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den ihres Lieblings und reckte sich stolz empor, über ihre eigene jugendliche Haltung und ihre Größe scherzend.
Um Armgards Lippen irrte ein Lächeln.
„Sind Sie ganz allein, Tante?" fragte sie leise-
„Mutterseelenallein, Herzchen! — Meine alte Liese ist heim zu ihrem Bruder gereist, um dort die Pfingsttage zu verleben, und mein Kätzchen plaudert nicht."
Sie setzten sich in die von Wein und Kletterrosen umrankte Veranda, wo das schwarze Kätzchen, welches den poetischen Namen „Mignon" führte, sich sofort zu ihnen gesellte und behaglich schnurrend in die sinkende Sonne blinzelte.
„Ein herrlicher Abend!" bemerkte Hanna. „Welch' göttlicher Friede in der Natur!"
„Tante Hanna," sprach Armgard plötzlich mit Anstrengung, „Sie fragen mich gar nicht, weshalb ich meine Reise so früh schon unterbrochen habe."
„Nein, Kind, weil ich weiß, daß nur ein zwingender Grund Sie dazu veranlassen konnte und daß Sie schon selber sprechen werden, wenn Sie es für nöthig halten."
„Ich bin nur bis an den Rhein gekommen," fuhr Armgard leise fort, „wollte in Köln meine alte Freundin Adelheid von Roding, welche dort an einen Bankier verheirathet ist, besuchen, und verlebte acht glückliche Tage in ihrem Hause, als plötzlich ein Mann mir begegnete, den ich niemals wiederzusehen gehofft- — Bei einem Ausfluge in die Umgegend Kölns trat mir Julius Steindorf entgegen."
„Großer Gott!" rief Hanna, erschreckt zusammenfahrend. „Erkannte er Sie? — War er allein?"
„Ja, er erkannte mich auf der Stelle und besaß noch immer die alte studentische Unverfrorenheit früherer Jahre, indem er sich mir als Wittwer und Vater eines siebenjährigen Töchterchens vorstellte, den das Heimweh nach Deutschland zurückgeführt habe. Meine Freunde glaubten mir einen Gefallen zu erzeigen, als sie ihn einluden, sich unserer Gesellschaft anzuschließen."
„Er nahm die Einladung an?"
„Natürlich that er das und wich nicht von meiner Seite. Sein Töchterchen hatte er bei sich, ein bildschönes Kind, das Ebenbild der Mutter, welches bereits gut dressirt schien, da es sich wie eine Klette an mich hing. Als er von meinen Reise- plänen hörte, beredete er meine Freundin, mich zu begleiten und ihn zu unferm Reisemarschall zu ernennen. Da machte ich kurzen Prozeß, packte meine Koffer und reiste nach Hause- — That ich recht daran, Tante Hanna?"
Diese blickte sie prüfend an und horchte dann erschreckt auf einige Stimmen, welche sich dem Garten näherten.
„Das scheint Herr Reinhardt zu sein, liebes Kind!" wandte sie sich leise zu Armgard. „Ich weiß, daß Sie nicht mit ihm sympathisiren —"
„Mit dem rücksichtslosen Maler, — nein, Tante Hanna, — ihn möchte ich am wenigsten jetzt sehen. Erlauben Sie, daß ich mich schleunigst zurückziehe."
Sie ergriff bei diesen Worten ihren Sonnenschirm und verschwand durch die Glasthür, welche von der Veranda in's Haus führte.
Der Maler Reinhardt, ein Mann schon nahe den Sechzigern, war eine stadtbekannte Persönlichkeit, eine lange, etwas schlottrige Gestalt mit einem bedeutenden Kopfe, welchen ein Wald von grauen Haaren wild und verworren umwogte, ein berühmter Künstler, doch gefürchtet ob seiner grenzenlosen Rücksichtslosigkeit- Er gehörte Tante Hannas Whistclub an, ver» ehrte die alte Jungfer sehr hoch und freute sich über ihre schlagfertigen Antworten, wie er überhaupt derbe Zurechtweisungen liebte.
„Wenn ich's mir nicht gedacht," schrie er ihr lachend entgegen, indem er einen jungen Mann trotz seines Protestes durch die Pforte schob, „da sitzt die Allerweltstante in der göttlichen Ruhe ihres Tusculums und kneipt behaglich Natur. — Ist das nicht eine vollendete Sybarite, diese alte Jungser von fünf* undsiebenzig Jahren, die da einherschreitet mit ungebeugtem Rücken und klaren Augen wie eine zwanzigjährige Braut? Der Tausend ja, wer sich in solchen Düften und in solchem Sonnen
gold baden kann, soll wohl ine ewige Jugend bewahren! — Wa«, Freund ^eonhard? — Im Vertrauen gesagt," setzte er mst etwas gedämpfter Stimme und schlaublinzelnden Augen hinzu, „das Hauptrecept ihrer Jugendlichkeit besteht darin, daß meine kleine Freundin stets ihr Herz unter Verschluß gehalten und sich damit begnügt hat, für Andere den Brautkranz zu winden."
