Ausgabe 
12.7.1894
 
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Frau Scheringer- Md dann?" fragte er in höchster Er­regung.

Dann rannte der fremde Herr davon und schlug die Thür hinter sich zu, daß da» ganze Hau» zitterte."

Und Wolski?"

Der lachte und sagte: Dieser Narrl"

Wie hieß der Fremde?"

Das weiß ich nicht- Er ist schlank und trägt einen blonden Schnurrbart."

Das ist mein Mann!" murmelte Adamek.

Was meinen Sie?" fragte Frau Scheringer neugierig.

Ich glaube," erwiderte er, während sein Gesicht einen unsäglich wichtigen Zug annahm,ich glaube, daß eine Frau dahinter steckt. Im Uebrigen," setzte er, von einem neuen Ge­danken ergriffen, hinzu,müssen Sie mir gestatten, daß ich Sie am Abend wieder besuche."

Nach diesen Worten entfernte er sich.

V.

Herr Wendelin Adamek hatte die Wohnung der Frau Scheringer verlassen, um in aller Ruhe was er in Erfahrung gebracht zu überlegen. Für ihn bestand kein Zweifel darüber, daß der zweite Besucher Wolskis mit dem Verbrechen in einem ganz bestimmten Zusammenhangs stehe. Daß eine Frau im Spiel sei, diesen Verdacht hatte er bereits ausgesprochen und Herr Wendelin Adamek war nicht gewohnt, sich über eine Sache zu äußern, wenn seine Vernunft ihm sagte, daß er sich hiedurch lächerlich machen könne. Es war demnach so. Er glaubte daran: Jemand hatte Wolski gedroht, daß er ihn öffentlich durchpeitschen werde, um ihn zum Zweikampfe zu zwingen, jedenfalls in der geheimen Absicht, einen unbequemen und hartnäckigen Nebenbuhler in ritterliche Weise aus dem Wege zu schaffen. Wolski hatte es aber offenbar verstanden, einem Duell auszuweichen er hatte vielleicht durch einen gewissen Hochmuth dazu beigetragen, den Unbekannten zum Aeußersten zu treiben und seine Leidenschaft im höchsten Grade zu erregen.

Wer dieser Unbekannte war, das hoffte Adamek durch jenen Morland zu erfahren, vor dem Wolski offenbar kein Geheimniß hatte, da er sonst seine häufigen Besuche nicht an­genommen hätte. Und sollte auch Morland von dem Un­bekannten nichts wissen, so mußte er doch wenigstens eine Ahnung haben von dem Mädchen, mit welchem der Pole an­geblich sich verloben wollte; denn man kann von einem ver­liebten Menschen nicht annehmen, daß er seinem intimsten Freunde Gefühle verschweigen sollte, über die Jedermann gern und so oft wie möglich spricht. Und dann war es leicht zu erforschen, ob und wer ein Interesse daran haben konnte, Wolski vom Schauplatze der Ereignisse verschwinden zu machen. Aber freilich, wie klug die Sache von Herrn Adamek com- binirt war, sie förderte ihn nicht im Geringsten, so lange er mit Morland nicht gesprochen hatte. Der aber war, seitdem die Unthat geschehen, in Wolskis Wohnung nicht mehr er­schienen.

Dieser Umstand beunruhigte Herrn Adamek außerordent­lich. Er eilte, wie von einer Ahnung getrieben, in die Liechten- steinstraße 121 zurück und wurde dort von Frau Scheringer in das Zimmer geführt, da« Wolski bewohnt hatte. Dasselbe war luxuriös eingerichtet, allerdings mit einer unfeinen Ele­ganz aber immerhin ganz angemessen für einen Mann, der sich nur wenige Stunden während des Tages in seiner Woh­nung aufzuhalten gewohnt war.

Ich verstehe mich darauf," sagte Frau Scheringer, wäh­rend sie die große schöne Hängelampe anzündete, zufriedenen Tones,wenn man seine Zimmer gut vermiethen will, muß man sie elegant möbliren."

Herr Adamek ging, ohne auf die Reden der Wittwe zu achten, ruhelos im Zimmer auf und ab. Er hatte die Hände in die Taschen gesteckt und eine mürrische Miene angenommen. Sein scharfes Auge prüfte Alles, was ihn umgab zumeist die Bttder an den Wänden, welche Pferde darstellten oder

bekannte Jockey», Scensn und Skizzen vom Turf und auch Theaterdamen im Costüm ihrer verschiedenen Rollen.

