854

Sie nahm ihren Platz am Tische ein und be­mühte sich sehr, ihren Vormund aufzuheitern, dessen Verstimmung mit jeder Minute zunahm.

Der hochstnnige, edelherzige Baronet hätte jeden Kummer leichter ertragen, als die Entdeckung von ter bodenlosen Schlechtigkeit des Mannes, den er für seinen Sohn hielt.

Nach dem Speisen reichte Sir Arthur Blanche seinen Arm und führte ste in den Salon.

Der Abend rerging wie gewöhnlich, nur daß Sir Arthur in ein Blatt derTimes" vertieft schien, au« der er kaum aufschaut?. Blanche spielte Klavier und sang dann mit Lowder Duette.

Als ste genug mustcirt hatten, führte Lowder das Mädchen zu einem Fauteuil unter dem großen Arm­leuchter, setzte sich auf einen Schemel zu ihren Füßen und las ihr mit weicher Stimme und zärtlichem, bewunderndem Blicke die Liebesgedichte von Tennyson vor; und das Mädchen lauschte und lächelte, wäh- rend ihr Herz von Unwillen und Abscheu erfüllt war.

Wie weit entfernt von dem Heldcnideale, das sie sich geschaffen hatte, war dieser Lügner und Fälscher, dieser Verräther an seinem Vater, dieser mitternächt­liche Räuber. Es ging eine Umwälzung in ihrer Seele vor, die Niemand, nicht einmal sie selbst, ahnte.

Um 9 Uhr -wurde, wie gewöhnlich, der Ther ser- virt, um 10 Uhr zog sich Blanche zurück.

Str Arthur und Lowder waren nun allein. Offenbar hatte Letzterer keine Lust, mit dem ver­stimmten, düster blickenden Baronet allein zu bleiben und er stand gähnend auf.

Ich glaube, ich bin schläfrig, bemerkte er,und ich will zu Bette gehen. Gute Nacht, VaterI"

Er ging hinaus und stieg die zu seinen Zimmern führende Treppe hinauf. Sir Arthur, wchcher in die Halle hinausgetreten war, hörte ihn daselbst ein­treten und seine Thüre doppelt schließen.

Das ist nur eine List", dachte er.Ich glaube, er wird mit dem Fremden im Parks zusammen­kommen. Ich will List mit List erwidern."

Er löschte Feuer und Licht in dem Salon aus und verschloß die Thüren. Dann ging er auf sein Zimmer hinauf; eine Minute später stieg er wieder die Treppe hinab. Sein Oberrock und seine Pelz- jacke hingen auf dem Kleiderhaken.

Er hüllte sich dicht und warm ein und ging dann durch eine Seitenthür in dm Garten hinaus.

Die Nacht war kalt und düster. Nur wenige Sterne schienen trübe und ein rauher Wind fegte durch die Bäume.

Aber Sir Arthur achtete in seinem Herzenr- kummer nicht auf diese Unbill des Wetters. Sich im dichtesten Schatten der Bäume haltend, schritt er auf den Park zu.

Hier erwartete er Gry an einer Stelle, von wo er den östlichen Flügel des Schlaffes übersehen konnte, mit Empfindungen, die nur ein Vater in seiner Lage sich vorstellen kann.

D>e Minuten vergingen. Die Uhr in dem alten Thurm von TreMtan-Hof schlug halb Elf. Noch

§ war der letzte Schlag nicht ganz verhallt, als dieselbe Seitenthüre, durch welche Sir Arthur das Schloß verlaflen hatte, sich langsam öffnete und eine ver­mummte Gestalt aus dem Hause heraus kam.

Sir Arthur, welcher sich prüfend vorwärts beugte, erkannte in dieser Gestalt seinen vermeint­lichen Sohn.

Meine Vermuthung bestätigt sich!" murmelte er. O-Guy, mein Sohn!"

Die Bewachung nicht ahnend, überschritt Lowder rasch dir Wiese und trat in den Park ein.

Als er näher kam, trat aus dem Dickicht eine Gestalt auf ihn zu; diese Gestalt war Palestro.

Ihr seid sehr pünktlich, Mylord Treffolino", hörte Sir Arthur den Italiener in höhnischem Tone sagen.Ihr habt es nicht gewagt, Palestro zu trotzen?"

Fort von hier", befahl Lowder in leisem Tone. Wollt Ihr vom Schlöffe aus gesehen werden? Wollt Ihr Alles verderben? Ja, ich bin hier, Pa­lestro. Und ich habe die zweitausend Pfund, die Ihr fordert, in Bereitschaft für Euch."

Während er sprach, nahm der Eindringling den Arm des Italieners und die beiden Männer schlichen durch die Nacht geradewegs zu dem Baume hin, hinter welchem der Baronet sich verborgen hatte.

Achtunddreißigstes Kapitel.

Immer noch auf der Flucht.

Als Olla und Treffilian mit ihren beiden Beglei' fern in London angekommen und im Viktoria-Hotel abgestiegen waren, trat ein schlimmer Umstand zu Tage. Guy Tressilian, dessen Verstandrkräfte in der letzten Zeit fast normal genannt werden konnten, klagte über unerträgliche Schmerzen im Kopfe und entsetzliche Müdigkeit in ollen Gliedern. Sein Aus­sehen bot das Bild eines Menschen, der in eine lang andauernde, schwere Krankheit zu verfallen scheint.

Olla war in Verzweiflung. Zu alledem hatte Jim die ihr befreundete Familie Pugh, auf der en Schutz sie sicher gerechnet, nicht aufzvfiuden vermocht, da sie verreist war und nun starrten ihre Augen rastlos auf den jungen Mann, der stöhnend auf dem Ruhebett lag.

Mein Gott, mein Gott!" jammerte Olla.Nun befinde ich mich hier in dieser Riesenstadt in einem Hotel, unter fremden Menschen und keine Stunde bin ich sicher, nicht von meinem Vormund eingeholt zu werden. ... Es wäre furchtbar! Der arme Jasper, was würde sein Schicksal sein? Ohne Zwiifel würde man den unglücklichen Menschen in das nächste Spital stecken, wenn es Herrn Gower gelänge, mich wieder in seine Gefangenschaft zu dringen. Und was fange ich anderseits mit dem armen Kranken hier im Hotel an?"

In dem Lärm dieser großen Stadt könnt Ihr mit dem Krarken nicht verweilen!" sagte Frau Po- pl-y.Gehen wir nach Bleak Top in Northumber- land! Er ist ein kleines Gütchen, dos Euch gehört,