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1894.
8 nrn. Wi lVMNLM
Donnerstag, den 8. Miz.
Die Wallfahrt nach Czenstochau.
Roman von Johanna Berger.
(Fortsetzung.)
Jadwiga schüttelte verneinend den blonden Kopf. „Ich habe Ihnen doch gesagt, daß die Comtesie den Strauß haben soll!"
Roman ließ ungeduldig seine Peitsche durch die Lust sausen. „Du wirst thun, was ich verlange," sagte er scharf. „Denkst Du etwa, es soll immer Alles nach Deinem Kopfe gehen. — Nun, werde ich den Strauß bekommen oder nicht?"
„Sie sind der Herr und ich muß gehorchen," antwortete gelassen da» Mädchen, indem sie ihm die Blumenvase hin« reichte.
„DI" rief er ärgerlich aus. „So war's nicht gemeint! — Aber Du willst mich absichtlich nicht verstehen, und wenn Du mir die Blumen nicht freiwillig geben willst, dann behalte ste lieber! Wird es Dir denn so schwer, mir diesen Wunsch zu erfüllen?"
Jadwiga sah zu Boden, es kämpfte in ihren Zügen- — „Ich muß fort," sagte ste schüchtern. „Lasten Sie mich gehen, Pan Roman, ich habe noch in der Küche zu thun."
«Ja, geh'! Ich will Dich nicht aufhalten, aber —" Er faßte ihre Hände und hielt sie fest. „Aber vorher mußt Du mir erst Antwort auf meine Frage geben — ein kurzes Ja oder Nein!"
Seine Wangen rötheten sich, als er mit seltsam weicher und bewegter Stimme die Worte hinzufügte: „Jadwiga, gib mir eine Blume, nur ein einziges Jasminzweiglein oder lieber eine rothe feurige Rose. Willst Du? — Sag' ja!"
„Wüßte nicht, was dem gnädigen Herrn daran gelegen sein könnte!" sagte sie leise, während sich ihre Wimpern noch tiefer über die Augen herabsenkten.
„Also ein Nein!" rief er heftig, indem sein Fuß ungestüm den Boden stampfte. „Es thut mir leid, daß ich so viele Worte um das armselige Grünkraut verschwendet habe, an dem mir wirklich nicht das Geringste liegt! Wollte Dich nur ein» mal auf Deinen Gehorsam prüfen!"
Er maß sie mit einem langen durchbohrenden Blick, drehte sich dann kurz um und ging mit dröhnenden Schritten zur Thür hinaus. Sein Gesicht war von Zornesgluth übergossen.
Jadwiga erbleichte und Thränen stiegen ihr in die Augen. Sie preßte die Hand auf die Stirn, als dächte sie tief und ernstlich über etwas nach. Doch nach einer Weile hob sie muthig das Köpfchen wieder in die Höhe. Sie ging langsam
zur Tafel und stellte die Vase mit dem Strauß in die Mtte derselben.
Da wurde plötzlich die große Flügelthür, welche in das Vestibül des Hauses führte, heftig aufgeriffen und eine ältere, kleine, corpulente Dame flog in den Saal- Sie zog die lange Schleppe ihres hellblauen Seidenkleides mit einem Ruck über die Schwelle, riß ungeduldig die Handschuhe von den Händen, band hastig ihre Hutbänder auf, schleuderte Alles auf einen Stuhl und schüttelte sich.
„Jesus, Maria und Joseph!" rief sie aus. „Was bin ich echausfirt — ja, rein caput. Drei Stunden bin ich in der Stadt umhergefahren, um Spitzen zu meinem neuen Atlaskleide zu kaufen — in wenigstens zehn Magazinen suchte rch darnach, aber in unserem Neste war nichts Ordentliches zu finden. Ich bin außer mir, denn ich muß die Spitzen morgen haben! — Nachher brachte mich auch noch der Conditor in Zorn, er will uns keine Torte backen, da ihm die Sahne ausgegangen ist! Nun stelle Dir die Blamage vor, keine Torte zu unserem Souper! — Was werden unsere Gäste davon denken? Es ist ein wahres Elend, daß es in Czenstochau nur einen einzigen Conditor gibt! — Und zu dem vielen Aerger kam noch dazu, daß der Frannschek wieder einmal so betrunken war, daß er beinahe wom Kutschbock fiel. Die Pferde gingen wie Schnecken und wären schließlich mitten auf der Landstraße stehen geblieben, wenn ich dem Schlingel nicht mit dem Sonnenschirme einen tüchtigen Puff versetzt hätte. Das rüttelte ihn aus! — Aufgeregt und verdrießlich komme ich endlich nach Hause und suche schon eine ganze Weile in allen Ecken nach Dir. Wo hast Du denn gesteckt? Immer, wenn man Dich braucht, bist Du nicht zu finden!"
„Ich habe den Saal hier in Ordnung gebracht, vorher war ich in der Küche, um mit Michalina die Mohnstriegel zu backen," war Jadwigas bescheidene Antwort.
„Ach, erbarme Dich, die Mohnstriegel I" rief die kleine Dame, indem ste beide Hände über dem Kopfe zusammenschlug. „Ach, Kind, Kind, was hast Du damit angerichtetI Ich habe sie bereits gesehen oder vielmehr gerochen I Fi donc, sie duften nach Citronen, welch' ordinäres Parfüm! Und ich sagte Dir doch, Du möchtest Eau de fleurs d’oranges oder Creme de rose dazu nehmen! Mein Gott, mein Gott, das ist zum Rasendwerden, wir blamiren uns wirklich vor unseren Gästen! Keine Torte und — Mohnstriegel mit Odeur von Citronen! Was habe ich doch für Qual und Plage auf der Welt und ich weiß wirklich nicht mehr, wo mir der Kopf steht- — Und Du sagst gar nichts dazu, Du stehst da wie eine Bildsäule! So thue doch den Mund auf und rede ein Wort! Oder noch besser, hole mir ein Glas frisches Brunnenwasser und meinen Kar-