‘ Tante Hannas freundliches Gesicht hatte sich bei den unzarten Neckereien des Malers um keinen Schatten verändert. Sie war den Herren entgegengegangen und zuckte nur lächelnd die Schultern, den verlegenen Gruß des hübschen jungen Man- nes, der seiner Kleidung nach offenbar ein Lanvwirth war, artig erwidernd.
„Lieber Himmel," sprach sie, als Reinhardt endlich schwieg, „wann lernen Sie'S doch einmal, sich kurz auszudrücken, alter Freund, der gute Gedanke in Ihrer Rede wird von dem Phrasen-Unkraut stets unbarmherzig erstickt Stellen Sie mir lieber Ihren Begleiter vor."
„Pardon, mich riß die Begeisterung hin," rief der Maler vergnügt, „der kalte Strahl hat mir äußerst wohlgethan. — Also, mein junger Freund und entfernter Verwandter von unfern Urgroßmüttern väterlicherseits her, Herr Leonhard Marbach, Besitzer des Rittergutes Rotenhof —"
„Ah," unterbrach Tante Hanna ihn überrascht, „Sie haben Rotenhof gekauft, Herr Marbach?"
„Ich habe es von meinem verstorbenen Onkel Brink geerbt, der es nach dem Tode des früheren Besitzers kaufte," versetzte der junge Mann einfach.
„Es ist ein schöner Besitz," bemerkte Tante Hanna, welche etwas widerstrebend dem voranschreitenden Maler folgte, der geradewegs auf die Veranda lossteuerte und sich's hier ohne Weiteres bequem machte.
„Ein köstliches Stillleben," rief letzterer mit aufrichtiger Bewunderung, „ich möchte dasselbe malen, Tante Hanna, selbstverständlich mit Ihrer Person als Mittelpunkt."
„Aber auch selbstverständlich nur mit meiner Erlaubniß, nicht wahr?"
„Mit oder ohne, wäre mir gleich," erwiderte Reinhardt, „Sie haben es verdient, verewigt zu werden, notabene nur für Ihre Freunde, und darin liegt doch keine Entweihung, wie?'
Tante Hanna schwieg und griff nach ihrem Strickzeug, wobei ein verstohlener Blick besorgt die Glasthür und das offene Fenster streifte.
„Ja, Rotenhof ist ein schöner Besitz," nahm der junge Gutsbesitzer jetzt rasch das Wort, „ich bin meinem Onkel sehr dankbar -für dieses Erbe und doch habe ich keine rechte Freude daran, seitdem ich erfahren, daß der einzige Sohn jener Familie, deren Stammgut es seit mehreren Jahrhunderten gewesen, einst darauf verzichten und in die weite Welt wandern mußte."
„Na, darüber brauchen doch Sie sich kein graues Haar wachsen zu lassen, Leonhard?" rief der Maler spöttisch lachend, „jener letzte Sprößling der Steindors'schen Familie hatte sein Schicksal verdient. Kennen Sie seine Geschichte?"
„Nein, ich kenne dieselbe nicht —"
„Ach, lassen wir diese alten Geschichten ruhen, Herr Reinhardt!" bat Tante Anna erregt. „Es ist längst Gras darüber gewachsen-"
„Das möchte ich nicht behaupten, kleine Tante!" beharrte der Maler. „Denn wie ich vorhin als neueste Neuigkeit vernommen, ist Julins Steindorf als Wittwer mit einem kleinen Töchterchen ans Amerika heimgekehrt, wo er vier oder fünf Gräber von Frau und diversen Kindern zurückgelassen hat- Es soll ihm just nicht zum Besten ergangen sein, worüber ich mich gar nicht wundere, da beide Ehegatten in der Verschwendungssucht mustergiltig waren- Wissen Sie, Freund Marbach, daß dieser Julius Steindorf mit der einzigen Tochter des reichen Holten auf Ebenheim von Kindesbeinen an verlobt war? Den Kuckuck auch, die Geschichte wäre nicht ohne gewesen, wenn diese beiden Rittergüter, deren Grenzen sozusagen ineinander laufen, in einer Hand vereint worden- wären-"


