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„Gewiß nicht," bestätigt Jene sanft. „Glaubst Du, Gerald, daß sie den Fürsten liebt?"
Er schweigt einen Augenblick nachdenklich.
„Ich glaube es, Mutter," sagt er dann ernst. „Den Fürsten umgibt der Nimbus des Fremdartigen. Er konnte leichter ihre Liebe erringen, als wir Anderen, die wir einander Alle ähneln — eine endlose Reihe langweiliger Alltagsmenschen."
Abwehrend hebt die Baronin Hastings die Hand.
„Wie kannst Du Dich zu der Reihe langweiliger Alltagsmenschen zählen!" ruft sie vorwurfsvoll. „Du darfst Dich nicht so herabsetzen, Gerald — selbst nicht um der Baronin Medfort willen!"
Er antwortet nicht. Seine Mutter verletzt zu haben, betrübt ihn tief. Nach einer kleinen Pause sagt er leise: „Liebe Mutter, iS möchte ihr ein Hochzeitsgeschenk senden. Hilf mir, etwas Passendes aurzusuchen. Und dann möchte ich bei der Trauung zugegen sein. Ich will sie nicht sprechen, sondern nur zusehen. Sie liebte mich nicht, Mutter, aber sie hatte mich sehr gern," schließt er mit einem tiefen Seufzer.
„Das Geschenk will ich besorgen; aber von dem Andern rathe ich Dir ernstlich ab, Gerald!"
„Warum? Es wird für mich wie der Gang zu einem Begräbniß sein. Vielleicht sogar bin ich ruhiger, wenn ich sie glücklich verheirathet weiß. Ich habe so viel über diesen Fürsten Orlowsky < elesen und kenne ihn nicht einmal. Ich möchte den Mann wenigstens sehen, mit dem sie ihr Leben zubringen will. Halt' mich nicht ab, Mutter."
„Nun gut, so thu' es," erwidert diese noch halb wider- strebend. „Du darfst mir nicht zürnen, Gerald, aber ich bin froh, daß sie Dich nicht geheiratet hat. Sie mag eine ganz gute Fürstin werden; doch ist sie nicht die Frau, die ich als Deine Gattin, die Mutter Deiner Kinder sehen möchte. — Glaube mir, mein Sohn," fährt sie milde fort, als sie den traurigen Blick seiner lieben Augen gewahrt, „das beste Geschenk des Himmels ist oft die Verweigerung eines thörichten Wunsches! Und nun will ich ein Geschenk für die zukünftige Fürstin Orlowsky auswählen und es ihr in meinem und Dei- nem Namen gleichzeitig senden."
Tags darauf empfängt Lola einen prachtvollen Perlenschmuck mit den besten Glückwünschen der Baronin Hastings und des Barons Gerald. —
XX.
„Ein trüber Hochzeitsmorgen I"
Lisette ruft es im Tone lebhaften Bedauern», als sie die schweren Sammetvorhänge im Boudoir ihrer Herrin von den Fenstern zieht. Gewöhnlich strömt eine Fluth goldenen Sonnenlichtes in den kosigen Raum. Heute ist der Himmel düster, schwarze Wolken ballen sich am Horizont.
Fast ängstlich begibt das Mädchen sich in Lolas Schlafgemach.
„Gnädige Frau Baronin, es ist Zeit, aufzustehen."
Noch ganz verschlafen öffnet Lola ihre großen blauen Augen. Dann hebt sie ein wenig das Haupt und blickt, tief aufathmend, mit einem sonnigen Lächeln im Zimmer umher.
„Wie ist da» Wetter, Lisette?"
„Trübe, gnädige Frau Baronin."
„Schade! Wie hübsch wäre es, wenn die Sonne all' die Pracht beleuchtete!"
Eine Viertelstunde später ruht sie im leichten Morgen- kleid auf der Ottomane und rührt gedankenvoll mit einem Bisquit in ihrer Chocolade.
Ja, die leichtlebige, heitere Baronin Medfort ist heute entschieden ernst gestimmt — gerade wie ein einfaches Bürgermädchen an ihrem Hochzeitsmorgen. Ein ganz neues Leben liegt vor ihr- Bisher hatte sie stets wie ein Schmetterling gelebt, ohne Nachdenken, ohne die geringste Sorge um die Zukunft. In wenig Stunden schon ist sie Fürstin Orlowsky, eine der reichsten und vornehmsten Frauen der Welt. Ein leises Bangen vor der ungewiffen Zukunft, vor der nackten Wirklichkeit des Lebens überschleicht sie.
