Ausgabe 
7.3.1893
 
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»Sie meinen doch die jetzige Besitzerin von Ebenheim?" fragte Marbach in sichtlicher Erregung.

Dieselbe, Fräulein Armgard Holten, ein prächtiges Mäd­chen Donnerwetter Leonhard, das wäre eine Frau für Sie, da Sie doch jedenfalls heirathen müssen"

»Ich ersuche Sie, den Namen der jungen Dame nicht so frivol zu entweihen, Reinhardt!" rief Marbach, ihn zürnend anblickend.Nehmen Sie meinetwegen mich zur Zielscheibe, nur nicht in Verbindung mit einer solchen hochgeachteten Per­sönlichkeit."

Ich danke Ihnen im Namen jener Dame," sprach Tante Hanna, ihm die Hand reichend,meine aber, Freund Rein­hardt," wandte sie sich an diesen,daß Fräulein Holten sich überhaupt nicht als Unterhaltungsthema eignen dürfte." -

Der Henker hole mich, wenn ich jemals beabsichtigt hätte, Fräulein Armgard herabzuwürdigen, das hieße aber doch auch Wasser in ein Sieb schöpfen!"

Reinhardt fuhr sich bei diesen Worten mit beiden Händen durch das Haar, daß es wie wildes Gestrüpp emporstarrte und meinte dann, daß die sogenannten Gebildeten am Schick­lichkeitsgefühl krankten und kein wahres Wort mehr hören könnten.

Wissen Sie, Tante Hanna, daß ich die kleine Armgard damals, als der lange Bengel die Verlobung aufhob und sich mit ihrer koketten und allerdings ebenso schönen als blutarmen Cousine verheirathen wollte, förmlich bewundert habe? Denken Sie, Leonhard, was die kleine Heldin, die vielleicht achtzehn Jahre zählte, that? Sie bettelte für die Verräther bei den Eltern hüben und drüben, log ihnen vor, daß sie den Schlingel von Julius, der ein bildhübscher Junge war, nicht ausstehen und ihn folglich auch durchaus nicht heirathen könne, obgleich sie bis über beide Ohren in ihn verliebt war"

»Kein Wort weiter, Herr Reinhardt!" rief die kleine Tante, sich zornig erhebend.

Ach was," fuhr der rücksichtslose Maler, sie ruhig auf rhren Platz zurückziehend, eifrig fort,ich will meine Geschichte doch zu Ende bringen und was die Spatzen sich vor zehn Jahren auf den Dächern erzählten, das kann auch wohl ein braver Mann, wie ihr Nachbar Marbach hier, anhören."

Aber keine Anzüglichkeiten," sprach der junge Mann ernst,sonst verzichte ich auf das Ende Ihrer Geschichte, welche ich mir schon zusammenreimen kann. Was ich von Fräulein Holten, von ihrem Character, der mit weiblicher Milde männ­liche Energie und einen scharfen Verstand verbindet, bislang gehört, ist so bewunderungswürdig, daß ich es kaum wage, mich ihr als Nachbar vorzustellen."

Unsinn," brummte Reinhardt,sie bleibt bei all' ihren Vorzügen doch immer nur ein Frauenzimmer"

Das den Beweis geliefert, als Gutsbesitzerin einen Herrn und Meister ganz gut entbehren zu können," fiel Tante Hanna mit ungewöhnlicher Schärfe ein.

Der Maler blickte sie sinnend an.

- »Ja," sagte er nach einer Weile,sie ist eine Perle ihres Geschlechts, aber schade ist es doch."

Was ist schade?" fragte Hanna gereizt.

Daß sie sich nicht verheirathet hat, bevor Musje Stein­dorf zurückgekommen. Na, schießen Sie nur nicht so gereizt auf mich los, kleine Tante!" setzte er laut lachend hinzu. Was ist Ihnen denn so urplötzlich in die Krone gefahren, als ob Sie mich zum Nachtessen verspeisen wollten? Weiß wohl, daß man Ihr Schooßkind nicht schief ansehen darf, aber ich

, n<.,e8J.a so von Herzen gut mit ihr, und Sie wissen, wie dre Welt urtheilt, der schlaue Julius Steindorf voran, dem das schöne Edenheim und die artigen Baarkapitalien der ernst verschmähten Erbin gut zu statten kämen. Stecken Sie's ihr, Tantchen, wir sind ja unter uns, da ich für meinen Leon­hard bürge. Der edle Herr Julius glaubt, daß sie ihm die Treue bewahrt und um seinetwillen nicht geheirathet hat."

