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Voll tiefster Empörung wendet Lola ihm den Rücken.
Jetzt tritt der .Fürst" hervor. Sein Gesicht ist bleich, doch ernst und entschloffen.
W „Ich verlange, daß man auch mich anhört!" ruft er leb» hast- „Mich, den Gatten dieser Dame."
Wieder fährt Gerald heftig auf. Und wieder hält ein bittender Blick Lolas ihn zurück.
„Ich gebe zu," fährt Jener fort, „daß ich ein Abenteurer, ein Mann ohne Grundsätze, ohne Moral bin. Ich gebe zu, daß ich diese — wie soll ich mich ausdrücken — diese An» gelegenheit gegen Bezahlung in die Hand genommen habe — theils aus Dankbarkeit gegen Lord Rawdon, theils aus Lust, einmal eine Hauptrolle in der Comödie des Lebens zu spielen. — Aber — und nun hören Sie, hören Sie gut zu! Ich weise das mir gebotene Geld zurück- Ich bin ein Spieler, ein Abenteurer, ein Betrüger — aber ich habe ein Herz wie andere Menschen und ich liebe diese Frau, liebe sie mit grenzen« loser Leidenschaft, liebe sie bis zum Wahnsinn!"
„Nicht weiter! Sie beleidigen die Dame!" ruft Gerald zornglühend. Er kann sich nicht mehr beherrschen.
Ein spöttisches Lächeln spielt um die Lippen des Aben« teurer».
„So?" entgegnet er langsam und mit erhobener Stimme. „Sie vergessen, daß sie mein Weib, mein Eigenthum ist, und daß ich Anspruch an sie erheben kann."
Mehrere Secunden lang stehen alle Drei sprachlos da. Diese Wendung der Sache ist zu unvorhergesehen. Eine entsetzliche Angst überfällt Lola. Sie kennt das Gesetz nicht. Aber lieber den Tod, als eine Ehe mit diesem Mann!
„Das ist eine Unverschämtheit!" ruft Lord Rawdon. Hochmüthig blickt er in das schöne Gesicht des Abenteurers, der den Blick ruhig überlegen erwidert.
„Wieso?"
„Ich habe Sie bis zu einer bestimmten Zeit für meine Zwecke engagirt. Die Zeit ist abgelauftn; Sie haben die Ihnen zudietirte Rolle gespielt. Sie werden dafür bezahlt werden und sind entlassen."
„Nicht doch, Lord Rawdon. Sie hätten die Folgen bedenken sollen. Konnte ich Tag für Tag in das himmlische Antlitz blicken, die süße Stimme hören, die weiche Hand berühren, ohne sie zu lieben? Soll ich stärker sein, als all' Ihr Anderen, Ihr Aristokraten? Ihr Beide wißt, daß Ihr den Boden anbetet, den das göttliche Weib betritt. Und ich sollte kalt bleiben? . . . Nein, sie ist meine Gattin vor Gott und den Menschen und sie gehört zu mir I"
Lola zittert am ganzen Körper. Leise legt sie ihre Hand auf Geralds Arm und flüstert: „Schützen Sie mich!"
„Sie ist mein Weib!" schreit der Andere in maßloser Leidenschaft.
„Diese Dame steht unter meinem Schutz!" sagt Gerald, sich gewaltsam beherrschend. „Wer sie anrührt, ist des Todes!" Dann wendet er sich sanft zu Lola, die noch immer angstvoll seinen Arm umklammert.
„Ruhig, Lola, ich schütze Sie! Sie sind bei mir so sicher, wie bei Ihrer Mutter."
Hochaufgerichtet steht er da. Sein Auge flammt; seine Faust ballt sich.
Der Abenteurer lacht laut auf.
„Er ist wirklich merkwürdig! Niemand hat daran gedacht, daß ich Anspruch an mein Weib erheben könnte. Hahahaha! Doch in meinen Adern rollt das wilde Blut der Orlowsky», wenn auch mein Vater meiner schönen Mutter keinen Trauring an den Finger steckte- Ich fühle ihr Feuer, ihre Leidenschaft, ihre Kraft in mir. Wer will mir mein Weib vorenthalten?"
Er macht einige Schritte auf Lola zu. Noch immer haben ihre flammenden Augen ihn keines Blickes, ihre stolzen Lippen ihn keines Wortes gewürdigt. Fester umschließen ihre beiden zitternden Hände Geralds Arm.
Mit einem unbeschreiblichen Blick voll Liebe und Zärtlichkeit beugt er sich zu ihr nieder.
