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Schwager könnte es für mich auf der ganzen Welt ja gar gar nicht geben. Gestatten Sie, daß ich Sie jetzt zu meiner Schwester führe, sie wird uns verstehen."
Arm in Arm schritten die beiden Freunde durch den Saal und bald standen sie vor Carola, die sie holdselig lächelnd empfing.
„Der Herr Professor wollte uns schon entfliehen," begann Ernst Pohlmann scherzend und bedeutsam, „aber ich habe ihm erklärt, daß er uns sehr, sehr angenehm ist und hier bleiben muß. Und damit er es vollständig glaubt, soll es ihm auch unser Vater sagen. Inzwischen kannst Du aber aufpassen, Carola, daß uns der Herr Professor nicht entwischt."
Nach diesen schelmischen Worten verließ der Referendar das schöne Paar, in dessen Herzen dir Liebe an diesem Abend so mächtig und edel aufblühte.
Ernst Pohlmann suchte dann seinen Vater auf, um diesen von der bevorstehenden Werbung Galens zu unterrichten. Mit Genugthuung nahm der Bankdirector diese erfreuliche Mit- theilung des Sohne» auf. Wußte er von diesem doch auch schon lange, daß Professor Galen nicht nur ein prächtiger, edler Mensch, sondern auch ein reicher Mann war, denn er entstammte einer alten Hamburger Patrtzierfamile, die mehrere Millionen Mark Vermögen besaß und von der er eine Million geerbt hatte.
„Diese Partie paßt herrlich," flüsterte Pohlmann dem Sohne zu, „es ist wirklich die beste, die sich unserer Carola bieten konnte, denn Professor Galen wird bei seinen glänzen» den Talenten sicher noch eine große CarriZre machen und wahrscheinlich Geheimrath werden. Und dazu ist er noch Be» sitzer eines wirklich großen Vermögens. Laß Dich umarmen, mein Sohn, denn Du bist es ja gewesen, der uns und Carola dieses Glück in's Haus gebracht hat!"
Fast begeistert schloß der Bankdirector den Sohn in die Arme und sagte dann liebevoll: „Ernst, für diese große That mußt Du auch eine Belohnung haben! Ich weiß, Du bist ein Freund von schönen Gemälden und Professor Galen ist es auch. Kaufe Dir mit seinem Rathe ein schönes Oelbild, dreißigtausend Mark stelle ich Dir zur Verfügung."
„Sehr gütig von Dir, lieber Vater," erwiderte Ernst, „ich werde nach Carolas Verlobung von Deiner großmüthigen Spende Gebrauch machen. Jetzt will ich aber die Mutter auf» suchen, um auch ihr die glückliche Botschaft zu bringen."
„Recht, mein Sohn," meinte der Bankdirector und blickte dem Davoneilenden freundlich nach. Dann warf er sich stolz in die Brust und schritt, fast trunken vor Freude und Hochmuth, in den Saal. Denn wenn auch heute noch nicht die Verlobung Carola Pohlmanns mit dem Professor Galen verkündigt werden konnte, so war dieselbe doch so gut wie gewiß und deshalb betrachtete der Bankdirector diesen Tag als einen der größten seines Lebens. Er war von Natur auch viel zu stolz und eitel, um die Freude und den Erfolg, den die bevorstehende Verlobung seiner Tochter mit dem berühmten und reichen Professor Galen darstellte, nicht zur Schau zu tragen, und man konnte es dem Director Pohlmann förmlich ansehen, wie an diesem Abende sein Stolz und sein Ehrgeiz bis in's Unermeßliche noch gewachsen waren. All' die Sorgen und Mühen, mit welchen andere Sterbliche meistens geplagt werden, schienen für Director Pohlmann nicht mehr vorhanden, seine kühnsten Träume in Bezug auf die Verheirathung seiner Tochter Carola waren erfüllt und sein Sohn Ernst, der hoffnungsvolle Referendar, hatte es jedenfalls in der Hand, fein Mück zu machen.
So verlief das Fest in dem Pohlmann'schen Hause glänzend und mit höchster Befriedigung für seine Bewohner. Aber während die Sonne des Glückes eben ihre schönsten Strahlen auf die Familie Pohlmann warf, da nahte auch bereits heimlich ein düsteres Verhängniß.
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Am folgenden Vormittage, nach dem Feste in der Pohlmann'schen Villa, saß der Bankdirector sehr befriedigt in seinem Arbeitszimmer in dem Gebäude der Central-Commerzbank.
