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seiner auf Einladung des Königs Oskar II. erfolgten Reife nach Schweden und Norwegen, wobei er die dänische Königrfamilie in Fredensborg besuchte, 1875 bei dem König Victor Emanuel in Neapel, 1878 bei dem Leichenbegängniß Victor Emanuel» in Rom, vom Juni bi» December als Leiter der Regierung;» geschäfte (nach dem Nobiling'schen Attentat), als welcher er am 10. Juni mit dem Papste Leo XIII. correspondirte, 1881 in Petersburg bei dem Leichen» begängniß des Kaisers Alexander II. von Rußland.
Das Ende der Jahres 1883 brachte dem dama» ligen Kronprinzen die Mission, in Stellvertretung des Kaisers dem König Alfons von Spanien, der in f jenen Jahren an den Manövern in Homburg theil» i genommen, einen Gegebefuch zu machen. An den \ Besuch in Spanien knüpfte sich noch ein kurzer Besuch - bei König Humbert von Italien, dem der Kronprinz s persönlich seinen Dank für die gastfreie Aufnahme in Genua aussprechen wollte, und gelegentlich dieses Aufenthaltes in Rom ward auch Papst Leo XIII. von dem hohen Herrn aufgesucht. Dar Jahr 1884 brachte die Erneuerung des preußischen Staatrrathes. Durch königlichen Erlaß vom 11. Juni 1884 ward der Kronprinz zum Vorsitzenden deflelben ernannt und hielt am 25. October bei Eröffnung der Sitzungen eine dir allgemeinen und nächsten Zwecke der Be» rufung der Körperschaft hervorhebende Rede.
Ja den letzten Leben; jähren Kaiser Wilhelms vermehrte sich die Zahl der Vertretungen der deut» l schen Kaisers. So vertrat er Nllerhöchstdenselben \ bet dem Leichenbegängniß des Königs Ludwig II. von I Baycrn, 19. Juni 1886, bei der Feier des Heidel, berger Universitäts-Jubiläums, 3. August desselben Jahres, bet mehreren Empfängen und Festlichkeiten, welche sich an die Straßburger Manöver anschlossen, ! und bei dem Besuch in Metz, 20. September. Von i Metz reiste er nach Ober-Italien, wo ein Theil seiner Familie stch aushielt, und machte dem italienischen König; paar in Monza einen Besuch.
Als er bei dem Jubiläums. Festzugs der Königin Victoria im vorigen Jahre durch die Spaliere der zu dem Fest herbeigeströmten Zuschauer in seiner Kürassier-Uniform mit dem blitzenden Brufipanzer, den Marschallstab in der Rechten, schon ein Leidender, aber noch strahlend in männlicher Schönheit, dahin- ritt, da beugte sich huldigend ein ganzes Volk vor der ritterlichen Erscheinung und ein Jutelruf ohne Gleichen gab ihm auf dem ganzen Wege das Geleit.
Eine Zeit banger Sorge ist seitdem vergangen in der Hoffnnng, es werde gelingen, mit der tückischen Gewalt der Krankheit Herr zu werden. Nun ist die stolze Eiche gefallen, nun ruht er, dem bi» zu dem letzten Jahre das Leben schön und sonnig verlaufen, in der stillen Gruft aus von Siegen und Ehren, von Glanz und Ruhm, von Hoffnungen und Entwürfen; — aber das Andenken an ihn strahlt in der Geschichte seine» Hauses und des preußischen und deutschen Volke», deffen Liebe und Verehrung ihm folgen über das Grab hinaus.'
Vermischtes.
Zu den hervorragenden Eigenschaften des verstorbenen Kaisers Friedrich, die ihm früh besondere Beliebtheit beim Volke und besonders auch beim gemeinen Manne in der Armee erwarben, ■ gehörte seine Leutseligkeit, die gern in glücklichster Weise jovial humoristischen Ausdruck suchte und fand. Viele Anekdoten, die dies erweisen, leben im Munde des Volkes und wir werden noch Gelegenheit haben, ' die eine und die andere dem Leser jetzt in's Gedächtniß zu rufen. In besonders liebenswürdiger Weise spiegelt diesen menschlich-schönen Zug seines Wesens die folgende kleine Geschichte, die wir gerade heute in der „Tgl. R." erzählt finden. In jüngeren Mannesjahren liebte es der damalige Kronprinz ganz plötzlich in der Schule seines Gutes Bornstedt zu erscheinen, in welcher die Kinder des Dorfes ohne Unterschied des Geschlechtes in die Kunst des Lesens und Schreibens eingeführt wurden. Eines Tages nun kam er wiederum ganz unerwartet und traf den Lehrer in großer Bestürzung und Verlegenheit, die derselbe vergebens vor dem Kronprinzen zu verbergen suchte. Der Aermste hatte wenige Minuten vorher die Nachricht erhalten, seine alte Mutter, eine Predigerwittwe in Schlesien, liege am Sterben, er möge eilends nach Hause kommen, doch konnte er die Schulstunden ohne Erlaubniß seiner Vorgesetzten natürlich nicht aussetzen. Als aber der Kronprinz darauf bestand, zu erfahren, welcher Kummer den Lehrer drückte und dieser tief? bewegt den voraussichtlichen großen Schmerz mittheilte, sagte der Fürst in freundlichem, theilnahmvollem Tone: „Fahren Sie sofort nach Hause, ich übernehme die Verantwortung und — die Schulstunden, eilen Sie und gebe Gott, daß Sie Ihre Mutter uoch lebend antreffen, ich weiß, was einem Sohne die Mutter ist." Und kaum hatte der Lehrer das Schulzimmer verlassen, als Kronprinz Friedrich den Säbel ab- schnallte und an Stelle des Lehrers den begonnenen Leseunterricht fortsetzte. Nach der Lesestuude hieß es: „Jetzt wollen wir Geographie treiben, holt mal den Globus her!" Die Kinder, an das leutselige Wesen ihrer Gutsherrschaft gewöhnt, waren keineswegs verschüchtert durch den neuen Lehrer und im Chor erhielt derselbe die Antwort: „Einen Globus haben wir nicht, der Lehrer nimmt immer den großen Gummiball da. Und richtig der „neue Herr Lehrer" nahm denn auch den großen Ball und führte so die kleine Schar in die schwierigen Geheimnisse der Erdkunde ein. Als aber der beurlaubte Lehrer nach wenigen Tagen zurückkehrte, strahlte ihm beim Eintritt in die Klasse ein — funkelnagelneuer Globus entgegen , ein Geschenk dessen, der ihn ersetzt hatte, während er zum Sterbebette seiner Mutter eilte. — Seitdem brauchen die Bornstedter nicht mehr an einem Gummiball Geographie zu lernen.
Siebaction: A. Schcyda. — Druck und Vertag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Sirßcn.


