Ausgabe 
10.6.1893
 
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Liebste Erna," begann er stockend,ich hätte eine Bitte an Dich. Es ist mir sehr fatal, Dir gerade heute"

Wenn Duliebste" sagst, betrifft es natürlich eine Geld« angelegenheit," unterbrach sie ihn schneidend.Ich glaube wahrhaftig, Du hast mich nur geheirathet, um mich auszuplün- dern. Deine Equipirung war brillant! Dutzendweise waren Handschuhe und Alles auf's Feinste vertreten hinterher aber liefe« die Rechnungen ein. Einige kleine Bummelschulden hättest Du zu berichten! Dreißigtausend Mark ließ ich Dir zu dem Zwecke auszahlen und meinte, nun wären sie abgethan. Dann kamst Du mit neuen Forderungen! Ich fuhr selbst beim Bankier vor und beglich Alles."

Well Du voll Mißtrauen wärest," fuhr Hans wild auf, und glaubtest, ich wollte das Geld für andere Zwecke erpreflen, wie Du Dich ausdrücktest. Das versichere ich Dir, ist Tante Anna einst nicht mehr, erhälst Du jeden Groschen Deines Geldes zurück! Wenn Du für die Lumperei nicht aufkommen willst, werden sich Andere dazu finden."

Wohl Deine schöne Coufine?" höhnte sie.Freilich, die kann's, das läßt man sich gefallen, heirathet den steinreichen Strehlen, den reichsten Mann aus unserer Familie. Es scheint, die Maltens gehen nach Geld, wie die Marder nach Federvieh. Ein Sprung, und sie sitzen blutsaugend an der Kehle!"

Kein Wort über Leonore!" brauste Hans auf.Mir darfst Du viel bieten, aber was sie anbelangt, dulde ich nicht die geringste refpectlofe Aeußerung. Sie ist selbstlos und edel, in welchem Maße, kann ich erst jetzt beurtheilen!"

Wie viel beträgt dieLumperei"?" unterbrach sie ihn.

Fünftausend Mark." Die Lüge blieb ihm zur Hälfte in der Kehle stecken.

Muß das sofort sein?"

Du brauchst nur zu unterzeichnen," entgegnete er hastig. Die Summe ist erst in Monaten fällig. Er wollte nur über- sicher gehen."

Sie ging zum Schreibtisch und setzte ihren Namen auf den Schein.Walther von Habenichts," zischte sie halb ver­nehmbar dabei.

Hans von Malten ballte die Faust nach rückwärts. Bis über's Jahr war es eine lange Frist; Tante Anna hatte ihre Vierundsiebzig auf dem Rücken; sie konnte doch nicht ewig leben wollen! Aufathmend verließ er das Gemach.

Vor dem großen Spiegel im Ankleidezimmer paradirte Elsa von Toffsky. Sie bog sich dicht zum Glase und betupfte mit dem Spitzentuche ihre Wangen.Annette!" Ihre Schwester kehrte sich nach ihr um.

Der Puder liegt doch nicht zu dick?" raunte sie ihr zu. Gerade heute bin ich außergewöhnlich roth."

Richt mehr als immer!" antwortete die jüngere Toffsky schnippisch.

Schau' zu, ob Herr von Götz schon im Saal ist und bringe mir Bescheid," befahl Elsa.

Der, den sie erwähnte, kam eben. Er entledigte sich rasch seines Mantels, begrüßte den Oberstlieutenant mit seinen Damen und beeilte sich, Fräulein Elsa in den Saal zu führen.

Sie erkundigte sich nach so vielen gleichgiltigen Dingen, sich halb selbst beantwortend.Ist Herr Werner wirklich ver­reist? fragte sie plötzlich ganz unvermittelt.

Ja, gnädiges Fräulein, er ist für den Winter nach Italien gegangen."

Asta von Schönholz wird ihn recht sehr vermissen."

Sicher," pflichtete er ihr bei,sie ist ungemein eingenom­men für ihren Lehrer. Verdenke ihr das nicht. Paul Werner ist ein prächtiger Mensch!"

So," sagte Elsa gedehnt-Run, dann werden Sie wenigstens nichts dabei finden, wenn dieser prächtige Mensch die junge Dame in seinem Atelier empfängt," spielte sie ihren Trumpf aus.

Der Lieutenant ließ Elsas Arm fallen.Paul Werner ist mein Freund," entgegnete er,und Fräulein von Schönholz

steht in meinen Augen viel zu hoch, als daß ich ein Wort zu ihrer Vertheidigung verlieren sollte.

Er verbeugte sich kurz und trat zurück.