„Niemand wird Ihnen etwas thun, ich schwöre ee Ihnen I" flüstert er innig.
Dann wendet er sich zu Orlowsky.
„Lassen Sie uns die Angelegenheit arrangiren," beginnt er in geschäftsmäßigem Tone. „Sie sehen selbst, die Dame würde sich eher das Leben nehmen — al» mit Ihnen sprechen."
„So ist es!" ruft Lola leidenschaftlich. Ihre Augen sind beständig auf Gerald gerichtet, der in dieser Zeit der Prüfung ihre einzige Hoffnung ist. „Ich werde niemals zu ihm sprechen, ihn niemals ansehen. Der Staub zu meinen Füßen gilt mir mehr, als er. Lord Rawdon ist mein Feind; ihm begegne ich in offenem Kampfe. Der Mann, den er für Geld gedungen, um mich zu betrügen — dieser Mann enftirt für mich nicht."
„Ihr sollt zusammenhalten in guten und in bösen Zeiten, in Krankheit und in Trübsal, bis daß der Tod Euch scheidet!" höhnt Orlowsky. „Ein heiliger Schwur, vor Gott und den Menschen abgelegt!"
„Sie machen sich einfach lächerlich, wenn Sie hierauf fußen wollen," ruft Gerald ärgerlich. „Das Ganze ist nur eine Geschäftsangelegenheit. Zum Ueberfluß bemerke ich noch, daß eine unter falschem Namen geschlossene Ehe ungiltig ist."
. „Mag sein! Doch die meinige nicht. Ich heirathete unter dem Namen, den ich stets geführt!"
„Und der Fürstentitel?"
„Was geht es mich an, wenn die dumme Welt ihn mir zulegt? Im Kirchenbuchs stehe ich einfach als „Alexander Orlowsky". ... Ja, meine Herren, ich habe mich vorgesehen. Jedes Gericht wird mir Recht geben."
Lola steht unbeweglich da. Ihr vorher so stolzes Antlitz verliert mehr und mehr feine Energie- Starr blicken die großen Augen auf Gerald. Was wird er sagen?
„Sie sind ein Unverschämter!" hört sie die kräftige Stimme empört ausrufen. „Sie wußten, welchen Pact Sie eingingen und daß er mit dem Tage der Hochzeit endete."
„Das war Lord N wdons Wunsch, doch nicht der meine. Wenigstens jetzt nicht mehr. Wer eine Frau wie diese da aufgibt, müßte verrückt sein."
„Von Aufgeben ist keine Rede," entgegnet Gerald abweisend. „Man kann nichts aufgeben, was man nicht besitzt."
Alexander Orlowsky lächelt ein wenig.
„Wir werden sehen. Das Gericht soll entscheiden. Ich werde den Fall durch die Gerichtshöfe von ganz Europa ziehen und überall gewinnen."
Lola spricht kein Wort mehr. Ihre ganze Seele liegt in ihren Augen und diese hängen angsterfüllt an Geralds Lippen.
„Seien Sie vernünftig," beginnt dieser wieder, sich gewaltsam beherrschend. „Wozu wollen Sie versuchen, die Dame zu zwingen? Es wäre doch unnütz. Stellen Sie eine Forderung I Was begehren Sie für Ihre Verzichtleistung?"
„Nichts. Ich fordere nur mein Weib. Und selbst angenommen, Sie entführten sie mir, so würde der Eclat nur um so größer fein. Wahrlich — ein pikanter Gesprächsstoff für die Londoner Clubs und Salons! ... Die stolze Schönheit, der alle Cavaliere den Hof machten, die keinen Edelmann in ganz England ihrer Hand für würdig hielt — die Gattin eines russischen Abenteurers. Doch dieser Spieler, Betrüger, Vagabond — was Sie wollen — hat den einen Vortheil vor allen Vornehmen Englands: er besitzt das schönste Weib der Welt und er liebt sein Weib. Voller Interesse wird diese Welt tagaus taget« die Zeitungen nach der Fortsetzung des pikanten Processes durchstöbern und sich das Resultat höhnisch lächelnd ans der Straße, in den Boudoir», auf den Rennplätzen zuflüstern. „Sie heirathete nur den Fürstentitel und ben Reichthum, nicht den Mann," wird man spötteln, „ihr geschieht recht!"
Lola zuckt bei den schonungslosen Worten zusammen- Gerald fühlt, wie ihre Hände eiskalt werden.
„Soll ich ihn niederschießen, Lola?" flüstert er hastig.
„Nein, um Gotteswillen, nein- Nur zu Ende!"
(Fortsetzung folgt.)


