Ausgabe 
11.2.1893
 
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war für den Augenblick allen Schmerzen und Selbstpeinigungen durch die Wohlthat der Natur gnädig entrückt.

Auf den Zehenspitzen schlich sich Ruth zur Thür.

Adele schloß in dieser Nacht kein Auge; die furchtbarste Aufregung bannte den Schlaf, verscheuchte jeden anderen Ge­danken als nur den an das Geld, welches Ruth erhalten würde. Eine halbe Million, genug, um den Baron aus allen Verlegen­heiten zu befreien, ihm alle Wege zu ebnen und die Thore des Erdenglücks zu erschließen.

Mußte er nicht naturgemäß jedes Mittel anwenden, um sich die Gunst seiner jungen Schwägerin zu sichern? War er nicht ganz auf sie angewiesen?

Ein Gedanke, bei dem sich das Herz der Gesellschafterin krampfhaft zusammenzog, der sie aufspringen und in einem Er- stlckungsanfall das Fenster aufreißen ließ.

Die weißen Flocken wirbelten herein, der Wind löschte die Lampe und fuhr im heftigen Anprall gegen das heiße Gesicht des Mädchens; das Zimmer war jetzi vollständig dunkel.

Adele schauderte, aber die Kälte that ihr doch wohl. Das halbverlofchene Feuer im Ofen flammte hoch auf, Funken flogen empor, Streiflichter fielen in die Finsterniß der entlegenen Ecken und Winkel.

Leise schloß die Gesellschafterin den Fensterflügel und kroch tief unter ihre Decke. Gespenster schienen durch das Zimmer zu huschen. Gespenster kamen und gingen in ihrer aufgeregten, verstörten Seele.

So lag sie bis gegen Morgen; dann kam wie immer der bleierne Schlaf äußerster Erschöpfung. Auf dem Schloßhofe wurde es lebendig, Thierstimmen erklangen, es rollten Wagen vorüber und endlich schlug eine Uhr. Adele schlief noch immer.

Da klopfte Jemand an die Thür und als keinHerein" erfolgte, wurde von draußen vorsichtig geöffnet. Die Kammer­zofe der Baronin steckte den Kopf in die Tyür.

Fräulein Malten!"

Adele drehte sich um, ohne ganz zu erwachen; sie mur­melte etwas, das die Jungfer nicht verstand und das diese ver­anlaßte, näher zu treten und die Schulter der Schlafenden zu berühren.

Fräulein Malten!"

Jetzt fuhr die Gesellschafterin auf. Mit wirren Blicken um sich sehend, strich sie das Haar aus der Stirn.

Was ist geschehen, Hanne? Mein Gott, was ist ge­schehen?"

Das Mädchen schüttelte ängstlich den Kopf.Nichts, Fräulein, nichts, oder ich weiß doch wenigstens nichts Ge­naues. Aber es ist mir so sonderbar die gnädige Frau klingelt sonst immer um halb sieben und heute"

Wie viel ist denn die Uhr jetzt?"

Gleich halb acht."

Dann sehen Sie doch nach, Hanne."

Das Mädchen schien mit Thränen zu kämpfen.Ich habe mich in die Zimmer geschlichen," sagte sie,über halb hinein; weiter wagte ich mich nicht. Die gnädige Frau lag mit dem Gesicht gegen die Wand gekehrt und und"

Nun, Hanne?"

Die rechte Hand sah so seltsam aus," flüsterte scheu das Mädchen.Mehr als nur diese sah ich nicht."

Um Gottes willen!"

Adele sprang auf, wie vom heftigsten Schreck erfaßt; die Jungfer half ihr, sich in aller Eile nothdürftig anzukleiden und dann ging Adele fliegenden Fußes in das Zimmer der Baronin. Es war in den Gängen noch dunkel, der Wind heulte um die Mauern und Flockengeriesel erfüllte die Luft ; hie und da sahen die ängstlichen Gesichter der Dienstboten aus dem Halbschatten hervor

Im Schlafzimmer der Baronin brannte eine gegen das Bett hin grünverhüllte Lampe; auch jetzt, als Adele die Schwelle überschritt, regte sich nichts.

Sehen Sie die H>nd!" flüsierte angstvoll das Mädchen. Noch liegt sie genau so wie vorhin."

Gnädige Frau!" ries mit gedämpfter Stimme die Gesell­schafterin. Keine Antwort.

