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Helt müßte ihren Steigerungen zu Grunde liegen; ihm mit einer offenbaren Lüge zu kommen, wäre sie wohl zu feige ge« wesen. Es erweckte ihm allerdings einiges Bedenken, daß sie es gleich darauf sehr eilig hatte, nach Hause zu gehen, um so mehr, da sie den lieben guten Onkel mit honigsüßen Worten beschwor, seiner Frau eine Beschämung zu ersparen und weder ihre unbeabsichtigte Häscherei, noch ihren Besuch zu verrathen. Er beschloß, seine Frau auf die Wahrheit des Gehörten zu prüfen und nahm sich vor, allen Verkehr mit Erna abzubrechen, wenn sie ihn getäuscht hatte.
Leonore war von dem Spaziergang zurückgekehrt und trug, was sie an Veilchen und Primeln gepflückt, in ihrer zusammengerafften Seidenschürze. Wie ein spielendes Kind überschüttete sie seine Decke mit den Frühlingsgrüßen. Der Oberst griff mit beiden Händen nach ihren schlanken, weißen Fingern und hielt sie fest. Es machte ihm den Eindruck, als ob ein Zittern ihre Glieder durchliefe und sie seine Berührung nur ungern litte. „Götz war hier," begann er, „und leistete mir kurze Zeit Gesellschaft. Er wollte Dich im Garten suchen, hast Du ihn gesprochen?"
Sie verneinte es und sagte, sie sei im Park jenseits des Teiches gewesen. „Eins, zwei, drei, vier —" fing sie darauf an, halblaut ihre Blumen zu überzählen.
Es gährte in ihm: sie erwähnte den Maler nicht und ihr Ablenken vom Thema war ein böses Zeichen.
„Meine zwei schönsten Primeln habe ich verloren," zürnte sie mit sich selbst, „zwei an einem Stengel, das ärgert mich, die größten goldgelben."
„Und mich ärgert's," brauste er auf, ihre schlanken Hände plötzlich von sich schleudernd, „daß Du Dein goldgelbes Haar als Fahne flattern läßt, um müßige Gaffer heranzulocken l"
„Ludwig," stammelte sie erschrocken, „was hast Du wider mich?"
„Es ziemt sich nicht für eine verheirathete Frau," redete er sich immer mehr in Zorn, „das Haar fliegend zu tragen. Künftig wirst Du es von der Jungfer in einen Knoten schlingen laffen. Erna hat's auch nicht anders."
Ihre kleinen Zähne schloffen sich aufeinander- Daher also wehte der Wind. Die Galle ging ihr mit Kopf und Herzen durch; sie lachte hell auf, um ihren Aerger zu maskiren. „Wenn ich Ernas fahles, dünnes Haar hätte, ließe ich's natürlich nicht frei über die Schultern fallen," spottete sie, „aus Furcht, ausgelacht zu werden!"
„Kein Mann wird eine ehrbare Frau auslachen, aber man lacht den Mann aus, der —"
Ein heftiger Hustenanfall erstickte den Schluß feiner Rede. Mit hochrothem Kopf sank er gegen die Rücklehne.
Leonore riß mit Hast die Knöpfe seines Rockes auf und rieb seine-Brust mit einer stärkenden Essenz. Ein bitteres Schuldbewußtsein schnürte ihr die Kehle zu. Der Arzt hatte es ihr auf die Seele gebunden, ihrem Mann jede Aufregung fern zu halten, weil der Rheumatismus sich in der Brust festgesetzt hatte und Lungen- und Herzthätigkeit afstcirt waren.
„Ludwig, sei mir nicht böse?" flehte sie von Reue erfüllt. „Ich wollte Dich nicht erzürnen mit meiner Entgegnung. Es ist mir ja gleich, wie ich das Haar trage, Du sollst Dich nicht mehr darüber ärgern, gewiß nicht! Ich flechte es von morgen ab ein. Ich will Dich auch nicht wieder allein lassen. Roch ein paar Tage und wir können zusammen draußen sein."
Er empfand die wohlthuende Wirkung ihrer Bemühungen, hörte die demüthigen, angstvollen Bitten und sah die heiße Sorge, die aus ihren Augen sprach. Der Husten hatte sich gelegt, zugleich mit seinem Zorn-
„Leonie, die Wahrheit!" sagte er mit mildem Ernst. „Trafst Du Werner am Gartenzaun?"
