hüten bis an mein Ende, bis der letzte Athemzug beim Nennen ihres Namens entflieht. O, Ada, mein theurer Liebling!"
Leise schritt er hinüber in das Kinberzimmer, wo hinter grünseidenen Vorhängen ein süßes, rosiges Gesichtchen schlummerte; zärtlich neigte er sich über sein kleines Töchterchen.
„Schlafe süß, mein Liebling," flüsterte er bewegt, „Du sollst eine neue Mutter bekommen, die Dich zärtlich in ihre Arme schließt. Ja, Gott helfe mir dazu, daß ich sie erringe.
Auf Schloß Bärfeld wurden all' die Festvorbereitungen getroffen, Kuchen gebacken, Marzipan gerührt, das Haus ze» putzt und endlich stellte man auch den grünen, duftenden Tannenbaum in den großen Saal, wo die Bescheerung aufgebaut werden sollte. , „ , .
„Onkel Eduard hat sich angesagt," bemerkte die Baronin eines Morgens lächelnd, „er will am Tage vor dem heiligen ^^"^Dein^Bruder Traunstein?" frug Bärfeld hinter der Kreuzzeitung hervor- „O, das ist schön, der wird Leben und Heiterkeit in das Fest bringen. Ich hole ihn natürlich I !‘dbfi „Ada kann Dich begleiten," meinte die Mama, „ich habe i noch etwas zu thun, wobei ich sie nicht brauchen kann und da ! ist mir's lieb, wenn sie fort ist."
(Schluß folgt.)