Rein, bitte, Herr von Götz, Sie dürfen es mir nicht falsch auslegen! Ich meine es wirklich gut mit Fräulein von Schönholz." Ihre Stimme war bei den letzten Worte» zum Flüsterton herabgesunken.Eben deshalb bin ich so außer mir, daß die Siebzehnjährige, dies halbe Kind, sich derartig com- promittiren konnte."

Eine Verleumdung ist leicht erfunden und wohlfeil nach­zusprechen," sagte er mit Schärfe.

Es ist die reinste Wahrheit, Herr von Götz," vertheidigte sie sich.Wir sahen sie mit eigenen Augen, Annette und ich, in das Stiftsgebäude hineingehen. Meine Schwester wird es Ihnen bezeugen."

Dort wohnen mehr Leute, Geheimrath Sperling, die alte Castellanin und und" Götz wußte keine Namen weiter anzuführen.

Und wir sahen Asta bei Herrn Werner," ergänzte Elsa, denn es ist das Atelier, von dem drei Fenster verhängt sind. Sie kamen übrigens auch kurze Zeit darauf, grüßten uns und gingen dann ins frühere Schloß. An einem Donnerstag war es, besinnen Sie sich nur, dem vor der Verlobung Fräulein von Maltens. Es war ..."

Mithin hätte ich die Dame dort antreffen müssen," unterbrach er sie eilig.

Unmöglich, Herr von Götz," setzte sie ihm auseinander, gleich nachdem Sie unseren Blicken entschwunden waren, wurde Asta für uns sichtbar. Sie stand am vorletzten Fenster. Ihr tiefgrünes Straßencostüm, Hut, Muff, Jacke und Kleid vom selben Stoff und mit Silberfuchsverbrämung, hob sich scharf von dem gelbrothen Vorhang ab. Wir beobachteten sie eine ganze Welle. Sie schaute in all' der Zeit nicht ein einziges Mal nach der Straße hinaus."

Das Wort Muff wirkte auf den Lieutenant geradezu lähmend: tiefgrün mit Silberfuchsverbrämung. Alles stimmte nur zu gut. Was Fräulein von Toffsky nach der Beschreibung des Straßencostüms noch zu ihm sprach, hörte er nur ungenau. Er empfahl sich, sobald es thunlich war, und stürzte zum Buffet, um seinen auflodernden Zorn durch ein paar Glas Wein hinunter zu spülen.

Hatte Elsa von Toffsky gehofft, ihn durch ihre inter­essanten Mittheilungen für den Abend an sich zu fesseln und Asta dadurch ins Herz zu treffen, war sie arg im Jrrthum gewesen; in anderer Hinsicht aber wurden ihre Erwartungen nicht getäuscht, und sie zischelte ihrer Schwester frohlockend zu: Siehst Du wohl, wie er sie schneidet und wie furchtbar sie sich darüber ärgert?"

In der That, Heinz von Götz vermied es geflissentlich, in Astas Nähe zu kommen. Sie hatte bei ihrer Schwester gestanden, als er diese begrüßte. Sein Blick war über Asta hinweg geglitten mit jenem tobten Ausdruck, mit dem man in die leere Luft sieht- Im Augenblick war es ihr nicht auf­gefallen, daß er keine directe Anrede für sie gehabt, weil Andere hinzudrängten. Ihre Aufmerksamkeit war überdies durch Herrn Fernow in Anspruch genommen, der ihr ein Compliment über ihre Haltung beim Lenken der Pferde, sie hatte es letzthin durchaus lernen wollen, machte. Der Ge­danke, Götz könne sie absichtlich ignorirt haben, lag ihr völlig fern. Sie wartete voll Ungeduld auf ihn. Seinetwegen zu­meist hatte sie sich auf die Gesellschaft gefreut. Werner fehlte ihr. Sie war durch seine Abreise in ihren liebsten Gewohn­heiten gestört worden. Sie vermißte die harmlosen Plauder­stunden mit ihrer mannigfachen Anregung und die zeitweiligen Strafpredigten, welche ihr immer so viel heimlichen Spaß ge­macht hatten. Sie fühlte das Bedürfniß, wenigstens von ihm zu spreche«, da sie seinen Umgang entbehren mußte. Zu Mechthild von Hagedorn und Annette von Toffsky nannte sie seinen Namen nicht mehr; hatten doch die nüchternen, prosa­ischen Freundinnen ihre Schwärmereien für Werner über­spannt und sein Lob überschwänglich gesunden. Zu Erna durfte sie ihn gleich garnicht erwähnen. In Herrn von Götz