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ich
zu
er
zählen."
„Mein Geschmack hat sich nicht geändert."
„So sollen Sie auch heute von mir hören — etwas aus meiner Vergangenheit, eine traurige Episode, die mir mein ganzes Leben getrübt hat — etwas, das ich noch Niemand erzählt habe." , „
Und er erzählte mir von seiner schönen Schwester, wie dieselbe sich hatte verführen lassen und Schmach und Schande über ihre ganze Familie gebracht hatte. Und er erzählte Alles in so rührender, einfacher, zu Herzen gehender Weise,
reden, Sie zu amüsiren?"
„Es fiel Ihnen doch sonst nicht so schwer, mit mir plaudern."
„Sonst sagten Sie immer, ich sollte Ihnen von mir
„Ist es nur der Trennungsschmerz von dem Geliebten," fuhr er hastig fort, „dann freilich bin ich hilflos; ist es aber, was ich fürchte, dann kann ich Ihnen vielleicht mit Rath und That beistehen. Wollen Sie mir nicht vertrauen? Ich verspreche Ihnen, Alles, Alles daran zu setzen, um Sie wieder glücklich zu machen."
„Sie sind sehr gütig," hauchte ich, „aber es ist nicht möglich."
„Dann will ich Sie nicht länger quälen- — Wollen Sie sich in Ihr Zimmer zurückziehen, so gehen Sie, ich werde Sie bei der Gesellschast entschuldigen."
Ein stummer Dankesblick war die Antwort; dann eilte ich die Treppe hinaus. —
Victor war in dem geheimen Zimmer verborgen, Lrsette sorgte dafür, daß es ihm an nichts fehlte und ich stahl mich vor Zeit zu Zeit zu ihm, aber immer nur auf wenigs Minuten, um keinen gefährlichen Verdacht zu erregen.
XI.
So schwer es mir ward, konnte ich doch nicht zurück- bleiben, als wir Tags darauf eine Einladung zu Herrn und Fräulein Pontinus erhielten. Mit welcher Last auf dem Herzen betrat ich das Haus der mir sonst so lieben Menschen! Er war mir eine wahre Qual, da im Kreise heiterer Menschen zu sitzen, -an ihrem Lachen und Geplauder scheinbar theilnehmen zu müflen, während meine Gedanken, mein Sehnen doch bei dem waren, von dem ich vor einer Stunde bis zum Abend Abschied genommen hatte.
Als die Gesellschast sich nach dem Essen zerstreute, während diese sich am Clavier amüsirten, jene plauderten, ein Dritter und Vierter Albums durchblätterten, zog ich mich in ein kleines Boudoir zurück.
Nach einiger Zeit steckte Fräulein Pontinus den Kopf zur Thüre herein.
„So allein?" sprach sie; doch eben im Begriff, sich zu mir zu setzen, wurde nach ihr verlangt- „Ich werde Ihnen Jemand schicken, der Sie besser zu unterhalten versteht, als ich," setzte sie darauf lächelnd hinzu-
„Ich danke, aber ich habe etwas Kopfweh und blerbe lieber allein," entgegnete ich.
„O, ich schicke Ihnen Jemand, der Sie nicht quält, der Sie ebenso gern hat, wie Sie ihn —"
Darnit eilte sie mit einem muthwilligen Lächeln wieder davon-
Müde lehnte ich mich in den Stuhl zurück- Es war schon spät und noch dachte Niemand daran, aufzubrechen. Wie würde es inzwischen meinem armen Gefangenen gehen? —
„Wenn Sie es wünschen, will ich mein Möglichstes thun," hörte ich da Rodeggs Stimme, „aber noch weiß ich nicht, wem ich mich widmen soll."
„Gehen Sie nur da hinein und seien Sie versichert, daß Sie sich sehr gut unterhalten werden — die junge Dame ist
daß meine Augen sich mit Thränen füllten und ich trotz allem Weh, das ich selbst in meiner Brust verborgen trug, tiefes Mitleid mit dem Manne empfand, dessen Leben durch den Fehltritt seiner Schwester sich so trübe, so ernst, so vertrauens» los gestaltet hatte.
