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Erich beugte sich liebevoll zu dem Greise hinab. „Es handelt sich jedenfalls um Geld, Großvater," sagte er. „Das Wie der Sache begreife ich allerdings je länger, desto weniger; aber laß uns vor allen Dingen ruhig bleiben. Ich denke ja nicht, daß es eine Existenzfrage sein könnte, was Du mir mittheilen willst."
Der Alte schloß einen Augenblick die Augen. „Je nachdem, Erich! Je nachdem! — Es sind — zwötstausend Thaler, die ich —"
„Großvater!"
„Bitte, gib mir etwas Wasser, mein Junge! — Bist Du sehr erschrocken? — O, mein armes Kind, wie ich leide, wie ich leide!"
Der Gutsbesitzer flößte ihm den erbetenen Trunk mit Mühe ein; der alte Herr zitterte so sehr, daß er kaum zu schlucken vermochte.
„Sprich doch, Erich, sprich doch. O, mein Liebling, mein einziger Junge, ich habe von dieser großen Summe keinen Pfennig unnöthiger Weise verausgabt, es ist auch nicht einer verschwendet oder zu Privatzwecken verwendet worden, ich schwöre es Dir mit den heiligsten Eiden."
Erich hatte seine Fassung wiedergesunden. „Werde ruhig, Großvater," bat er in begütigendem Tone, „laß uns vor allen Dingen keinen Groll in die Sache hineintragen und nicht aneinander zweifeln. Erzähle mir Alles, ohne das Geringste zu verschweigen, ich glaube Dir jedes Wort, jede Einzelheit."
„Das lohne Dir Gott, mein Liebling. Sieh', ich will zum ersten Anfang zurückkehren — da begegnet Dir Langbekanntes, Dinge, von denen Du häufig sprechen hörtest. Ich mußte vor länger als einem halben Jahrhundert einen Knecht sewer Unredlichkeit wegen entlassen- Das ging des übrigen Gesindes wegen nicht anders an, aber ich schenkte ihm die Strafe, sah von einer Anzeige bei der Behörde gänzlich ab und gab ihm, als er im Herbst den Hof verlassen mußte, noch einen guten Zehrpfennig mit auf den Weg. Trotzdem aber setzte mir der Elende noch in derselben Nacht das Gehöft in Brand. Die Thüren der Viehställe hatte er vernagelt, die Scheunen alle einzeln an den vier Ecken angezünoet — es verbrannte Alles bis auf den letzten Halm."
Der alte Herr legte die Hand über die Augen. Noch im Gedanken an jene furchtbare Nacht mochte ein Grauen alle seine Adern durchrieseln; er seufzte tief.
„Es gab damals weder Feuerversicherungen, noch genügende Rettungs-Anstalten," fuhr er fort, „ich war über Nacht zum Bettler geworden, all' mein Hab und Gut lag in verkohlten Trümmern da. Aber selbst das schien noch nicht das Aergste. Tausende von Thalern lasteten auf dem Grundstück als die Darlehen verschiedener Leute, denen ich bisher redlich Zinsen bezahlt hatte - womit sollte ich diese Summen decken ? Wenn mir der damals fast ganz weithlose Grund und Boden ab- gepfändet wurde, blieb nichts übrig, als nur der weiße Stab, mit dem ein Verbannter die Heimath verläßt.
So viel wußtest Du schon, mein Junge, es ist Dir häufig erzählt worden und so oft Du fragtest: „Großvater, wer half Dir denn in jener höchsten Roth?" — ebenso oft habe ich Dir geantwortet: „Gute Menschen, Erich. Es gibt deren immer noch, laß Dir den Glauben daran niemals stehlen!" Aber ich sagte Dir nicht, daß er nur Einer war, ein einziger Mann, der sich meiner erbarmte. Heute allerdings mußt Du auch diesen Namen erfahren."
Er schüttelie den Kopf. „Es war Baron Moldt, Großvater, ich weiß jetzt Alles. Nur freilich nicht ganz genau, inwiefern —"
„Unterbrich mich nicht, mein Junge, sprungweise kann der- gleichen niemals klar gelegt werden, das siehst Du ein. Seit drei Jahrhunderten sind die Dornauer Wolframs und die Moldt zu Molde in gegenseitiger Freundschaft eng verbunden gewesen, ja, es hat sogar zwischen beiden Häusern im Laufe der Zeit mehr als nur eine Hsirath gegeben, und so kam es denn, daß der Vater des jetzigen Barons und ich selbst in der Nachbarschaft nur Castor und Pollux hießen. Wir hatten in den Befreiungskriegen Seite an Seite gekämpft und lebten nun
im nachbarlichen Beieinander, bis über mich jene Unglücksnacht hereinbrach. Damals erschien Jürgen Moldt mit seinen Knechten als der Erste auf der Brandstätte; ich sehe ihn noch vor mir, einen schönen, jugendfrischen, herrlich gebauten Mann, gelund an Leib und Seele! Er that, was in menschlichen Kräften stand, aber umsonst, es ließ sich nichts, auch gar nichts retten. Und so nahm er mich denn im Morgengrauen, als Alles zu Asche verbrannt war, mit sich nach Moldt. „Sich' nicht zurück, Hans Adam," sagte er, „das Gewesene ist dahin und wir selbst sind geblieben. Wir müssen uns also neu einrichten, uns mit unserem Schicksal abfinden, so gut es eben geht."
