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ist heimgekehrt." , I
Der alte Herr starrte fie erschreckt an, er kannte I die Familiengeschichte dieses Hauses ganz genau und vermochte die Tragweite dieser kurzen Mittheilung I für die kranke Irmgard deshalb sehr wohl zu | ermrffen. , , , . I
„Herr Ulrich", stotterte er verwirrt, „ja so, ich 1 vergaß, er ist jetzt der einzige männliche Vertreler de» glorreichen Namens, das Familien-Oberhaupt, — hm, hm, gewiß ein sehr erfreuliches Ereigniß | für Sie, meine Gnädige!" _ H I
„Und hoffentlich auch für meine Schwester", ! sprach Ulrike ruhig, „mein Neffe ist als gereifter I Mann heimgekehrt, würdig seines Namens und des I ihm zustehenden Ranger." I
„Gewiß, gewiß, wer möchte daran zweifeln", rief der Baron, sie herzlich anblickend, „Herr Ulrich war j mir stet« sympathisch, weil er mir immer wahr und offen erschien. Ich habe ihn oft im Stillen be, dauert, wenn er die Bücher am liebsten fortgeworfen und sich auf das wildeste Roß geschwungen hätte. Ja, ja, ee ist schwer an ihm gesündigt worden, — l ich freue mich wirklich auf seinen Anblick — ach", unterbrach er sich überrascht, als Ulrich'» hohe Gestalt auf der Schwelle de» Cabinet« sichtbar wurde, „das ist er, der echte Jmmendorf, als ob er aus dem Rahmen eine» seiner gemalten Vorfahren träte. Gott zum Gruß, Freiherr Ulrich!"
Dieser streckte ihm beide Hände entgegen, welche der Baron gerührt ergriff.
„Alter, ehrlicher Lerchenheim!" sprach Ulrich, ihn bewegt anblickend, „treuer Toggenburg, wie wohl thut'r dem Herzen, da« draußen in der erbarmungslosen Fremde jeglichen Glauben an Menschenwerth verloren, drheim die alte Liebe und Treue wieder- zufiaden."
$ Wie vernichtet sank Ulrike in einen Sessel nieder und bedeckte da« todtenbleiche Gesicht mit beiden Händen, während der Major jetzt schweigend auf sie hinblickte, ohne eine Spur von Reue zu zeigen.
9 Der Baron sah hülf-suchend auf Ulrich, der sich achselzuckend den Bart strich und dann dem Maior Me „Brav^das heiß' ich wie ein Mann gesprochen", sprach er laut und ernst, „wenn ich die Treue de» guten Barons vorhin anerkannte, so durften Sie diekes Leb nicht auf sich beziehen, Herr Maior, da ich eine solche Ausdauer, welche zwei Menschen um das schönste Glück der Jugend betrügt. als uuwür, dige Schwäche verdamme, aber nicht mit dem hertt- gen Wort .Treue" maskire. Gott sei Dank, Tante Ulrike, daß auch dir Sonne ihre Fleckm, die erhabenste Tugend ihre Fehler besitzt, wie vermögen wir sündige Menschenkinder denn sonst vor der Welt und dereinst vor Gott zu bestehen."
„Spotte nicht mit heiligen Dingen, Ulrichs, sprach Ulrike, die ihre Selbstbeherrschung wkder erlangt, | sich jetzt rasch erhebend, „und merke Dir , daß ich niemals mit Tugenden mich gebrüstet habe, welche I ich nicht besitze, — daß es aber eine sittliche Schranke giebt, welche ich Pflichtgefühl nenne, eine Schranke, I welche Du nie sonderlich respectirt hast. 34 b-daure, daß unsere Unterredung auf ein derartiges Feld sich i verirrt, auf eine terra incognita, die Sie, «err | Major, vor Allen hätten meiden sollen." I „O, zürnen Sie ihm nicht, Fräulein Uaike! | bat der Baron, auf den diese kleine Scene einen peinlichen Eindruck gemacht zu hoben schien. „Der I Major hätte seine heiligsten Empfindungen sicherlich | niemals vor fremden Ohrenprofanirt 'hierabsr wähnte er sich gleichsam im Schooß der Familie, da | ich in der Thal die Kühnheit habe, mich al» Mit- [ giied derselben zu betrachten." (Forts, solgt.)
Ei«- schwachen Kräfte sehr glücklich", versetzte i Ä Baron, sichtlich erfreut, „verfügen Sie über | E'M Mi^,"ttrber yarcn, daß ich Ihnen voll- | ftänblfl vertrauen kann", begann Ulrike mit gedämpfter I Stimme „da Sie der einzige Freund sind, welcher m ne? armen Schwester treu geblieben. Eben des- Lb darf ich in Ihre Hand eine Mission legen, welche für Irmgard'« zarte Constitution verhängniß- I erschrecken mich", stotterte der Baron, sie ängstüch ^blickend^^ ^^^ckliches", beruhigte ihn Ulrike, „vielmehr ein freudige« Ereigniß, das aber auf meine Schwester zu aufregend werken kann, wenn nicht eine sanfte Stimme sie nach und nach darauf binsührt. Ich fühle mich ohnmächtig zu dieser Aufgabe, welche nur Sie, lieber Baron, zu lösen im ^^Sagen Sie mir Alles, Freisräulein Ulrike!" sprach der Baron mit feierlichem Emste, „was es auch sei, ich werde mich der Aufgabe unterziehen."
„Ich wußte es, Sie sind ein edler Mensch. Mn denn, so hören Sie, Baron, unser Nche Ulrich
,.O, reden Sie nicht so, mein lieber, jmger Freund", versetzte der Baron verlegen, „wie könnte die Menschheit wohl ohne Liebe und Treue bestehen ? Ich bin ein Dutzendmensch, der wenig Verdienste hat und nur ein ganz passives Dasein vegetrrt. Da» Freifräulein Ulrike macht eine Ausnahme in der Menschheit. ja, ja, dem stimme ich von ganzem Herzen bei." v „Ich ebenfalls", rief Major Tsllk rmp, in s Zim- mer tretend, „guten Morgen, Herr Baron!"
„Guten Morgen, Herr Major!" Mette der gute Lsrchenheim, welcher durch fernen plötznchen Anbuck auf'» Neue aus der Fassung gerathen, verwirrt, „Sre kommen ja gerade wie auf ein Stichwort."
I , Nun freilich, das war's ja auch für mich , lächelte Tellkamp, auf Ulrike blickend, die jetzt eben- falls eia wenig aus der Fassung gerieth, ,4ah, lieber
| Baron, Sie und ich sind beide zur Rolls des Toggenburg verurtheilt, — schauen Sie nicht so streng darein, Ulrike! - ich schäme mich der Komödie unter Freunden. Der Baron darf seine Treue ohne Maste zeigen, während ich den Altar meines Herzens wie
| xiven Schimpf mit dem Etz der Gleichgültigkeit um-