Das ganze Haus ist in einen Blumengarten verwandelt. Der würzige Duft benimmt fast den Athem. Die Dienerschaft steckt in neuer Garderobe und hat zur Erinnerung an den Tag prächtige Geschenke erhalten. Alles ist in freudiger Er- regung — nur die Sonne will nicht hinter den Wolken her- vorgucken, soviel schöne Augen auch nach ihr ausspähen mögen. Ein paar Vögelchen versuchen, auf den großen Platanen vor dem Hause ein Lied anzustimmen. Vergebens. Eins nach dem andern läßt das Köpfchen sinken und fliegt, wie beschämt über den Mißerfolg, hinweg.
In dem kleinen Empfangssalon, einem reizenden Raum, ganz in Werß und Gold gehalten, warten die acht jugendlich anmuthigen Brautjungfern. Die schöne Braut selbst sitzt, umgeben von ihrer Mutter und einem halben Dutzend Kammermädchen, in ihrem Boudoir und läßt sich ankleiden.
Dort liegt das kostbare Brautkleid aus elfenbeinweißem Atlas mit Stickereien in künstlerischer Vollendung und langen, darüber hinfallenden Orangeblüthenzweigen. Dort liegt auch der duftige Brautschleier mit seiner Krone von zart angehauchten Orangenblüthen. Alles ist bereit, die schöne Braut zu schmücken.
®le gute Pastorswittwe, welche die Hantirungen der Mädchen unter beständigem Schluchzen leitet, hat den ganzen Morgen über schon so viel Thränen vergossen und weint auch über jede Kleinigkeit so herzbrechend, daß Lola schließlich lachend erklärt, die heutige Ceremonie müßte eigentlich eine „Thränentaufe" genannt werden.
Frau March ist unendlich wehmüthig gestimmt. Ihre Gedanken fliegen zurück zu der Zeit, als dis kleine Lola gleich einem Sonnenstrahl durch das Pfarrhaus huschte, als sie sich so liebreizend entwickelte, daß beide Eltern voll Verwunderung auf ihr einziges Kind blickten, als der selige gute Pastor es als höchstes Glück ansah, wenn die Kleine einstens einen braven Pfarrer yeirathete. ... Und jetzt soll sie eine Fürstin werden! Der schlichten, einfachen Dame schmerzt der Kopf von all dem Denken und Grübeln.
Jetzt tritt eines der Mädchen mit einem Bouquet ein, welches der Fürst soeben gesandt — weiße Hyacinthen und Orangenblüthen in einem kunstvoll gearbeiteten goldenen Halter, den unzählige Diamanten zieren.
Lola lächelt nur. Selbst Diamanten sind für sie nichts Besonderes mehr. Da fällt ihr Blick auf die Elfenbeinschale mit Baron Geralds Perlen und das Lächeln erstirbt auf ihren Lippen.--
In dem Palast, welchen der Fürst Orlowsky bewohnt, sieht es an diesem Tage bei Weitem anders aus. Kein Helles Lachen schöner Mädchen, kein ftöhliches Geplauder flinker Dienerinnen, kein leichtes, eiliges Huschen treppauf, treppab, kein Blumenduft, kein halb unterdrücktes Murmeln der Bewunderung.
Früh schon erhebt der Fürst sich von seinem Lager. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Unaufhaltsam hörte die Dienerschaft seinen raschen, ungeduldigen Schritt, seine tiefen Seufzer. In kurzen Zwischenräumen mußte der Kammerdiener immer wieder Cognac mit Sodawasser bringen. Erst al» der Tag schon graute, legte der Fürst sich nieder. Doch auch dann floh ihn der Schlummer.
Als der Kammerdiener da» Schlafgemach betritt, erschrickt er heftig. Des Fürsten Antlitz ist gelblich bleich und eingefallen, seine Augen blicken trüb, seine blutlosen Lippen sind wie im Schmerz zusammengepreßt.
Adolf beobachtet ihn schweigend.
Ist dieser Mann, in dessen Augen wilde Verzweiflung ausgeprägt ist, der glänzende Fürst von ehedem, der glückliche Bräutigam der gefeiertsten Schönheit Londons?
Mit unsicheren, müden Schritten, von Zeit zu Zeit wie von Fieberschauern geschüttelt, schleicht er in seinem Zimmer auf und ab. Plötzlich bleibt er- vor seinem Kammerdiener stehen.
„Wie war doch die Geschichte, die Du mir einmal über Lord Bidsford erzähltest?"
Verwundert blickt Adolf auf seinen Herrn.


