§5 419 te

rnatt auf der Bettdecke ruhende Hand faßte und liebevoll be­ruhigend darüber hin strich. Am Fenster hatte die Kathrine ihren Platz gefunden. Sie blickte lieber hinaus in das Wetter, als hinein in die Stube, wo ihre junge Herrin am Bette des Sterbenden faß. Wenn es ihr vorher schon unheimlich in seiner Nähe gewesen war, wie hatte sich jetzt dies Gefühl vermehrt, wo es schien, als ob der Ruf des Todes unter Donner und Blitz die scheidende Seele vor den Richterstuhl Gottes fordern sollte! Wie sehnte sie sich nach unten, aus der beängstigenden Stille fort, die nur durch das Rauschen des Windes und das dumpfe Rollen über ihren Häuptern unterbrochen wurde. Plötz­lich sprang sie empor. Sie hatte auf dem Hofe ein anderes Geräusch vernommen und schnellen Schrittes, die Gelegenhei t freudig ergreifend, eilte sie die Treppe hinab. Auch der Ster­bende mußte es bemerkt haben, denn er machte eine unruhige Bewegung und öffnete zum ersten Male die Augen. Hertha beugte sich liebevoll über ihn. »Du hast geschlafen, Vater," sagte sie leise,der Donner des abziehenden Gewitters hat Dich geweckt."

Er achtete nicht auf ihre Worte. Mit den geschärften Sinnen, die dem Menschen oft kurz vor seinem Abscheiden ver­liehen werden, hatte er gehört, was ihr entgangen war.

Der Wagen," murmelte der Kranke abgebrochen,sie kommen. Hertha, Du bist mir ein treues Kind gewesen, mein Segen wird auf Dir ruhen. Geh' jetzt, ich will mein Haus bestellen, aber schicke zu Pastor Helfer, ich will versöhnt zu meinem Gott und Herrn gehen." Sie war im Begriff, seinen Auftrag auszurichten, als die Thür sich öffnete und die Mutter eintrat. Ihr folgte der Notar mit Malte, aber dann mußten sie Alle das Zimmer verlaffen, doch blieb die Mutter in der Nähe für den Fall, daß ihre Hilfe gebraucht wurde, und Kathrme mit dem Knecht wurden nach oben gerufen, um dort auf dem Flur zu warten, bis sie als Zeugen der Unterschrift ihres Herrn gebraucht wurden.

In einer Aufregung, wie er sie kaum beherrschen konnte, wanderte Malte im Hause hin und her, während Hertha sich ihres Knaben annahm und ihn in das Schlafzimmer führte. Sie entkleidete das müde Kind und dann, an seinem Bettchen niederknieend, betete sie sein einfaches Abendgebet mit ihm. Aber als der Kleine längst in süßen Schlummer gesunken war, da stieg noch immer ein heißes Flehen aus dem geängstigten Herzen der Mutter zum Himmel empor. Erst als sie Schritte die Treppe herabkommen hörte und nun wußte, daß die Ent­scheidung oben gefallen war, erhob sie sich. Eine eigenthüm- liche Scheu verhinderte sie, in das Wohnzimmer zu gehen, wohin sich der Notar begeben hatte, es war ihr, als möge sie jetzt nichts von irdischen Angelegenheiten hören oder sehen und sie blieb still neben dem Bette des Kindes stehen, bis die Mutter sie abrief und wiederum zum Vater schickte.

Die Abendschatten erfüllten das Sterbezimmer, als sie es betrat. Sie entließ die Kathrine, die bei dem Kranken faß und räumte dann das Papier und Schreibgeräth bei Seite, das auf dem Tische lag, als ob sie sein Herz von allen Ge- danken an die Erde lösen und zur seligen Heimfahrt bereiten möchte. Dann nahm sie den Platz am Bett des Vaters ein. Er schien sehr erschöpft zu sein, denn er sprach nicht mit ihr, und nur die Hand, welche sie in die seine geschoben hatte, drückte er bisweilen sehr matt. So saßen sie zusammen, eine lange Zeit, wie es ihr schien, denn es war dunkel geworden, und nur der Mond sandte, wie er durch die Zweige der Bäume blickte, einen freundlichen Lichtstrahl in das Fenster. Der Athem des Kranke« war schwächer geworden, bisweilen hörte sie ihn seufzen, dann kam ein leise gemurmeltes Wort von seinen Lippen. War es der Name des Sohnes, deflen er in seiner letzten Stunde gedachte, oder hatte sie ihn nur zu hören ge­meint, weil ihre ganze Seele nach ihm verlangte? O, wenn sie wagen dürfte, von ihm zu sprechen, zu flehen, zu bitten, daß er nicht im Groll gegen ihn vor Gottes Stuhl treten möchte! Sie beugte sich tief über den Vater in der Hoffnung, etwas Deutlicheres zu vernehmen, aber es blieb still und dann schien es ihr plötzlich und die Empfindung durchschauerte sie, daß die ihre Hand umschließenden Finger kühler und schwerer

geworden waren. War das Ende nahe, näher, als sie geglaubt hatte, und hatte man dort unten sie und ihn vergessen, weil ?,er ®,n "ur auf das Hab und Gut gerichtet war, das die scheidende Seele auf Erden zurückließ? Und der Pastor -