Sie senkte den Blick nicht, sondern faßte sich ein Herz zu einer ruhigen Auseinandersetzung mit ihm. „Ja, ich sprach ihn," antwortete sie. „Ich gab ihm Auskunft über Dein Befinden. Ich wollte ihn nicht veranlassen, in’s Haus zu kommen, weil ich nicht wußte, ob Dir sein Besuch angenehm sei und Du ihn empfangen würdest. Er ist der einzige Sohn von Papas bestem Freund und verkehrte bei uns, so lange ich
denken kann, das ist Dir ja bekannt. Mama war immer außerordentlich für ihn eingenommen, obwohl sie im Grunde nicht für den Umgang mit Bürgerlichen schwärmt. Ich selber rief ihn vorhin an, als er grüßend den Hut zog. Er würde es nicht gewagt haben, mich von der Straße ans anzureden. Es ist mir aufrichtig leid, wenn ich Dir dadurch Verdruß bereitet habe. Werner ist Dir unsympathisch; ich bemerkte es neulich schon und werde ihn von jetzt ab zu meiden suchen- Du weißt, Du kannst Dich auf mein Wort verlassen. Aber nun verzeih' mir auch!" (Fortsetzung folgt.)
Die Wirkungen des Seekkmas.
Von Dr. med. Goliner.
--- (Nachdruck verboten.)
Alle jene Veränderungen der uns umgebenden Luft, welche die Lebensorgane mehr oder weniger beeinflussen, nennt man Klima, eine Bezeichnung, welche eine ganze Reihe von Erscheinungen umfaßt. Die geographische Lage eines Ortes, dis Beschaffenheit des Bodens, die Art der Kultur und Bewachsung desselben, der Wärmegrad, die Feuchtigkeit, die Veränderungen des Luftdrucks — alle diese in sich wechselvollen und doch wieder ein Ganzes bildenden Verhältnisse bezeichnen wir als klimatische. Mit der mächtigen Einwirkung des Klimas hat Jedermann im täglichen Leben zu rechnen; Keiner vermag sich ihr zu entziehen. Die Beziehungen des Menschen zu den gegebenen klimatischen Verhältnissen bedingen nicht allein die Erhaltung und Förderung der Gesundheit, sondern wir vermögen auch gewisse Krankheitszustände einzig und allein dadurch zu heilen, daß wir den Kranken in zweckmäßige klimatische Verhältnisse bringen. Der wirksamste Faktor jedes Klimas ist die Luft; sie bildet ein Heilmittel, welchem der Kranke ununterbrochen, Stunde für Stunde, Tag für Tag unterworfen ist. Das Klima der binnenländischen Ebene wird naturgemäß ein anderes sein, als das des Hochgebirges; letzteres wird wiederum andere Eigenschaften aufzuweisen haben, als das Klima der Inseln und Küsten, das Seeklima. Der von Jahr zu Jahr stärker werdende Zug der Städtebewohner des Festlandes an die See und auf nahe gelegene Inseln läßt das Be- dürsniß der Kranken, sich von den Heilkräften des Seeklimas genauere Kenntniß zu verschaffen, gerechtfertigt erscheinen. Untersuchen wir darum die Eigenschaften des Seeklimas etwas näher.
Daß der Aufenthalt an der See auf den Körper erfrischend, belebend, kräftigend wirkt, ist eine allgemein bekannte Thatsache; keineswegs aber ist die Frage endgültig entschieden, welche besonderen klimatischen Verhältnisse dies hauptsächlich bedingen. Es wirken eben mehrere werthvolle Eigenschaften des Seeklimas zusammen, welche den Körper günstig beeinflussen. Da ist zunächst die Reinheit des Seeklimas hervorzuheben. Fremde, dem Organismus schädliche Beimengungen, wie Kohle, Staub und dergleichen finden sich in ihr nicht vor, ebensowenig die dem Körper verderblichen Bazillen. Ihre Zahl ist in der Seeluft so gering, daß sie keimfrei genannt werden kann. Daher rührt der wohlthuende Einfluß der Seeluft auf alle von schweren, ansteckenden Krankheiten Genesende. Denn die Reinheit der Luft bewirkt, daß der Mensch, welcher wochenlang darin athmet und lebt, sich täglich mehr von den ihm aus der staubigen Stadtluft noch anhaftenden Keimen, welche die Störenfriede seiner Gesundheit sind, befreit und schließlich gänzlich keimfrei wird, wie ein neugeborenes Kind. Alle Erkrankungen der Athmungs- und Verdauungsargane, welche niederen pflanzlichen Schmarotzern ihre Entstehung verdanken, werden unter der Wirkung der reinen Seeluft geheilt oder wenigstens gebessert. Dieselbe setzt nicht den geringsten Staub ab, und der Dünensand am Strande ist so rein und körnig, daß er weder staubt, noch Flecke auf den Kleidern macht. Betrachtet man an der See einen Sonnenstrahl, welcher durch eine schmale Oeffnung in einen dunklen Raum fällt, so nimmt man nichts wahr als einen gleichmäßigen bläulichen, durchsichtigen Schein, während der Sonnenstrahl, in einem bewohnten Raume des Festlandes betrachtet, bekanntlich


