Ausgabe 
12.8.1893
 
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1893

Untevtzaltungsblatt jum Gietzenev Anzeigev (Gsneval-Anzeigev)

Samstag, den 12. August.

Herrn durchaus mit einer sofortigen Arbeitseinstellung beant- warten wollten, in der Majorität geblieben.

Vier Tage nach der Bekanntgabe der neuen Fabrikordnung hatten die Maschinen des Hartog'schen Etablissements eines Morgens stillgestanden und zum ersten Mal seit vielen Jahren war an einem Werktage kein Rauchwölkchen den himmelhohen Schornsteinen entstiegen. Herr Hugo Neukamp aber hatte Denen, die ihn durch ihr entschlossenes Vorgehen zur Nachgiebig­keit zu zwingen gehofft hatten, eine neue Enttäuschung bereitet, indem er bekannt gegeben, daß Alle, die nicht an einem von ihm bestimmten Tage die Arbeit bedingungslos wieder auf­nehmen würden, endgiltig entlassen feien und daß Diejenigen von ihnen, welche in den zur Fabrik gehörigen Arbeitshäusern Wohnungen inne hätten, sich alsdann zur sofortigen Räumung derselben bereit machen müßten. Den Führern der Ausstands- bewegung aber wurde schon jetzt selbst im Fall der Unter­werfung die Wiedereinstellung in die Arbeit verweigert, so daß den Anderen nur um den Preis der Aufopferung ihrer Käme- raden die Rückkehr in die alten Verhältnisse offen blieb.

Dazu aber konnten sich die Leute nicht ohne Weiteres verstehen, obwohl auch die Hitzigsten unter ihnen bald zu der Erkenntniß gekommen waren, daß es um ihre Aussichten herz­lich schlecht bestellt sei, und daß Hunger und Sorge nur zu bald an ihre Thüren klopfen würden. Man hatte versucht, neue Unterhandlungen mit dem Fabrikherrn anzuknüpfen, aber Neukamp hatte der Deputation einfach den Empfang verweigert und hatte durch einen Buchhalter den Leuten sagen lassen, daß es bei den getroffenen Bestimmungen unbedingt sein Bewenden haben werde. *

Nun war der von ihm als letzter Termin für die Wieder­aufnahme der Arbeit festgesetzte Tag herangekommen. Am Vorabend desselben hatten die Arbeiter, die von auswärts nur sehr spärlich unterstützt wurden und fast durchweg schon am Hungertuche nagten, nochmals eine Versammlung abgehalten und es war, da sich inzwischen zwei Parteien unter ihnen ge­bildet hatten, stürmisch genug in derselben hergegangen. Ein­dringlicher und nachdrücklicher als zuvor hatten die Aelteren zur Nachgiebigkeit gerathen, und es wäre ihnen vielleicht auch gelungen, die Mehrheit auf ihre Seite zu bringen, Venn,nicht die zündende Beredsamkeit eines jungen Menschen, der bis da­hin noch kaum hsrvorgetreten war und dem man darum bis zu diesem Augenblick nur wenig Beachtung geschenkt hatte, alle Bemühungen der Friedensstifter gründlich vereitelt hätte.

Dem Modelltischler Paul Mehnert, der erst eme Woche vor dem Beginn des Ausstandes in die Fabrik eingestellt war- den wär, würden die Anderen schon aus diesem Grunde kaum das Recht zugestanden haben, in einer Sache von so einschnei-

Das goldene Kalb

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

III.

Seit der am Tage nach der denkwürdigen Schlittenpartie erfolgten Verlobung des Fabrikbesitzers Hugo Neukamp mit der Tochter des Obersten von Hasselrode waren nahezu fünf Wochen vergangen, und in dem fönst sehr ruhigen und sriedlichen Städtchen hatten sich inzwischen Vorfälle von ziemlich auf­regender Natur ereignet. Den sechshundert Arbeitern der Hartog'schen Fabrik war etwa acht Tage nach jenem freudigen Ereigniß durch Anschlag bekannt gemacht worden, daß der Be­sitzer des Etablissements sich mit Rücksicht auf die bedrückte Lage seines Industriezweiges veranlaßt sehe, die Löhne des gesammten Personals nicht unbeträchtlich herabzusetzen und diese Ankündigung hatte unter den davon Betroffenen um so größere Erregung hervorgerusen, als die Lohnsätze gerade in der Hartog'schen Fabrik, namentlich seit der Uebernahme der- selben durch Hugo Neukamp, bereits mit Recht als sehr niedrige gegolten hatten. Da es sich zum großen Theil um ältere Leute und um Familienväter handelte, die mit den Sätzen des neuen Tarifs unmöglich das für die Erhaltung der Ihrigen unumgänglich Nothwendige gewinnen konnten, war man an­fänglich der Hoffnung gewesen, daß eine bescheidene Vorstellung .bei'dem jungen Fabrikherrn genügen würde, um ihn wenig­stens zur Zurücknahme der allerhärtesten Bestimmungen zu be- wegen. Aber diese Hoffnung war durch die sehr entschiedene und unfreundliche Antwort, mit welcher er die an ihn entsandte Deputation fortgeschickt hatte, rasch und gründlich zerstört worden. Er hatte erklärt, daß sein Entschluß ein wohlerwo­gener sei und er hatte es in hochfahrendem Tone abgelehnt, sich auf irgend welche Unterhandlungen mit seines Leuten ein« zulassen. , _ Y r,

Wem der neue Tarif nicht gefällt, der mag einfach ferne Kündigung geben," hatte er den Abgesandten gesagt.Ich werde nicht in Verlegenheit darum sein, mir andere Arbeiter zu beschaffen."

Die Mittheilungen, mit denen die Deputirten zu den Arbeitsgenoffen zurückkehren mußten, hatten viel böses Blut unter den ohnedies aufgeregten Leuten gemacht, und obwohl einige Ruhigere und Besonnene mit Rücksicht auf die allgemeine Lage des Arbeitrmarktes zu vorläufiger Unterwerfung gemahnt hatten, waren die Heißsporne, welche die Erklärung des Fabrik­