Drinnen wurde ein Geräusch hörbar, als ob ein Stuhl gerückt wurde.

Spukt es bei Ihnen oder ist's die Life?"

Life ist verreist, es wird meine Mignon sein, mein

Kätzchen nämlich," wandte Hanna, die in der Dämmerung sehr bleich aussah, sich an Marbach.

Hat er solches ausgesprochen?" fragte der junge Mann, und ist er hier in der Stadt?"

Er ist hier und hat dergleichen angedeutet," versetzte Reinhardt fest,schade, daß ich nicht dabei gewesen bin, um ihm die richtige Antwort darauf zu ertheilen. Er wird auch mit Ihnen wegen Rotenhof anbinden, mein Lieber! Soll be­reits mit einem Rechtsanwalt in Verbindung getreten sein."

Nun?" richtete der junge Mann sich erstaunt empor. Will er meinen Besitztitel vielleicht angreifen? Dann soll er mich gewappnet finden. Abtrotzen lass' ich mir nichts. Ich ersah allerdings aus den Papieren meines Onkels, daß er das Gut aus dem Concurse für einen Spottpreis erstanden und wunderte mich, daß Herr Holten es nicht an sich gebracht."

Das hatte seine besonderen Gründe," nahm Tante Hanna das Wort,Herr Julius Steindorf erhielt eine übermäßig hohe Summe ausbezahlt, weil sein Vater ihn nicht mehr sehen mochte, worauf die Mutter bald starb und Alles in Verwirrung gerieth- Der alte Steindorf wurde tiefsinnig, unredliche Ver­walter beuteten ihn aus und auf Herrn Holten wollte er nicht hören, weil er Fräulein Armgard die ganze Schuld beimaß. Er soll ihm sogar die Thür gezeigt haben. So war das Ende bald genug da, das abgewirthschaftete Gut kam unter den Hammer und Ihr Onkel erstand dasselbe für einen Spottpreis, weil ein Jeder sich gescheut haben soll, darauf zu bieten, als man sah, daß Herr Holten sich ganz fern hielt."

Und der alte, unglückliche Herr Steindorf?" fragte Mar­bach leise.

Man fand ihn am Tage der Auction tobt in seinem Bette am Schlagfluß gestorben, wie es hieß."

Es wurde jetzt ganz still in dem kleinen Kreise. Die Sonne war längst untergegangen, hoch oben im blauen Aether erglänzte die Mondsichel, Blumen und Blüthen dufteten berau­schend, und im nahen Gebüsch schlug eine Nachtigall. Mignon hatte sich auf den Schooß ihrer Herrin geflüchtet und schnurrte. Sie hob den zierlichen Kopf und schien etwas Jagdlufl zu empfinden, denn ihre Augen phosphorescirten bedenklich. Doch war sie zu wohl erzogen, um nicht augenblicklich ihre Gelüste nach der kleinen Sängerin zu unterdrücken und weiter zu träumen.

Plötzlich erhob sich der Maler, reichte der alten Freundin dre Hand und bat leise:Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie geärgert habe, ich kann mich nicht mehr ändern. Gute Nacht I"

Sie drückte ihm stumm die Hand, auch dem jungen Guts­besitzer, der sich entschuldigen wollte, doch ruhig mit einem herzlichenGute Nacht" entlassen wurde.

Als die Pforte sich hinter den Beiden geschlossen, schritt sie eiligst in's Haus.

Armgard!" rief sie leise und ängstlich, indem sie rasch eine Kerze anzündete.

Dort saß sie, am offenen Fenster, von der Gardine halb verhüllt.

Schließen Sie Fenster und Gardinen, Tante!" bat sie mit fester Stimme, die einen seltsam fremden, kalten Klang harte. Tante Hanna gehorchte zitternd, ihr war auf einmal so kalt geworden, daß sie zusammenfröstelte.

Armgard sah nach ihrer Uhr.

Es ist spät, schon nach neun Uhr, Conrad wartet mit dem Wagen auf mich, da ich in meinem Hause nicht über­nachten, sondern noch nach Edenheim hinaus wollte. Aber was thut's mag er warten, er ist ja unter Dach und Fach."

Die alte Cathrin, welche für Life die Arbeit übernom­men hat, wird soeben gekommen fein. Ich schicke sie in die Stadt, um Conrad Bescheid zu sagen."

Ich bitte darum, Tante Hanna, da ich noch ein Stünd­chen mit Ihnen plaudern möchte. Conrad mag sich um »ebn Uhr hier einstellen."

(Fortsetzung folgt.)