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Dienstags bett 9. October.
Im Strome des Lebens.
Romnn von Jenny Piorkowska.
(Fortsetzung.)
Der Tanz war vorüber, die Gesellschaft verstreute sich. „Wollen wir nicht ein wenig frische Luft schöpfen?" Ich nahm seinen Arm und trat mit ihm hinaus auf die Terrasse.
„Nein, nicht hier; lasten Sie uns einen einsamen Platz aufsuchen, wo wir wenige Minuten ungestört sind."
„Wer sind Sie?" fragte ich verwundert.
Da neigte er sich zu mir herab und flüsterte mir einen Namen in's Ohr, bei dem mein ganzer Körper erzitterte und alles Blut mir zum Herzen drang.
„Willst Du mit mir kommen?"
Schweigend nickte ich mit dem Kopfe und folgte ihm die Terrasse hinab, durch die dunklen, gewundenen Fußwege, bis wir fast am Ende des Parks an einen halb verfallenen Gartenpavillon gelangten.
Unheimlich stöhnte der Nachtwind, der bald hinter Wolken verborgene Mond warf lange, geisterhafte Schatten; jeder Ton der vom Winde bewegten Bäume machte mich erzittern.
Wie gebrochen war er auf eine Bank niebergesunken; nach einer Minute tiefen Schweigens schob er Kapuze und Maske vom Gesicht zurück und sah zu mir auf; doch mit einem bangen Schrei wankte ich mehrere Schritte zurück; kaum vermochte ich in dem verhärmten, erdfahlen Gesicht, in den angstvoll, unstät blickenden Augen auch nur einen Zug von Victors schönem Gesicht wiederzuerkennen.
„Wozu dieses Entsetzen vor mir?" sagte er mit einem Lachen, bei dessen Ton mir das Blut in den Adern gerann. „Wozu die bleichen Lippen so aufeinanderpressen, um den Schreckensruf zu ersticken? Ich habe mein Leben gewagt oder vielmehr verkauft für diese Unterredung, und doch werde ich meine schuldbefleckten Finger nicht auf diese Hand legen, die mir versprochen ward, nicht werde ich auch nur den Saum dieses weißen Gewandes berühren. Aber steh' mich nicht mit solchem Blicke an! — Du möchtest mir sagen, daß Du mich noch liebst? — Warte damit, bis Du Alles weißt, bis ich Dir Alles gebeichtet habe."
„Du brauchst mir nichts zu sagen, Victor," stammelte ich, „ich fürchtete es von Anfang an."
„Du fürchtetest es? — Und doch wagtest Du, hierher zu kommen — allein mit mir — um Mitternacht? O nein, un
möglich kannst Du Alles wissen! Darf ich reden — willst Du mich anhören?"
Ich nickte und er Hub zu erzählen an.
„In einem der nahegelegenen Orte der Provence verbrachte ich mit meiner melancholischen Mutter eine traurige, freudlose Jugend. Oft verstrichen Monate, ohne daß ein Fremder seinen Fuß über unsere Schwelle gesetzt hätte. Die Leute sahen uns mißtrauisch von der Seite an, wenn sie der blassen Frau mit dem Knaben begegneten; den Dorfkindern wär verboten, mit dem kleinen Deutschen zu spielen, sie höhnten und verspotteten mich und ich haßte und verabscheute sie dagegen. Als der Tod mir die Mutter raubte, da erfuhr ich das traurige Geheimniß meiner Geburt; und der Gedanke, daß dieser Makel mir sür's ganze Leben anhaftete, daß ich in den Augen der Welt ein Ausgestoßener war, erfüllte mich mit Haß und Bitterkeit gegen meine Mitmenschen. Und fort trieb es mich in die . fremde Welt, zu fremden Menschen, die nichts von meiner Schande ahnten. Aber das Schicksal hatte kein Erbarmen mit mir. Kaum der verhaßten Heimath und mit ihr, wie ich hoffte, allen schlimmen Erinnerungen entflohen, warf ein heftiges Fieber mich wochenlang darnieder, und als ich das Schlimmste überwunden hatte und wieder ich selbst war, da mußte ich erfahren, daß ich im Delirium mein Geheimniß verrathen hatte und zwar verrathen an einen Menschen, dem weder Ehre noch Mitleid die Lippen versiegelten, der vielmehr in seiner boshaften, gewiffenlosen Weise sich diese Entdeckung zu Nutze zu machen suchte. Was blieb da mir Armem übrig, als den Mitwisser meines traurigen Geheimnisses zum Schweigen zu bringen? Das schien anfangs ein Leichtes zu sein; forderte Jener für sein Schweigen doch nichts als Vertrauen und Freundschaft. Aber wehe! Bald ließ die Schlange ihren Stachel fühlen, und fester und fester wußte sie die Netze um ihr Opfer zu ziehen. Der Elende verfolgte mich auf Schritt und Tritt, er spürte mir nach, er folgte mir in die Gesellschaft, wo man sich über meine Freundschaft mit ihm wundern mußte und eigene Schlüffe daraus zog.
„Ich errang mir eine Stellung in der Gesellschaft, ich erwarb mir edle Freunde; das Schicksal begünstigte mich und ich wäre glücklich gewesen, wenn Doctor Feudlers verrätherisches Auge mich nicht immer auf der Hut hätte sein lassen. — Endlich kamen wir uns aus den Augen, aber nur, um uns in Rodegg wiederzusehen, als gerade neue Hoffnungen der Liebe mich erfüllten; und bald lag feine heimtückische Hand auf der nie vernarbenden Wunde, und mit neuem Eifer suchte er sein Opfer in die Verzweiflung zu treiben, als er entdeckte, daß ich nicht umsonst um ein Mädchen warb, daß sich von ihm mit Abscheu abgewendet hatte. Hier fand er Gelegenheit, die


