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Sie dursten immer auf einen entgegenkommenden Empfang rechnen.
Eines Tages hörte Magda, über den langen, mit Statuen, Spiegeln und Palmen geschmückten Corridor gehend, Jemand, dessen Stimme unklare Erinnerungen in ihr weckte, zu dem Diener sagen: „Bringen Sie dem Herrn Doctor meine Karte."
„Sehr wohl!" wurde erwidert.
Nur einen Blick warf das Mädchen auf den Fremden, der sie seinerseits überrascht betrachtete, und wollte vorbei- schlüpfen, als die Worte: „Fräulein von Bodenstein, gestatten Sie mir, Sie zu begrüßen," chren Schritt hemmten.
Erstaunt und etwas verlegen sah sie zu dem schlanken, eleganten Mann auf, dessen feines Gesicht ein dunkler Bollbart umrahmte.
„Sie erkennen mich wohl nicht mehr, gnädiges Fräulein?" „Wirklich — Ihre Züge sind mir bekannt, aber —" „Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen hiermit als der ehemalige Student und jetzige Nervenarzt Doctor Fritz Werner vorstelle."
„O, mein schlechtes Gedächtniß! — Und es war doch eine so schöne, glückliche Zeit, als hier noch ländliche Feste gefeiert wurden und farbige Lämpchen magisch aus dunklem Laub und kühlen Grotten hervorleuchteten. Willkommen! Willkommen!" rief sie, ihm die Hand reichend.
Mit warmem Interesse sah er in das pikante, geistig belebte und doch träumerische Gesichtchen. Als er geschieden, war Magda fast ein Kind gewesen und nun stand sie vor ihm, immer noch sylphenartig schlank und zart, nicht schön in gewöhnlichem Sinne des Wortes und doch unbeschreiblich anziehend durch das Fremdartige ihrer ganzen Erscheinung. Die Wangen bedeckte jene matte Bläffe, welche manchen Bewohnerinnen heißerer Zonen eigen ist, und die nachtdunklen Augen erschienen fast unnatürlich groß und strahlend. Ueber der feinen Nasenwurzel vereinigten sich beinahe die kühn geschwungenen, etwas zu starken Brauen. Ein seltsames Spiel der Natur, welches der Aberglaube des Volkes als unglückbringend deutet, weil es an Ahasver, den Verdammten und ewig Ruhelosen, erinnert.
„Der Herr Doctor läßt bitten," unterbrach die Stimme des Dieners das beobachtende Nachsinnen Werners.
„Auf Wiedersehen! Rafaele wird sich freuen, von frohen Tagen mit Ihnen sprechen zu können," sagte das Mädchen forthuschend.
Er blickte ihr nach und begab sich dann zu Frank, der ihn freundlich, aber doch mit jenem Stolz, welcher ein bis an die äußerste Grenze entwickeltes Selbstgefühl verräth, empfing und in den Saal geleitete, wo er seine hypnotischen Kuren vornahm.
Hier sah es freilich eleganter aus, wie in dem kleinen Haufe in P. Schon das Mystische der ganzen Einrichtung mußte einen unwiderstehlichen Sinnenreiz auf nervös beanlagte Personen ausüben.
Die ganz mit dunklem Seidenstoff überzogenen Wände, die schwellenden Teppiche, deren Farben gleichsam ineinander verschwommen, die von der Decke herabhängende Ampel — Alles hatte einen düsteren Character, sogar der Kamin aus schwarzem Marmor. Nichts war zu sehen, was die Aufmerksamkeit auf sich concentriren und den unheimlichen Zauber, den das Ganze ausübte, zu lösen vermochte.
Auf den weichen Möbeln saßen und lagen Personen in den sonderbarsten Stellungen, man hätte meinen können, in ein Wachsfiguren-Cabinet zu treten. Hier saß eine Dame, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, ohne Stütze und dennoch schlafend, dort lag ein junger Mensch, als wäre er eben von einem hohen, steilen Berg herabgerollt und in einen Felsenspalt gefallen.
Während Werner die anwesenden, zum Theil bereits in Schlummer Versenkten, zum Theil desselben noch Harrenden betrachtete, öffnete sich die Thüre und ein alter, ärmlich gekleideter Mann trat ein.