Ein Lebemann," murmelte Adamek,der mag manchen sonderbaren Freund gehabt haben."

Frau Scheringer ergriff die Gelegenheit zu einer Stand- rede gegen die Schlechtigkeit der Männer, wurde aber bald von dem Geklingel der electrischen Thürglocke unterbrochen.

Das ist vielleicht Herr Morland," meinte sie,ich selbst habe des Abends keine Gäste ein armes, verlassenes Weib wie ich bin ja, ja" seufzte sie, setzte aber int Hinaus- gehen hinzu:Wenn es Morland ist, führe ich ihn herein.»

Wenn es Morland ist," wiederholte Adamek,bann ist da» Glück mir sehr günstig dann ist es auch unzweifelhaft, daß meine Combination sich als richtig erweisen wird. Wollen sehen."

Er nahm wieder eine sreundlichere Miene an und blieb lauschend in der Nähe der Thüre stehen.

Draußen fragte eine Männerstimme, ob Wolski zu Hause sei.

Nein," sagte die Frau,aber es ist ein Herr da, der ihn besuchen wollte. Beliebt es nicht, einzutreten?"

Einen Augenblick ja," antwortete die fremde Stimme, nicht gerade freundlich.

Unmittelbar darauf erschien Frau Scheringer, nach ihr ein Mann von schlanker Gestalt, blondem Haar und eben­solchem Schnurrbart. Er war modern gekleidet und in seiner Haltung von jener gemachten Nachlässigkeit, welche bürgerlichen Stutzern als der vollkommenste Chic erscheint.

Wo ist Wolski?" fragte er, warf sich in einen Lehn­stuhl und nahm so wenig Notiz von der Anwesenheit des Detectiv, als wenn dieser ein Möbelstück wäre, das an feinem altgewohnten Platze steht.

Haben Sie ihn nicht gesehen?" gab dieser zurück.

Herr Morland starrte den Frager eine Zeit lang in einer Weise an, als sei er im Zweifel, ob er überhaupt antworten solle. Endlich lehnte er sich in den Sessel zurück, zog langsam den Handschuh von einer Hand und sagte dann gähnend: Nein, ich war einige Tage verreist und bin eben zurück­gekommen. Ich habe ihn also seit einer Woche nicht gesehen. Warum fragen Sie?"

Der Detectiv antwortete nicht, sondern sah dem jungen Manne unablässig in's Gesicht.

«Ich hoffe," näselte Morland mit einem Lächeln, das man für verbindlich halten konnte,Sie werden mich bei nächster Gelegenheit wiedererkennen, Verehrtester. Im Uebrigen, mit wem habe ich das Vergnügen?" Er betonte jede Silbe dieses letzten Wortes und blickte Adamek streng an.

Dieser stellte sich unter die Lampe.Mein Name ist Adamek und ich bin Detectiv."

Ah, es freut mich," erwiderte Morland und sah kühl an ihm auf und nieder.Was hat Herr Wolski angestellt? Ein kleines Abenteuer, he? Ich kenne feine Schwächen."

Adamek schüttelte den Kopf.

Wissen Sie, wo Herr Wolski zu finden ist?" frägte er vorsichtig.

Gewiß nicht, Verehrtester," erwiderte Morland leichthin und lachte.Er dürfte nicht weit von hier fein, da er mir nicht erzählt hat, daß er eine Reife vorhabe. Was er auch gethan haben mag, es wird mich nicht überraschen, denn er war immer ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd war und"

Er zahlte pünktlich," warf Frau Scheringer ein-

Ein beneidenswerther Ruf," fuhr Morland belustigt fort,und noch dazu einer, den ich leider nicht besttzen werde. Aber warum diese Fragen nach Wolski? Was geht denn eigentlich mit ihm vor?"

Er ist tobt," sagte Adamek schnell.

Die ganze Gleichgiltigkeit Morlands war verschwunden. Er sprang aus.

Todt?" wiederholte er.Was sagen Sie?"

Ich sage, daß Ottokar Wolski in einem Fiaker ermordet worden ist."