®Sben. Zon hatte sie den Boten geschickt, der um seine Hilfe bitten sollte warum kam er nicht? Vielleicht timt er, wm sie nicht vermochte, und - sie richtete sich schnell aus der zusammengesunkenen Stellung empor, die sie eingenommen hatte, und lauschte aufmerksam. Sie hatte sich nicht getäuscht, als sie das Oeffnen der Hausthür zu vernehmen meinte, denn gleich darauf horte sie Jemand die Treppe heraufkommen und die Mutter erschien auf der Schwelle. Ein Laut der Ueberraschuna entfuhr lhr, als sie die herrschende Dunkelheit gewahrte, aber noch ehe sie die Lampe angezündet hakte, war Pastor Helfer an das Bett getreten und hatte die Hand des Sterbenden ge-

suchte Kühle, wie das todtbleiche, eingesunkene Gesicht, auf welches das Licht fiel, zeigten ihm, daß keine Reit M verlieren war. Er mußte seinen Wunsch sogleich erfüllen es mochte vielleicht zu spät werden, wenn er sich auf Erklärungen über Enchs Schuld oder Unschuld einließ, aber den Segen des Vaters für ihn wollte er erwerben, das war er ihm wie dem Sterbenden schuldig. Die Mutter verließ wieder das Zimmer, indem er sich zu dem Kranken beugte und Sündenbekenntniß wie Vaterunser sprach, in das Hertha leise einstimmte, während die Bewegung seiner Lippen seine innere Theilnahme zeigte. Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unfern Schul- b^rn! Der Pastor blickte voll in die zu ihm aufgeschlagenen, trüben Augen.Sie vergeben aus vollem Herzen allen Denen, die sich an Ihnen vergangen haben?" fragte er in tiefer Be- wegung.Und wenn Erich zu Ihnen treten könnte und die Arme nach Ihnen ausstreckte, so würden Sie ihn an Ihr väterliches Herz ziehen?"

Ein Beben ging durch den Körper des Liegenden, seine Brust hob und senkte sich stürmisch, die Hand zuckte auf der r c.»'r- auf den Knieen vor seinem Lager,

faßte sie und bedeckte sie mit heißen Thränen und Küssen. Vater, vergieb Erich," schluchzte sie,laß Deinen Segen auf fernem Haupte auch ruhen."

Es schien, als ob der Groll noch nicht ganz in dem Herzen des Vaters erloschen sei, denn er preßte die Lippen aufeinan- der, als ob das erflehte Wort ihnen nimmermehr entschlüpfen solle, und wendete langsam den Kopf zur Seite. Aber nur wenige Augenblicke verharrte er so, dann öffnete er die Augen ^^tne Hand legte sich auf den blonden Scheitel der Tochter. Ich bedarf meines Gottes Gnade," sagte er leise,und, Hertha, wenn er zurückkehrt in Reue und Schmerz, so sollst Du Erich sagen, daß ich ihm meine Liebe bewahrt habe"

Em leisesGott sei Dank' kam aus dem Munde des Pastors und dann reichte er Vater und Tochter das Mahl des Herrn. Als die heilige Handlung vorüber war, setzte er sich an das Lager des jetzt erschöpft Ruhenden. Leise und vor- sichtig, um ihn nicht zu tief zu erschüttern, fing er an, den Zweifel an Erichs Schuld in ihm zu erregen. Er sprach da- von, daß er mit ihm in Verbindung getreten sei, und daß seine Ueberzeugung ihn von dem Vergehen freispreche. Mit geschlosse- nen Augen lauschte der Sterbende seinen Reden, während sich ein Ausdruck stiller, seliger Befriedigung über sein Gesicht ver- irenete. Er war zu schwach, um die Entdeckung zu machen, )ie der Pastor gefürchtet hatte, daß er schmählich hintergangen worden war und daß er selbst seinem Sohne ein bitteres Un­recht zugefügt hatte, er fühlte nur, daß er ihm wiedergegeben war. In Herthas Augen dagegen, die unverwandt auf den Pastor gerichtet waren, trat ein Blick grübelnder Unruhe, als ob sie Fragen und Sorge nicht zurückdrängen könne. Plötzlich aber fuhr sie zusammen, und in jähem Schreck eilte sie zu der Thür. Lautes Sprechen erscholl in dem stillen Hause, ungestüme Schritte kamen die Treppe herauf, an ihr vorbei stürzte Malte in das Zimmer, auf das Lager zu, und mit lauter Stimme rief er dem Sterbenden entgegen:Vater, Erich ist da, er will zu Dir dringen und bedroht die Mutter."

Der Sterbende fuhr von seinem Lager in die Höhe. Eine festige Erregung malte sich in seinen Zügen, abwehrend streckte