Ich glaube, ich habe damals geweint, mein Junge, geweint wie ein Kind, dem man das Lieblingsspielzeug genommen. Ich sollte mich mit meinem Schicksal abfinden — das war leicht gesagt — aber wie? Jürgen Molvt brachte schon aus seinem Wandschrank einen großen eisernen Deckelkasten herbei. „Hilf mir zählen, Hans Adam," sagte er. „Zwölftausend Thaler ersitzen Dir Deinen Schaden und — hier sind sie-"
„Das war edel!" rief in ausflammender Begeisterung der jüngere Wolfram. „Großvater, das war eins hochherzige Handlung!"
Die Augen des Alten glänzten im Feuer längst vergangener Tage. „Ich sollte es denken, mein Junge," antwortete er mit unsicherer Stimme. „Wahrhaftig, ich sollte es denken. Von so selbstverleugnender Freundschaft weiß unsere Zeit nichts mehr, ihr ist das Verständniß für dergleichen ganz abhanden gekommen. Zwölftausend Thaler! Ein Bruder verräth heute um solcher Summe willen den anderen. Stirb, damit ich lebe 1 — das ist an die Stelle aller weicheren Herzensregungen getreten."
„Freilich", setzte er dann hinzu, „Jürgen Moldt war ein schwerreicher Mann, er konnte die zwötstausend Thaler leicht entbehren; ja, als ich ihn fragte, wie wir denn den Contract abschließen wollten, da schüttelte er den Kopf. „Niemand er- fährt ein Sterbenswörtchen, Hans Adam, wir ziehen keine Zeugen hinzu und bringen nichts auf's Papier. Du weißt, ich heirat he nie, das Gut fällt eines Tages an Seitenverwandte, wie sollte ich also Dein Schicksal diesen ganz freniden Leuten in die Hände geben? — Das Geld ist bei Deiner Mannesehre gut aufgehoben, auch ohne Documente und äußerlichen Zwang."
Aber davon wollte ich nichts wissen. „Ich kann sterben, Jürgen," antwortete ich ihm, „dann hätten die Moldts ihr Eigenthum verloren."
„Darauf lasse ich es ankommen, Hans Adam."
„Ich nicht, Jürgen. Wenigstens wollen wir ein Document aufsetzen, von uns Beiden unterzeichnet und gesiegelt, des Inhalts, daß ich Dir die Summe ichulde — dann überlassen wir es der ewigen Weisheit, wie sich die Dinge fernerhin gestalten sollen."
Da nickte er und reichte mir herzlich die Hand. „So ist's gut, Hans Adam, ich kann Dir nachfühlen, daß Du das wünschen mußt, aber an einer Bedingung halte ich fest, davon geht kein Titelchen ab. Du selbst sollst den Schuldschein auf- heben, nicht ich."
Das habe ich bewilligt, auch, daß das Darlehen ein zins- freies blieb. Wir unterzeichneten Beide des Schriftstück, ich baute Haus und Scheuern wieder auf, tilgte die Hy^otheken- schuld und begann seit jenem Tage Thaler nach Thaler zur Seite zu legen. Jürgen Moldt und ich lebten als engbefreun- dete Nachbarn noch gegen dreißig Jahre, ehe sich mein Jugend- freund in den Netzen einer französischen Comteffe verstrickte und als Fünfziger noch heirathete. Er hatte in früheren Tagen ein unglückliches Herzensverhältniß gehabt und war nie zur Ehe zu bewegen gewesen; jetzt aber ergriff ihn die Leidenschaft auf das Heftigste, er verlor völlig den Kopf, und was eine Reihe sparsamer, besonnen wirthichaftender Altvordern zusammengetragen, das wurde nun leichtfeittg verschleudert Auf Dornau ilühte ein bescheidener Wohlstand, auf Moldt dagegen schwand das Kapital wie Schnee vor der Sonne.
Fest folgte auf Fest, der einzige Sohn wurde verhätschelt ;


