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Beide begrüßten mich sehr herzlich, dann nahm Josephine neben Rodegg Platz und plauderte mit ihm, als wären sie alte Freunde. Nach einer halben Stunde saß ich so stumm und unbeachtet da, daß ich mich unwillkürlich fragte, ob man mich denn ganz vergessen habe.
Kurze Zeit später hatte auch Rodegg sich verabschiedet und ich befand mich allein in fremdem Hause, unter fremden Menschen, für die ich in der ersten Stunde unserer Bekannt« schast noch wenig Sympathien empfand.
Das mir bestimmte Zimmer hatte ein freundliches Aussehen und man sah nach dem Garten in's Grüne; es war in der zweiten Etage gelegen, neben dem Kinderzimmer, aus dem ich die kläglich jammernde Stimme meiner dritten Cousine, der
Schnell, bevor Jemand kommt, damit ich es rasch wieder in das verschlossene Zimmer thun kann."
Damit öffnete sie die Hand und reichte mir ein Medaillon Männerkopfe» einee interessanten brünetten jungen .... Ehrend ich mich noch in lauter Bewunderung erging, m trat ein. In meiner
qLS h8 ?ebftS°rn haW in meine Tasche gleiten, um es Lisette bei erster Gelegenheit zurückzugeben; diese Gelegenheit sollte sich aber so bald nicht finden.
Eine Stunde später machte ich mit Rodegg einen weiten Spazierritt, ohne sie wiedergesehen zu haben — ein herrlicher Ritt, auf dem Rodegg mir zum ersten Mals von sich und seiner Vergangenheit erzählte. Wenn er nur ebenso schön geendet hätte, aber wie schon so oft, wollte ich auch da meines Be« gleiters wohlgemeintem Rathe nicht folgen und mußte es bitter vmn Pkrde, zum Glück, ohne mir ernstlich Schaden zu thun, doch Schreck und Erschütterung benahmen mir für einige Zeit die Besinnung. Glücklicherweise befanden EfUNS dicht vor dem, Rodeggs Besitzung nächstgelegenen f „ .Als ich die Augen wieder aufschlug, lag ich in einem mir fremden Zimmer. Gegen den Kamin lehnte Pastor Lenndorf, dessen momentane Gäste wir waren; neben dem Sopha, auf das man mich gebettet hatte, standen Rodegg und ein Arzt Doctor Feudler, dessen süßliches Wesen mir vom ersten Augen- blickanso unangenehm war, daß ich die Hand, die meinen Puls fühlte, am liebsten heftig von mir abgeschüttelt hätte.
Wäre es nach seinem Kopf gegangen, so hätten wir noch tagelang in dem Pfarrhaus bleiben müssen; mich aber trieb es so mächtig heim, daß Rodegg — auf meine eigene Gefahr, wie er lächelnd meinte — noch an demselben Abend mit mir I zurückfuhr; zwei unangenehme Erinnerungen aber brachte ich I von diesem Ausritt mit heim: den Gedanken an Doctor Feud- ler, der es für feine Pflicht hielt, sich auch ferner nach meinem Befinden zu erkundigen, und die Entdeckung, daß das Medaillon I mit dem Männerkopf aus meiner Tasche verschwunden war. I Weshalb — ich weiß es nicht - aber unwillkürlich lenkte | Mm Verdacht sich auf Doctor Feudler, der bei all' seiner I Liebenswürdigkeit nicht vermochte, einem Menschen offen und | gerade in's Gesicht zu sehen.
O»wie glücklich war ich, als ich mich wieder in meinem I "eben Rodegg befand; aber ach, die Freude sollte sich bald I m bitteres Weh verwandeln! Daheim erwartete Rodegg ein I Brief von Tante Aurelie, worin dieselbe schrieb, daß sie an- Mge, sich ernstliche Sorge um mich zu machen, und wenn I Egg ihr nicht umgehend unsere baldige Ankunft melde, sehe ste sich genöthigt, zu Haus Alles im Stich zu lassen und selbst zu kommen, um mich zu holen.
. ."ffas gedenken Sie zu thun?" fragte ich, als Rodegg mir beim Abendessen den Inhalt de, Briefes mittheilte.
- »Ich habe bereits geschrieben, daß wir übermorgen früh I jetjn Uhr von hier abreisen werden."
