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Seidenbändchen umschloß. Sie las mir einige Stellen vor — hat mir wirklich Spaß gemacht — und ich sehe nicht ein, warum wir dem Kind die harmlose Freude rauben sollen! Von wem ist denn das wunderschöne Bouquet dort?" fragte er ablenkend.
„Herr von Steffeck war liebenswürdig genug, es ihr zu senden, wahrscheinlich in der freundlichen Absicht, sie für den ausgestandenen Schreck und meine tadelnden Worte zu trösten."
Andere Leute werden ihr unbedachtes Benehmen nicht so mild beurtheilen wie er. Toffskys schicken ihre Annette gar nicht mehr so oft zu uns wie früher, aus Besorgniß, sie könne Astas emancipirtes Wesen annehmen, sagte mir Erna. Und Herr von Fernow, fürchte ich, hat es sehr unliebsam vermerkt — und es war auch stark, sein Bouquet der Theaterprinzessin zuzuwerfen."
„Was thut es? Asta macht sich doch nun einmal nichts aus ihm! Sie findet ihn unausstehlich; jetzt wird er, Gott sei Dank, Bescheid wissen und sie nicht mehr umschwärmen. Du und Erna, ihr hättet sie freilich am liebsten mit ihm copulirt. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ihr an ihm gefunden habt. Das Kind ist mir viel zu gut für solchen Rouö!"
Asta theilte eben die Portieren auseinander und hielt einen Augenblick zögernd auf der Schwelle inne- Dann flog sie pfeilgeschwind an ihres Vaters Hals, sich mit glühenden Wangen an ihn schmiegend.
„Papachen," flüsterte sie, „Herr von Götz hat mir ein himmlisches Gedicht gemacht, ein Sonett, denke Dir, ein Sonett!"
„Ei, was Du sagst! Mein Töchterchen scheint sich ja recht viel darauf einzubilden. Eine poetische Schmeichelei wird'r fein, mit welcher er schon manche Andere beglückt haben mag."
„Nein, Papa," brüstete sich Asta, „mich und meine Maiglöckchen von gestern hat er besungen!"
„Da haben wir's! Meine Befürchtung!" rief Frau von Schönholz. „Deshalb mußte er uns auch bis zum Wagen bringen? Es war mir doch gleich verdächtig 1 Warum hast Du das Gedicht angenommen und nicht sofort zurückgewiesen?"
„Wie kann ich denn? Ich stieg eben ein! Er wäre ja sonst auf die Erde gefallen," bekannte Asta.
„Wir werden das Gedicht in ein Couvert stecken," entschied Frau von Schönholz, „und Du wirst es dem Herrn Lieutenant zurückschicken und dabei ausdrücklich vermerken, Du habest es nicht sofort retournirt, um die Sache nicht auffällig zu machen."
„Nein, das thue ich nicht, das fällt mir gar nicht ein," zeterte die Kleine los, als ginge es ihr an's Leben. Sie machte Miene, der Mama das Blatt wieder zu entreißen-
„So werde ich's statt Deiner thun!" erklärte Frau von Schönholz sehr bestimmt. „Das fehlte gerade noch, diesen verschuldeten Lieutenant."
„Schwager Hans hat auch Schulden!" erboste sich Asta. „Ich habe es ganz deutlich gehört, wie er den Herrn gebeten hat, noch mit dem Schein zu warten- Das Geld wäre ihm sicher genug! Er könnte sich nicht von vornherein in den Flitterwochen mit seiner Frau auf Kriegsfuß stellen."
, 'N deshalb möchte ich Dich vor dem gleichen Schicksal bewa' 'ürnte Frau von Schönholz. Ihre Geduld war ersck ie hatte sich vor Aerger ganz entfärbt- Erna ho umsonst über das enfant terrible geklagt, und der ältesten Tochter, Asta noch ein Jahr aus dem Hauzv ü. geben, verdiente ernstlich erwogen zu werden.
Herr von Schönholz hatte einen Augenblick verdutzt dreingeschaut. Jetzt sah er besorgt seine Frau an, der vor Aerger die Luft wegblieb und deren Nasenspitze eine kreidige Farbe bekam.
„Aber ich bitte Euch, weshalb ereifert Ihr Euch denn?" redete er beschwichtigend zu- „Es ist gar kein Grund dazu vorhanden! Was capricirst Du Dich eigentlich auf die paar Verse? Wirst im Leben noch viel dergleichen Krimskram erhalten! Oder ist Dir Herr von Götz etwas? — Sei ehrlich und aufrichtig, das verlange ich! Hat er Dir feine Liebe ge
standen und gefragt, ob er bei Deinen Eltern um Deine Hand anhalten dürfe?"
