Ausgabe 
12.8.1893
 
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bei Vermeidung zwangsweiser Entfernung bis heute Nachmittag um sechs Uhr zu räumen haben. Eine entsprechende Auf­forderung ist den Betreffenden während der letzten Stunde bereits zugegangen.

Mit Ausnahme Mehnerts, der voll finsteren Trotzes dreinschaute, zeigten die Männer, an welche diese Worte ge­richtet gewesen waren, die äußerste Bestürzung.

Das kann Ihr Ernst nicht sein, Herr Neukamp," brachte der eine von ihnen mit zitternder Stimme vor. So hart können Sie nicht mit uns verfahren. Am Ende haben wir doch nur einen Verzweiflungskampf geführt um unser Dasein, und wir sind wahrhaftig schon schlimm genug bestraft, wenn wir darin unterliegen und uns Ihrem Willen betreffs der Lohnherabsetzung fügen müssen. Damit aber werden Sie sich gewiß begnügen; denn was Sie da eben androhten, würde ja für einen Theil von uns geradezu den Untergang bedeuten."

Neukamp zuckte mit den Achseln und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

Es thut mir leid, wenn es so ist; aber ich kann nichts daran ändern. Im Laufe der nächsten vierundzwanzig Stun­den werden die Arbeiter hier eintreffen, die das contractbrüchig gewordene bisherige Fabrikpersona^ ersetzen sollen, und es ist ganz selbstverständlich, daß ich für meine Arbeiter Wohnungen brauche. Diejenigen, welche jetzt noch darin sind, mögen zu­sehen, wie sie sich einrichten; aber sie mögen sich nur keine Hoffnung darauf machen, daß ich irgend welche weichmüthige Nachsicht gegen sie an den Tag legen..werde. Und damit, denke ich, wären wir nun wohl fertig miteinander."

Er machte eine unzweideutig verabschiedende Handbeweg­ung und drückte zugleich auf die Glocke zu seiner Rechten, die mit Hellem Klange anschlug. Mit einer Schnelligkeit, als ob er dies Signal auf der Schwelle erwartet hätte, erschien der Diener in der geöffneten Thür und winkte, während der Fabrik­besitzer sich wieder anscheinend gelassen mit seinen Papieren zu schaffen machte, den Arbeitern zu, das Zimmer zu verlassen.

Zaudernd schickten sie sich dazu an, nur Paul Mehnert blieb noch auf seinem Platze, und nachdem er allem Anschein nach eine Weile mit sich selber gekämpft hatte, sagte er:

Sie sollten das nicht thun, Herr Neukamp in Ihrem eigenen Interesse sollten Sie es nicht thun! Ich rede da nicht für mich; denn daß Sie mich nicht wieder annehmen werden, kann ich mir nun wohl denken, und am Ende bin ich's ja auch schon gewöhnt, auf solche Art an die Luft gesetzt zu werden. Aber ich rede für die armen Leute, denen Sie das Dach über dem Kopfe fortnehmen und die Sie mit Weib und Kindern auf die Straße werfen wollen. Wenn sie doch bereit sind, sich Ihrem Willen zu fügen und die Arbeit zu den neuen Lohn­sätzen aufzunehmen"

Hugo Neukamp hatte ihn erst ungehindert reden lassen, wie wenn er nicht ganz mit sich im Reinen sei, welche Haltung er ihm gegenüber einzunehmen habe; nun aber stand er plötz­lich auf und schnitt, indem er in seiner ganzen stattlichen Größe dicht vor ihn hintrat, dem Tischler die Weiterrede ab.

Sie überschätzen meine Geduld und meine Gutmüthigkeit. Glauben Sie etwa, daß ich geneigt bin, mich von einem Men­schen Ihres Schlages belehren oder überreden zu lassen? Ohne Zweifel sind Sie ja einer der Anstifter dieser ganzen Ausstands­bewegung gewesen, denn Ihresgleichen hat natürlich nichts auf's Spiel zu setzen, und das Hetzen und Wühlen ist jedenfalls um vieles angenehmer, als das Arbeiten, da es Ihnen ja die Mög- lichkeit gewährt, sich aus der Tasche Ihrer Kameraden gute Tage zu verschaffen. Aber man macht heutzutage nicht mehr viele Umstände mit Individuen von Ihrer Art merken Sie sich das, mein Bester! Ich werde noch in dieser Stunde die Polizei ganz besonders auf Sie aufmerksam machen und ich rathe Ihnen darum, lieber äus freien Stücken die' Stadt so bald als möglich zu verlassen. Wer weiß, ob Sie sonst nicht noch unliebsame Bekanntschaft mit unseren Gefängnissen machen könnten."