Ich biß mir auf die Lippen und schluckte krampfhaft die Thränen hinunter, aber umsonst - plötzlich gab meine Wtllens« traft nach und das Gesicht in den Händen verbergend, brach Ä t!n leidenschaftliche Thränen aus. Rodegg nahm meine Hände und wollte sie mir vom Gesicht wegziehen, doch plötzlich «eß er sie los und ging mehrmals mit hastigen Schritten durch
Zimmer; dann setzte er sich neben mich nieder.
'Ae machen mir die Trennung ja nur noch schwerer, wenn Sie so bitterlich weinen," sprach er in unendlich weichem £ "®ie werden Ihren Kummer schnell vergessen und sich m Ihrem neuen Heim bald ebenso glücklich fühlen wie hier; S!? T wir wird es ohne meine liebe kleine Freundin
*e^r ^nsam sein — während Sie in vier Wochen kaum no* an mich und an mein Hiersein denken werden."
„Warum behandeln Sie mich immer wie ein Kind, wie "n unvernünftiges Spielzeug?" rief ich mit vor Zorn funkeln-
?3ch bin dessen so müde, daß ich Sie darum konnte!
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I fam denn Nicht ein Kind," sprach er dann in lang.
I & 50tteJ "wuß ich denn Ihre Gefühls und
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| »Habe ich nicht Recht?" fuhr er fort. Mäbrsnb I in der einen Minute für eine vernünftige "junge Dame Ä?Aroe1rb-tt W in der nächsten Minute von
I wir ab und schmollen und weinen wie ein Kind."
Zu jeder anderen Zeit hätten seine Worte von Neuem emen ganzen Sturm leidenschaftlichen Zorns in mir wach?
I gerufen, jetzt aber beseelte mich nur ein Gedanke. $ | „Ach, behalten Sie mich hier I" bat ich. , Ich will ia ! SS? H?b drav, will Ihnen nützlich sein, nur
i wich nicht fort in die kalte, fremde Welt! Ver-
I Sie es nur, flehte ich, „ich will so liebenswürdig j 'ein' daß Sie sich nicht über mich zu beklagen haben!" 9
unmöglich, Kind," erwiderte er ernst, den Kopf schüttelnd; „jetzt müssen wir uns dem Wunsche Ihrer Tante S aber wenn Sie wollen, sollen Sie mich bald einmal 5 roie Schloß Rodegg sich zur Sommer-
&> ”®eSe“6 ' “ ®erbe"@ie --mmm, „Bis dahin werden Sie mich vergessen haben I" „Glauben Sie?" entgegnete er lächelnd.
V.
wandte ich meinem lieben Rodegg den Rücken mit rothverwemten Augen und ach, mit schwerem Das schwerste aber — die Begrüßung meiner Ver- wandten — stand mir noch bevor.
Es war schon dunkel, als wir vor dem Hause vorfuhren und von dem uns öffnenden Diener in ein elegantes, luxuriös ausgestattetes Zimmer geführt wurden. Eine Dame, die ich ! sofort als Tante Aurelie erkannte, kam uns entgegen und be- grüßte meinen Begleiter in liebenswürdigster Weife.
„Wo haben Sie das Kind?" fragte sie darauf, als ich mich «och eine Minute hinter Rodegg ihren Blicken entzog.
„Hier," versetzte er lächelnd, indem er ein wenig zur Seite trat. 0 9
„Wie? Du bist meine Nichte?" rief Tante Aurelie be- troffen, indem ste meine beiden Hände ergriff und mir einen leichten Kuß auf die Stirn drückte. „Das ist das Kind, von dem Sie mir so viel schrieben? Das Kind, das Sie unter Ihren Schutz genommen haben?" wandte sie sich darauf zu Rodegg, indem sie ihn forschend ansah. „Es scheint allerdings, als wären unsere Ansichten über den Begriff „Kind" sehr verschieden."
Da« Eintreten meiner beiden Cousinen machte dieser für mich wenig angenehmen Unterhaltung schnell ein Ende. — Josephine, die ältere, war eine schöne, schlanke Erscheinung ‘ wit feinen, regelmäßigen Zügen, dunkelblauen Augen und leicht gewelltem dichten, schwarzen Haar. Die um zwei Jahre jüngere Schwester Martha machte mit ihrer kurzen, gedrungenen Gestalt und ihrem lebhaften Wesen noch den Eindruck eines Backfisches.


