Ausgabe 
4.12.1894
 
Einzelbild herunterladen

NUM

AntephaLLmngsbLaLt $um Gietzenev Anzeigen (Gsneval-Anzeiaevj

Dienstag, den

t_^(g 'M' ®-^T

Verworrene Wege.

Roman von A. Nicola.

(Fortsetzung.)

Als die Gäste sich verabschiedet und ich Edith und Guido Gute Nacht gewünscht hatte, begab ich mich mit schwerem Herzen und schmerzendem Kopf in mein Zimmer. Guidos Klage machte mir Sorge. Wenn doch Walter da wäre und ein ernstes Wort mit Edith redete! Das war meine letzte Hoffnung.

So meinen trüben Gedanken nachhängend, löste ich mein Haar auf und vermißte dabei einen kostbaren Kamm, den ich am Abend getragen hatte. Da ich ihn vergebens in meinem Zimmer suchte, schlich ich leise die Treppe hinab in den ver­ödeten Salon. Ueberall herrschte Todtenstille, Alles hatte sich zum Schlafen zurückgezogen. Gleich an der Thür fand ich den vermißten Kamm; ich hob ihn auf und wollte mich eilends zurückziehen, als ich unter der Thüre, die zu einem kleinen Seitenzimmer führte, einen matten Lichtschein bemerkte. Der Meinung, dis Diener hätten eine Kerze aurzulöschen vergeffen, war ich eben im Begriffe, einzutreten, als der Ton von Stim­men an mein Ohr drang.

Erschrocken, ohne zu überlegen, was ich that, blieb ich stehen und horchte. Bei den ersten Worten, die ich hörte, war ich starr vor Erstaunen und blickte zweifelnd durch die Tlzürspalte.

Mitten im Zimmer stand der Lord, seinen Arm um Ediths schlanke Taille und mit der Rechten ihre zarten Finger umfaffend. Sie sah zu ihm auf; ihr langes Haar hing in krausen Locken auf ihre Schultern.

Im Contrast zu ihrem rosafarbenen Kleide war ihr Ge­sicht geisterhaft bleich. Er redete ihr in leisem, zärtlichem Tone zu.Du strafst uns Beide zu hart, Geliebte," flüsterte er leidenschaftlich.Du willst mich nicht wiedersehen? O, Edith, das darf nicht sein, ich muß Dich wiedersehen! Ich liebe Dich zu innig. Wärst Du mir treu geblieben, so wäre Alles anders geworden!"

Um des Himmels willen, Arthur, laß mich gehen!" rief Edith mit leiser, erregter Stimme.Wie ängstigen mich diese geheimen Zusammenkünfte. Ach, ich wäre des Todes, wenn Guido eine Ahnung davon hätte, daß ich' noch hier bin."

Aber Du liebst mich, Edith? Sage mir noch einmal, daß Du mich liebst!" drängte der Lord, indem er ihre beiden

Hände hielt und sein gefährlich schönes Gesicht dem ihrigen so nahe brachte.

Du weißt, daß ich Dich liebe, Arthur," versetzte sie. O, hätten wir einander nie gesehen! Ich liebte Dich ja schon, ehe ich Guido kennen lernte."

Tiefer Schmerz zitterte durch ihre Stimme; dann einem plötzlichen Gefühle nachgebend, sagte sie bitter:Wie konnte ich mich nur dazu entschließen, meiner ersten Liebe untreu zu werden und im flüchtigen Rausche der Leidenschaft einen An­deren heirathen!"

Rach diesen Worten sah ich sie durch die entgegengesetzte Thür eilends das Zimmer verlassen.

Halb von Sinnen schlich ich leise wieder die Treppe hinauf.

Mir war die entsetzliche Wahrheit geworden, daß Edith und Guido infolge ihres leichtsinnigen, wankelmüthigen Wesens beiderseits unglücklich verheirathet waren und daß eine Katastrophe bevorstand, wenn nicht bald rettend ein- geschritten wurde.

Am nächsten Morgen fanden Guido und ich uns allein beim Frühstück ein.

,Edith schläft sich heute aus," sagte er,sie klagt'über heftiges Kopfweh. Ich fürchte, die späten Abendunterhaltungen bekommen ihr nicht; aber sah sie gestern nicht wieder reizend aus?"

So reizend, Guido," entgegnete ich,daß ich sie an Deiner Stelle aus der schädlichen Atmosphäre der Schmeichler in eine gesündere Luft bringen würde, wo sie nicht wie hier Gefahr läuft, eine oberflächliche Weltdame zu werden."

Mit sorgloser Miene balancirte Guido den Kaffeelöffel auf dem Taffenrand, ohne etwas zu erwidern.

Veranlasse sie, Walter auf einige Zeit zu besuchen," fuhr ich fort.Ich bin überzeugt, daß Ihr ihm von Herzen willkommen seid. Ich nehme es auf mich, Euch Beide in seinem Namen hiermit einzuladen."

Ich thäte es gern," entgegnete er;ob aber auch Edith Lust dazu hat?"

Bleiben Deine Gäste länger hier im Hause?" fragte ich-

Außer Hasewood Keiner," erwiderte Guido.Er spricht immer vom Abreisen, trifft aber keine Anstalten dazu. Ich bin wirklich begierig, wie lange er noch bleibt."

Wenn er bleibt, dann gehe ich! Beide können wir nicht hier im Hause bleiben," sagte ich in entschiedenem Tone.

Da richtete sich Guido aus seiner bequemen Stellung auf und sah mich offenbar betroffen an.Wie soll ich das verstehen?" sprach er.Ist der Lord Dir irgendwie lästig geworden?"