„Ich habe Ihre Aufmerksamkeit lange genug in Ampruch genommen," sagte er mit plötzlich veränderter Stimme, „und danke Ihnen, daß Sie der Erzählung eines fast Fremden -- wie Sie kürzlich meinten — mit so viel Interesse gefolgt sind/
„O, das sagte ich neulich nur in der Aufwallung des Augenblicks und 'bereute es schon in der nächsten Minute, wie so Manches, so Vieles, was ohne meinen falschen Stolz, ohne meine Heftigkeit .nie über meine Lippen gekommen wäre. Ader nicht wahr, Sie verzeihen mir, wenn ich Ihnen versichere, daß es mir leid thut, Sie gekränkt zu haben?"
Er lehnte sich über den Tisch, beschattete das Gesicht mit der Hand und schaute mich eine Minute lang mit traurigem Ausdruck an.
„Ihnen verzeihen?" sprach ersinnend. „Nein, verlangen Sie das jetzt nicht I Wenn ich meinen Stolz, meine Leidenschaft besiegt haben werde, dann bin ich vielleicht im Stande, Ihnen zu verzeihen, aber nicht jetzt — nicht jetzt I"
„Es ist wohl Zett, aufzubrechen," erklang da Tante Aurelies Stimme, — sie hatte nur im Auge, unser tetc-ä-tete zu unterbrechen, ohne zu wissen, wie sie meinem Wunsche damit entgegenkam.
XII.
„Wie steht's — wie geht es ihm?" fragte ich Lisette, sobald wir heimgekehrt waren und diese mir in mein Zimmer folgte.
„Gut," erwiderte sie, „wenigsten« ist nichts Außergewöhn- liches vorgefallen. Der arme Herr Blanchard steht aber so blaß und angegriffen aus; ein Wunder ist es freilich nicht, so tagelang allein eingeschlossen zu sein in dem melancholischen Zimmer mit all' den halbverwttterten Sachen, Büchern und Bildern, die noch von Fräulein Marianne da sind."
„Davon aber weiß Herr Blanchard doch nichts," sprach ich; „Sie haben ihm doch nichts von dem traurigen Geheim» niß erzählt, das über diesem Hause schwebt?" setzte ich schnell hinzu, als ich den halb verlegenen Blick auf Lffettes Gesicht bemerkte.
„Es war nicht meine Absicht," versetzte sie, „aber er ließ mir nicht Ruhe, bis ich ihm Alles erzählte, was ich von der ganzen Sache wußte. — Ich weiß nicht recht, wie er überhaupt darauf gekommen fein mußte — ich glaube, durch einen Zettel, den er in einem Buche fand, in dem er wohl gelesen hatte. — Als ich gestern mit dem Essen bei ihm eintrat, starrte er mit so todtenbletchem Gesicht und so seltsamem Ausdruck auf den Zettel, daß ich fast vor ihm erschrak. Dann bestürmte er mich mit einer Menge Fragen und dabei sah er mich mit feinen schwarzen Augen so durchdringend an, daß ich nicht wagte, ihm etwas zu verschweigen. Dann fragte er mich, ob Rodegg seine Schwester wirklich lieb gehabt, ob er sich um sie gehärmt und ob er nicht versucht hätte, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen. Und als ich ihm sagte, ihr Name hätte niemals wieder genannt werden dürfen, Alles, was ihr einst gehört habe, sei in ihrem einstigen Zimmer verschlossen worden, er thue Alles, sie zu vergessen, da wich die letzte Spur von Farbe au« seinem Gesicht, und die Hände ballend, stieß er die Worte hervor: Aber er soll sie nicht vergessen!" ,
So sehr es mich darnach verlangte, Victor zu sehen, war es mir an dem Abende doch unmöglich, unbemerkt zu ihm zu gelangen. Gleichsam, als hätte sie eine Ahnung von dem, was im Hause vorging, machte Frau Altener sich so permanent etwas auf dem oberen Corridor zu schaffen, daß ich meine Ungeduld zügeln und bis zum nächsten Morgen warten mußte. Aber auch da schien mir jede Möglichkeit, ihn zu sehen, verschlossen zu werden.
(Fortsetzung folgt.)
meine specielle Favoritin."
Rodegg machte ein ziemlich überraschtes und wenig er» freute« Gesicht, als er mich erkannte.
„Fräulein Pontinus schickt mich zu Ihnen, Sie zu unter» halten," fing er, sich mir gegenüber an den Tisch setzend, in halb heiterem, halb tiefernstem Tone an. „Wovon soll f,


