Ausgabe 
7.9.1893
 
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Nr. 105.

1893

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Nntevhaltrrngsblatt jum Gieszenev Anzeigen (General-Anzeiger)

Donnerstag, den 7. September.

Das Erbe.

Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.

(Fortsetzung.)

V.

In Grashagen waren die Crumbacher Badegäste, die das Gut so gern besuchten und an freundliche Aufnahme gewöhnt waren, heute gar nicht zufrieden. Die ältere Frau, welche die beliebten Waffeln so ausgezeichnet zu backen verstand, hatte jeden Vorschlag in dieser Richtung schroff abweisen lassen, weil sie keine Zeit dazu habe, und als eine der beharrlichsten Damen selbst in das Haus gegangen war, um den Versuch noch ein­mal zu wiederholen, war sie erschrocken zurückgekommen. Sie hatte den Arzt, der sonst wöchentlich nur einen Besuch in Crumbach machte, an diesem ungewöhnlichen Tage hier im Wohnzimmer gefunden, wie er mit freundlichen Worten die junge Frau zu beruhigen versuchte, die laut und herzbeweglich geschluchzt hatte. Wem mochte sein Besuch und ihr Schmerz gelten? Sicherlich nicht ihrem einzigen Kinde, dem Knaben, den man vor wenigen Minuten auf der Schwelle des Hauses ge­sehen hatte, und ebenso wenig ihrem Manne, der dort soeben über den Hof schritt. Er verschwand im Pferdestalle und man hörte seine unangenehm scharfe Stimme, wie er mit dem Knechte sprach und ihm befahl, die Pferde vor den Kaleschwagen zu legen. Es mußte also der alte Mann erkrankt sein und sicher­lich lag er schwer darnieder; denn, da der Arzt schon im Hause war, wen sollte man sonst holen, als den Pastor oder vielleicht den Notar? Es war das doch eine so interessante Begebenheit, daß man noch etwas mit dem Aufbruch warten wollte. So saß man denn, das Haus unablässig beobachtend, und unterhielt sich in jenem gedämpften Tone, den die Menschen immer annehmen, wenn vom Tode oder von dem, was in seinem Gefolge daherschreitet, die Rede ist. Man kannte ja den alten Mann, man hatte gesehen, wie er matt und blaß am Fenster saß, den traurigen, ernsten Blick still vor sich ge­richtet. Ihm mochte der Tod nicht der erschreckende Bote sein, als welcher er der jungen, lebenslustigen Welt erscheint, aber er war doch immerhin ein ernster Gesandter Gottes, das empfand man unwillkürlich. So wollte es in der Unterhaltung zu keiner rechten Freudigkeit mehr kommen, dazu schien sich die Hoffnung, daß man etwas Besonderes hören oder sehen werde, durchaus nicht zu erfüllen. Still und schweigsam lag das Haus unter den schattenreichen Bäumen; der Einzige, welcher sich blicken ließ, der kleine Sohn des jungen Paares, gab als wenig befriedigende Antwort nur den Bericht, daß Großvater krank

sei, was man schon vorher wußte. Dazu wurde es, je mehr der Nachmittag vorrückte, desto gedrückter und schwüler unter dem dichten Laubdach der schönen Bäume, so rüstete man sich denn zum Aufbruch. Langsam, den Blick noch oftmals zurück­wendend, verließen die Gäste den Garten durch die kleine, in's Feld führende Pforte, ohne mit den Hausgenossen weiter in Berührung gekommen zu sein. Im Hause selbst herrschte jene beunruhigende Ruhe, die uns bei jedem Geräusch angstvoll zu­sammenfahren läßt. Das Ticken der großen Uhr, die von des Großvaters Zeit im Hausflur stand, tönte langsam und schwer­fällig in das Wohnzimmer, dessen Thür weit geöffnet stand. Dort an dem Fenster, durch welches die Strahlen der Nach­mittagssonne glänzend und heiß auf den Fußboden fielen, stand eine junge, schlanke Frau. Als sie den letzten der Gäste den Garten verlassen sah, seufzte sie erleichtert auf, ihre Züge ver­loren den gespannten, künstlich beherrschten Ausdruck, den sie bis jetzt getragen. Indem sie sich vom Fenster abwendete, sank sie auf einen Stuhl und beide Hände vor das Gesicht drückend, schluchzte sie leise und tieffchmerzlich.Vater, mein lieber Vater I" kam es in abgebrochenen Lauten über ihre Lippen, während große Thränen den Weg zwischen den Fingern hin­durch fanden. Aber obgleich sie, wie es schien, tief in ihren Kummer versunken war, so mußte sie doch nicht jede Beobach­tung der Außenwelt vergessen haben, denn sie richtete sich jetzt schnell empor. Sie hatte über sich Schritte vernommen, welche sich schnell der Thür näherten, dann hörte sie ihr leises Oeffnen, und nun kam Jemand langsam und vorsichtig die Treppe herab. Die junge Frau strich schnell das blonde Haar aus der Stirn, fuhr mit der Hand über die Augen, um die Spuren der Thränen wegzuwischen, und bemühte sich, eine gesammelte Miene anzunehmen. Da sie fühlte, daß sie trotz aller An­strengung nicht im Stande dazu war, wandte ste sich zum Fenster und stand dort unbeweglich, den Blick hinausgerichtet, als ob sie den Knaben beobachte, der in lustigem Spiel auf einer schwanken Gerte in den Wegen hin und her trabte. Auch als sie den jetzt lauteren Schritt im Zimmer dicht hinter sich vernahm, kehrte sie ihr Gesicht noch nicht herum, und erst, als sie ihren Namen aussprechen hörte, wandte sie sich der Ein­getretenen zu. Es war ein großer Gegensatz zwischen den beiden Frauen, die sich im hellen Licht der Nachmittagssonne gegenüber standen. Die schlanke, biegsame Gestalt der noch sehr jungen Frau erschien auffallend zart in dem dunkeln, einfachen Kleide, das sie trug. Das Haupt mit dem dichten Haar von aschblonder Farbe hielt sie nach vorn gebeugt, und die Augen gesenkt. Die ältere Frau, eine ebenfalls hoch­gewachsene Gestalt von ziemlicher Fülle, zeigte deutliche Spuren früherer Schönheit in den klugen Zügen des regelmäßigen