„Jetzt sollen Sie einem der intereffantesten Experimente beiwohnen," flüsterte Frank, deffen Augen von dem Feuer der Begeisterung glühten, Werner zu. „Dieser Neubert ist seit sünszehn Jahren Schreiber bei einem Rechtsanwalt, steht in
tadellosem Ruf und hat sich bisher immer durch großen Fleiß und gewiffenhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet. Infolge angestreng, ter Arbeit, die oft des Nebenverdienstes wegen auch auf die Nachtstunden ausgedehnt wurde, befiel ihn jedoch ein nervöses 4 Leiden und er gerieth in Gefahr, sein karges Einkommen zu verlieren. In diesem verzweifelten Zustand wandte er sich an mich, dem es auch gelang, eine bedeutende Befferung herbeizuführen. Seitdem weiht er mir, den er als seinen Retter und Erlöser betrachtet, warme Dankbarkeit. — Nun, mein Freund, wie geht es heute?" fuhr er fort, sich zu dem Neugekommenen wendend.
„Ich bin fast hergestellt," erwiderte der Schreiber. „Zu- weilen nur empfinde ich noch einen schmerzlichen Druck zwischen den Augenbrauen, und dann fangen auch die Buchstaben an, hin und her zu schweben und sich wie im Tanze zu drehen. Doch es geht immer schnell vorüber."
„Um bald gar nicht mehr zu kommen," versicherte der berühmte Arzt, indem er seinen Patienten einlud, Platz zu nehmen. „Sie scheinen schnell gegangen zu sein- Wir brauchen uns aber auch gar nicht zu übereilen und können erst einige Worte austauschen. Fühlen Sie sich zufrieden in Ihrer Stellung?"
„Ach — Herr Doctor, ich beklage mich nicht, aber daß es ein elendes Dasein ist, so von früh bis spät am Schreibpult zu sitzen und kaum das Nöthigste zu verdienen, unterliegt wohl keinem Zweifel. Der Kummer läßt mich oft gar nicht zu Athem kommen. Es ist schwer, sich ehrlich durchzubringen."
„Ich glaube es wohl," erwiderte Frank nachdenklich nickend. Dann lachte er, während alle noch wachen Anwesenden dem Vorgang gespannte Aufmerksamkeit zuwendeten, kurz und spöttisch, klopfte dem Schreiber auf die Schulter und sagte: „Da sind Diejenigen doch klüger, die es nicht so genau mit der Ehrlichkeit nehmen 'und für ihren eigenen Vortheil zu sorgen wtffen, ohne sich viel darum zu kümmern, ob daraus ein Rach- theil für ihre Nebenmenschen entsteht. — War, alter Freund? Meinen Sie nicht auch?"
Sein scharf geschnittenes Gesicht hatte jetzt einen Ausdruck, der Rafaelens Worte: „Er erinnert ein wenig an Mephisto," vollkommen rechtfertigte.
Neubert sah ihn erstaunt an, lächelte dann verlegen und erwiderte: „Sie scherzen natürlich, Herr Doctor."
„Nehmen Sie an, ich spräche im Ernst."
„Ich weiß ja, daß Sie es nicht thun."
„Sie könnten sich irren. Ich hege meine besonderen Ansichten über die Sache. Sollte Ihnen der schöne Ausspruch: „Niemand hat ein Recht auf den Ueberfluß, so lange noch Jemand das Nöthige entbehrt!" nicht bekannt sein?"
„O ja — aber--"
Frank lachte wieder und strich mit der wohlgepflegten Hand über den spitzen Bart. „Wäre es denn also so unver- zeihlich, das blinde Schicksal, das dem Einen die schönsten Gaben verschwenderisch zu Füßen legt und für den Andern nichts als Leid und Elend hat, etwas zu corrigiren? Der liebe, reichgesegnete Nächste wird deshalb noch nicht zu Grunde gehen."
„Der Nächste nicht — der würde es vielleicht in vielen Fällen gar nicht merken — aber etwas Anderes ginge zu Grunde."
„Was denn?"
„Die Selbstachtung."
„Haha I — Lieber Neubert, glauben Sie, daß Jeder, vor dem man sich bi» zur Erde bückt, den man umschmeichelt und der einen Ordensstern auf der Brust trägt, in dieser Hinsicht ein ganz reines Gewiffen besitzt? Wahrscheinlich nicht. — Aber ich meine Ihnen die Versicherung geben zu können, daß er mit vollster Gemüthrruhe alle Auszeichnungen hinnimmt und nicht einmal roth wird, wenn man ihn Ehrenmann und Wohlthäter der Menschheit nennt."
„Das mag ja wohl sein — allein etwas hat doch auch der Aermste, woran er mit ganzer Seele hängt und von dem er sich nicht trennen möchte. Dem ist sein Kind das Liebste, Jenem sein Weib, Dieser hegt irgend eine schöne Hoffnung; ich stehe allein in der Welt und habe nicht» al» meine Ehre,
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