Asta blickte ihn aus großen, verwunderten Augen an. Sie schüttelte energisch bett Kopf-
„Weshalb also der Streit um des Kaisers Bart?"
„Weil das Sonett so schrecklich hübsch ist," vertheidigte sich Asta.
„Nun, dann will ich mir das schrecklich hübsche Sonett morgen in Ruhe durchlesen und Du wirst es mir vorläufig überlassen. Es ist bei mir gut aufgehoben."
Asta willigte leise schluchzend ein, während Frau von Schönholz sich die Stirn rieb- Sie war auf'» Tiefste empört über diesen Verzug ihres starrköpfigen Kindes.
Den Morgen darauf erschien Erna, wie Frau von Schönholz vorausgewußt, ganz Entrüstung. Sie erging sich in den härtesten Ausdrücken über ihre Schwester, zumal nachdem sie erfahren, die Kleine habe ihren Mann mit seinem Gläubiger belauscht und Alles ausgeplaudert, was sie aufgeschnappt. Das besiegelte Astas Geschick. Erna bat die Mama, anspannen zu lassen; mati wolle zu Toffsky fahren- Elsa fei zur Vollendung ihrer Erziehung ein Jahr in einem sehr strengen Pensionat für adlige junge Damen in Brüssel gewesen- Man könne das Nähere erkunden und sich nachdem mit der Vorsteherin in Verbindung setzen- Den Leuten könne man sagen, sie sei auf längere Zeit bei den Verwandten in Pommern zum Besuch. Das bezeuge zugleich aller Welt das vernünftige Einschreiten der Familie gegen Astas Thorheiten. Es sei die höchste Zeit, sie in ihrer Freiheit zu beschränken, bis sie das Flegeljahr überwunden, andernfalls wisse man nicht, wessen man sich noch von ihr zu versehen habe.
Der Familienrath war einig, da die Majorität der beiden Frauen Herrn von Schönholz überstimmte. Halb und halb fand er ja selber, sie hätten Recht- Asta hatte in letzter Zeit viel von sich reden gemacht. Sie war Sonntags während der Parade wie toll mit den beiden Rappen über den Schloßplatz gefahren und die halbe Stadt hatte den Mund darüber aufgesperrt, sie hatte im Theekränzchen offen erklärt, der Vampyr sei ihr nach den Eltern der liebste Mensch auf der Welt. Daß dies Alles nur dem kleinen Lieutenant zum Aerger geschehen war, ahnte freilich Keiner. Nun hatte sie sich wieder int Theater auffällig gemacht — ja, Erna hatte Recht, sie trieb es zu bunt. Als nun aber Asta hereingerufen werden sollte, um den über sie gefaßten Beschluß zu vernehmen, jagte es ihn aus dem Zimmer. Er rief Johann, ihm schleunigst in den Ueberzieher zu helfen, denn er fürchtete den Jammer seines armen verrathenen und verkauften Kindes und wollte ihren Thränen entfliehen.
Erna war dessen froh. Jetzt konnte sie der Kleinen au» Herzensgrund eine Leetion ertheilen. In beißendster Weife machte sie sich über ihre Albernheit lustig, der Geliebten des Herrn von Götz ein Bouquet zuzuwerfen. Es sei wirklich ein wahrer Segen, daß der Maler nicht mehr hier sei und nicht wisse und begreife, wie lächerlich sie sich damit in der ganzen Stadt gemacht habe.
„Wer erhält denn das große Talent, diesen aufgehenden Stern am Theaterhimmel?" höhnte sie. „Wovon lebt sie, seitdem ihren Vater, den immer betrunkenen Choristen, der Schlag gerührt hat? Wer bezahlt ihr die Wohnung am Neumarkt, die sie seit seinem Tode inne hat? Früher hatten sie nur eine ärmliche Hofwohnung in einem alten, rumplichen Haufe der Wallstraße, wo es nichts als verrufenes Gesindel gab! Wer bestreitet die Ausgaben für sie und die Alte, welche bei ihr die Rolle der Anstandsdame vertritt? — Wer gibt ihnen Essen, Trinken, Kleidung? - Wer läßt die Tänzerin einen nachträglichen Schulcursus durchmachen und hält ihr verschiedene Lehrer? — Wer bezahlt ihre Ausblldung bei Belter, dem Intriganten? — Wer, frage ich? - Ihr Galan, der Herr von Götz, der sich deshalb bis über die Ohren in Schulden setzt!"
Asta stand mit fliegendem Athem und geschlossenen Augen, während dies Hagelwetter über sie erging und all' das junge Grün und die tausend Blüthenknorpen ihrer Seele mitleidslos zu Boden schlug und verwüstete, (Fortsetzung folgt.)