Dann trat Adele an das Bett, jetzt erfüllt von einer Ahnung, die sich nicht mehr abweisen ließ. Sie erfaßte die herabgesunkene Hand Eiseskälte drang ihr entgegen.

Zweimal öffnete sie die Lippen, um zu sprechen zwei­mal vergeblich. Es ging so nicht an. Sie wandte den Kopf und winkte mit gebieterischer Handbewegung dem Mädchen.

Die Lampe!" Mehr als nur das brachte die trockene Kehle nicht hervor.

Aber Hanne schlug, anstatt zu gehorchen, beide Hände vor das Gesicht und lief schreiend davon.Er ist zu schrecklich, ich kann es nicht sehen."

Adele hatte jetzt ihre gewohnte Ruhe wiedergefunden. Sie ergriff die Lampe, warf den grünen Schleier bei Seite und ließ den Lichtschein auf das Bett fallen.

Mitten auf der Decke lag ein Brief, verschlossen und adrefstrt; die Blicke der Gesellschafterin hatten gedankenschnell die beiden einzigen als Ausschrift dienenden Worte gelesen An Adele" dann verschwand das knisternde Blatt in ihrer Tasche und jetzt erst sah sie hinüber zu dem bleichen, stillen Antlitz tief in den Kiffen. Die Lampe klirrte leise, so zitterte die Hand, welche sie hielt.

Er war seit Langem so durchsichtig weiß gewesen, dieses sanfte, liebliche Gesichtchen, aber dennoch heute kam ein anderes, fremdes hinzu, ein Etwas, das die Seele der Gesell­schafterin bis in ihre letzten Tiefen hinein erschauern ließ. So kalt die Stirne, so unbeweglich der Arm das war der Tod!

Im Thürrahmen standen die Dienstboten. Flüsterworte gingen von Mund zu Mund; Weinen und bitterliches Schluch­zen durchdrang die Stille-

Adele setzte die Lampe auf den Tisch.Wecken Sie den gnädigen Herrn," befahl sie.Und Sie, Fischer, lasten Sie sogleich einen Knecht in die Stadt fahren, um den Arzt zu holen."

Lebt denn die gnädige Frau noch, Fräulein Malten?"

Thun Sie, was ich Ihnen sage."

In diesem Augenblicke erschien Ruth auf der Schwelle des Schlafzimmers. Alle Domestiken wichen zurück, nur Adele schien sich straffer aufzurichten; sie behielt ihren Platz neben dem Bette und erwartete schweigend eine Anrede.

Was ist geschehen?" rief Ruth.Um Gotteswillen, weshalb sehen mich alle diese Leute so traurig an?"

Jetzt hatte sie das Bett erreicht.Cilli! Cilli!"

Und dann kam ihr die schreckliche Erkenntniß. Mit einem Weheschrei warf sie sich vor dem Lager auf ihre Kniee. Todt! Todt!"

Unten raffelte der Jagdwagen in vollster Carriere über das Pflaster des Hofes; dann erklangen auf dem Corridor schnelle Schritte und Hans Adam betrat das Zimmer, offenbar aus das Heftigste erschreckt, selbst so blaß wie eine Leiche.

Ruth," sagte er,Fräulein Malten ist es denn wirk­lich wahr?"

O Hans! Hans! Sie ist tobt!"

Der Baron schob mit sanftem Zwange seine Schwägerin zur Seite und beugte sich über die Leiche.

Licht! Licht!"

Adele hielt die Lampe hoch empor. Es war in diesem Augenblick so still, daß man das Fallen einer Stecknadel gehört haben würde.

Und dann mochte der Baron die schreckliche Gewißheit vollständig erlangt haben; wie gebrochen sank er in den Stuhl vor dem Bette.

Weiß denn Niemand, wann die Arme starb? 'War keine Hilfe zur Hand? Ich bin wie vor den Kopf geschlagen."

Jetzt sprach die Gesellschafterin zum ersten Mal, seit Ruth das Zimmer betreten hatte.

Ich kann Ihnen keinerlei Auskunft geben, gnädigster Herr. Fräulem Aßmann wird Alles auf das Genaueste wiffen."

Du, Ruth?"

Aber das junge Mädchen antwortete nicht. Als sich Hans Adam erhob und zu ihr ging, da fand er eine Ohn­mächtige- Die schweren blonden Flechten fielen aufgelöst über