Die anderen Mitglieder der Deputation, die bei den ersten Sätzen ihres Kameraden schon wieder ein wenig Hoffnung ge­schöpft hatten, zogen sich angesichts dieser Gesprächswendung

scheu in das Vorzimmer zurück. Paul Mehnert aber blieb kerzengerade vor dem Fabrikherrn stehen und sah ihm mit festem, trotzigem Blick in's Gesicht.

Ich habe nichts begangen, weswegen man mich in's Ge- fängniß setzen könnte," erwiderte er,und so viel Gerechtigkeit wird ja am Ende noch in der Welt sein, daß man einem ehr­lichen Menschen nicht seine Freiheit nimmt, nur weil es einem reichen Herrn unbequem ist, ihn in seiner Nähe zu haben. Schreiben Sie der Polizei meinetwegen, was Ihnen beliebt aber nehmen Sie sich in Acht, daß Ihnen nicht schon morgen die Reue kommt über die Hartherzigkeit, mit der Sie die armen Leute da fortgeschickt haben."

Herr Neukamp kniff die Augen zusammen und fixirte den Tischler mit einem tückischen Blick.

Ich soll mich in Acht nehmen? Wie meinen Sie das? Wollen Sie damit eine Warnung oder eine Drohung aussprechen?"

Die Erklärung für meine Worte werden Sie sich leicht selber geben können, Herr Neukamp I Die Arbeiter Ihrer Fabrik find gewiß ruhige und friedliebende Menschen; aber man soll auch die Ruhigsten nicht zur Verzweiflung treiben, wenn man nicht am Ende schlimme Erfahrungen mit ihnen machen will. Werfen Sie die Weiber und Kinder wirklich auf die Straße und lassen Sie wirklich ftemde Arbeiter von außerhalb kommen, so sehen Sie sich vor. Ich möchte nicht dafür einstehen, daß auch dann noch Alles in Ruhe und Frieden abgeht."

Friedrich," wandte sich der Fabrikbesitzer mit erhobener Stimme an den noch immer in der Thür stehenden Diener, Du hast gehört, daß dieser Mensch mir gedroht hat. Präge es Dir wohl ein, denn Du wirst es möglicherweise vor der Obrigkeit bezeugen müssen. Und nun entferne den Burschen au» meinem Hause! Ich will mich nicht weiter belästigen lassen."

Der Diener näherte sich gehorsam Paul Mehnert; aber der Blick, der ihn aus den düsteren Augen des Tischlers traf, hielt ihn doch davon zurück, die Weisung seines Herrn buch­stäblich auszuführen.

Man braucht mich nicht hinauszuwerfen, Herr Neukamp, und ob Sie meine Worte als eine Drohung nehmen wollen, ist mir, wie gesagt, ganz einerlei. Wir Beide haben in Zu­kunft ja doch nichts mehr miteinander zu schaffen."

Er ging; aber der Fabrikbesitzer verfolgte ihn mit einem bösen Blick.

Oho, mein Bürschchen, darin könntest Du Dich doch täuschen," sagte er bei sich selbst.Ich müßte ein Narr sein, wenn ich nicht die gute Gelegenheit wahrnähme, mir ihre Sipp­schaft vom Leibe zu halten. Es ist ja kein Zweifel, daß er ihr Bruder ist; aber er wußte offenbar nicht, wen er vor sich habe. Wir wollen doch lieber nicht erst abwarten, bis er da­hinter gekommen ist."

Er setzte sich nieder und schrieb an den Polizeidirector von W.; aber er war noch nicht über die ersten Zeilen hinaus­gekommen, als an die Thür des Zimmers geklopft wurde und sich auf sein ärgerlichesHerein!" die lange, dürre Gestalt des Assessors Valentini über die schwelle schob.

Der eifersüchtige Groll, jmit welchem der um seine bomb1 nirende gesellschaftliche Stellung besorgte junge Herr den Fabrik­besitzer anfänglich betrachtet hatte, schien neuerdings einem sehr, freundschaftlichen Verhältniß gewichen zu sein, da der Assessor' sich die Freiheit nehmen konnte, zu einer so frühen Stunde un­angemeldet hier einzudringen.

Entschuldigen Sie, Verehrtester, wenn ich störe," sagte er, die etwas widerwillig dargebotene Rechte Neukamp« kräftig schüttelnd.Aber mein Weg führte mich gerade in Ihrer Nähe vorüber und da konnte ich mir'» nicht verkneifen, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen. Stecken übrigens tief in allerlei Aufregungen wie? Möchte, offen gestanden, augenblicklich nicht in Ihrer Haut fein, wie behaglich sich's sonst auch darin leben mag. Fatale Sache, mit Leuten äus dem Kriegsfuße zu stehen, die so unheimliche Gesichter haben, wie dieser eine, dem ich unten auf der Treppe begegnet bin."

(Fortsetzung folgt.)