Ausgabe 
11.7.1893
 
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Dienstag, den 11. Juli.

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gab es jetzt nicht viel und so geriethen Beide ins Plaudern. Er redete leise und eindringlich auf sie tos, sie sehe ganz in Schwarz zu tobt aus; den gebrannten Streifen am Hals könne sie sich nun nachgerade abtrennen und durch einen schwarzweißen ersetzen. Den gnädigen Herrn mache sie da­durch nicht lebendig und eine Liebe thue sie ihm damit auch nicht an. Acht Wochen Volltrauer um die Herrschaft sei für dienende Leute völlig genügend. Aber Emma erwiderte, sie thue es nicht um den Seligen, sondern aus Beileid für die gnädige Frau; sei die heiter, lange sie sofort ein farbiges. Kleid aus dem Schrank., x

Als die leise tuschelnden Stimmen fein Ohr trafen, trat Hans von Malten unwillkürlich weniger fest auf. Er beauf. tragte die Jungfer, ihn anzumelden. Er käme in dringender Angelegenheit und bäte ernstlich darum, ihn nicht wieder ab- weisen zu lassen. Leonore war in ihrer Wanderung mehr­mals an dem Juwelenschränkchen vorüber gekommen, da fiel ihr plötzlich ein, wo sie eigentlich den Schlüssel dazu habe. Sie besann sich darauf, daß er sich noch in dem Kleide be» finden müsse, welches sie an jenem Tage getragen. Sie holte ihn und öffnete in Gedanken das Schränkchen; sie wußte selbst nicht, weshalb. Recht unbesonnen hatte sie doch gehandelt! Sie hatte gar nicht daran gedacht, wie sehr sie sich compro- mittirte, indem sie ihre Schmucksachen durch ihren Vetter ver­pfänden liefe. Der Augenblick drängte und sie hatte helfen müssen- Hans hatte sie seitdem nicht wieder unter vier Augen gesprochen; jedenfalls hatte die Abschlagssumme vor der Hand genügt. Sobald nun Tante Anna sich wegen der etwaigen Ansteckung beruhigt hatte, wollte sie die Angelegenheit in Ordnung bringen. Das auf ihre Juwelen geliehene Geld wollte sie gern mit zugeben, damit die Tante nicht zu viel hsrausrücken müßte. Von den Ersparnissen ihrer Zinsen hoffte sie ihre Sachen nach und nach einzulösen und Friedberg, das wußte sie, war verschwiegen.

Sie läcbelte- Es war das erste Mal seit ihres Mannes Hinscheiden. ' Vor ihrem Geiste tauchten die staunenden, un- gläubigen Gesichter bei der Testamentseröffnung auf; sie er- innerte sich des stürmischen Widerspruchs, den sie von allen Seiten erfahren, als sie ihren festen Entschluß äußerte, das Testament nicht anzufechten. Hans und die Mama waren darüber ganz außer sich gewesen. Herr von schönholz und der Justizrath sprachen um die Wette auf sie ein, bis der Geheimrath mit einem aus innerstem Herzen kommenden Herrgott, so nehmen Sie doch Vernunft an! dazwischen fuhr. Er sagte ihr geradezu, sie handle unbesonnen wie em Kmd und werde es bereuen. Der herbe Schmerz, den der Verlust eines geliebten Menschen Hervorrufe, zeitige bei iedem weichen

(Fortsetzung).

Gewiß, das hat sie," bekräftigte Hans.Nicht wahr, Herr Geheimrath, Sie versprechen uns, das Ihre dazu bei­zutragen und meiner Cousine zu ihrem Recht zu verhelfen?"

In Ernas schmale Wangen stieg ein sahles Roth. Wärest Du dabei interessirt, könntest Du nicht wärmer für Leonie auftreten," spottete sie.Ich dächte, Dir könnte es gleich sein, in welche Hände das Strehlen'sche Vermögen fällt, wenn sie eine zweite Heirath eingeht. Mags an den Fiscus fallen! Uns war der Weizen damals auch verhagelt und es ließ sich nicht ändern. Es wäre keinem Menschen im Traum eingefallen, daß der alte Hagestolz noch einmal auf Freiers­füßen gehen würde. Wir waren die nächsten Erbberechtigten, nachdem die Linie der Strehlen-Sternberg ausgestorben, und hatten das Nachsehen und mußten uns auch in seine Heirath finden." , , , _ .

ÖKönnen Sie auch, gnädige Frau," unterbrach sie der Geheimrath trocken.Wer so mit irdischen Glücksgütern ge- segnet ist, kann Anderen schon etwas gönnen." Er erhob sich, um sich zu verabschieden und schüttelte Allen herzlich die Hand, Erna ausgenommen, der er eine steife Verbeugung machte.

Dem jungen Brautpaar sprach er beim Lebewohl noch­mals mit warmen Worten seine Freude darüber aus, daß zwei ihm so liebe Menschen sich zu gegenseitigem Glück ver­bunden. t

Unhörbaren Schrittes durchwanderte Leonore die Ge­mächer. Wie ein irrender Schatten glitt sie ruhelos durch die vereinsamten Räume; von Zeit zu Zeit hielt sie in ihrer Wanderung inne, die Augen schließend und die schmalen ab­gemagerten Hände gegen die Schläfen pressend.

Und ruhelos stürmten auch die Gedanken hinter der weißen Stirn- Sie konnte vor ihrem vermeintlichen Schuld­gefühl keinen Frieden finden und machte stch die bittersten Vorwürfe. Warum hatte sie ihrem Wunsch, in die Hrimath zurückzukehren, Worte gegeben? Vielleicht lebte ihr Mann heute noch, wäre sie mit ihm im Süden auf Reisen geblieben!

Man merkte es sofort, daß man ein Haus der Trauer betrat. Die Dienerschaft wagte noch immer nicht, laut zu reden. Seit dem Tage, an dem die gnädige Frau seelisch und körperlich gebrochen am Todtenbett ihres Gemahls zu­sammengesunken war, unterhielt man stch nur im Flüsterton. Franz hatte eben im Vorsaal die Jungfer getroffen. Zu thun

Verschlungene Pfade

Roman von Max Hochberg.