Vor Freude über den Erfolg des gestrigen Tages und vor Erregung über den für heute Vormittag halb zwölf Uhr angekündigten Besuch d?s Professors Galen vermochte der Bankdirector kaum die nothwendigsten Arbeiten zu erledigen und die nöthigen Unterschriften unter Briefe, Checks und Wechsel zu geben.
Wiederholt sah Director Pohlmann dann kopfschüttelnd nach der Uhr und klingelte dann dem Bureaudiener Berner. Als dieser erschien, fragte er: „Ist der Herr Director Rustan immer noch nicht eingetroffen, Berner?"
„Nein, Herr Director!"
„Haben Sie genau nachgesehen? Vielleicht ist er erst einmal in die Kellergewölbe oder nach dem Lombard-Comptoir gegangen?"
„Nein, Herr Director l Ich war dort und Niemand hat den Herrn Director Rustan gesehen."
„Es wird ihm doch kein Unglück zugestoßen sein! Er ist doch sonst stets um diese Zeit längst da," murmelte Pohlmann, welcher im Vereine mit dem Director Rustan die Central- Commerzbank leitete. „Ich wollte heute zeitiger als sonst weggehen," sagte Pohlmann dann wieder zu dem Comptoirdienergewandt, „und kann nun nicht weg, weil Herr Director Rustan nicht da ist. Sollte er krank geworden sein? Aber dann hätten wir doch Nachricht von seiner Frau. Großer Gott, es wird doch kein Unglück passtrt sein. Das wäre ein großer Schlag für die Bank. — Berner, eilen Sie sofort in einer Droschke in die Wohnung des Herrn Directors Rustan. Bringen Sie einen Gruß von mir und fragen Sie in meinem Namen, ob der Herr Director vielleicht krank geworden ist."
Der Diener eilte davon, um den Auftrag auszurichten, und als er fort war, verfiel Pohlmann in eine entsetzliche Aufregung.
„Sollte Rustan mich und die Bank hintergangen haben?" flüsterte er dabei mit zitternden Lippen. „Sollte er fort sein, fort in die unbekannte Ferne, um fich den Folgen der verfehlten Speculationen zu entziehen? Und gerade heute, heute an diesem großen, wichtigen Tage für mich! Es wäre entsetzlich, wenn es wahr sein sollte, und würde auch meinen Ruin nach sich ziehen. O, diese Kopflosigkeit von Rustan, wenn er entflohen ist. Wir haben Millionen verloren, aber auch schon Millionen gewonnen, und welche Bank hätte noch keine Verluste erlitten!"
Pohlmann sprang jetzt auf und eilte in Rustans Arbeitszimmer, um dort nach irgend welchen verdächtigen Anzeichen zu suchen. Aber keine Spur war davon zu entdecken, daß der Director Rustan heimlich entflohen sei oder sonst etwas Außer- aewöbnliches beabsichtigt habe.
„Es ist ihm schließlich doch nur ein Unfall zugestoßen," dachte dann wieder Pohlmann, „Rustan war gewohnt, früh einen Spazierritt zu machen, vielleicht ist ihm dabei ein Unglück passirt."
Mit diesen Gedanken ging Pohlmann in sein Arbeitszimmer zurück, doch kaum war er dort wieder eingetreten, so erhielt er durch die Post einen von Rustans Hand geschriebenen Brief. Derselbe war, wie Pohlmann sofort am Poststempel sah, erst heute Morgen gegen sieben Uhr zur Post gegeben worden. Mit zitternden Händen öffnete Pohlmann das Schreiben. Dasselbe trug das Datum des heutigen Tages, war also auch erst heute Morgen geschrieben worden, und lautete:
„Lieber Pohlmann!
Da es mir nach den großen Verlusten, die wir bei unseren Speculationen erlitten haben, ganz unmöglich geworden ist, unter der fortwährenden Angst des Zusammenbruchs unserer alt berühmten Central-Commerzbank weiter zu leben und ich auch ganz äußer Stande bin, mit Hilfe waghalsiger Manöver die Bank über Wasser zu halten, denn dazu bin ich in meiner Energie zu schwach und in meinem Geiste zu zerrüttet, so habe ich beschlossen, aus diesem Leben zu scheiden. Damit außer Ihnen kein Mensch erfährt, daß ich absichtlich den Tod suchte, werde ich auf meinem Spazierritte heute Morgen in der Nähe des Waldbaches Gift nehmen


