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stch meins Ueberraschung denken, als ich, kaum auf Fichtenberg angklangt, sogleich diese Namen hörte und von meinem Fenster aus die Thürme der stolzen Schlangenburg erblickte- Wohin stch der Reichthum des ersten Stolzenberg verflüchtet, warum der Grundbesitz nicht seinen Nachkommen verblieben, das habe ich nicht erfahren und wußte auch mein Onkel nicht, auf den, gleichwie auf meinen Vater von dem ursprünglichen Vermögen nichts mehr gekommen ist, denn mein Papa war nichts weniger als reich, und was der Onkel mir, seinem Erben, hinterließ, war nur geringfügig und nicht der Rede wsrth. So wandern alle irdischen Güter von einer Hand in die andere, kein scheinbar noch so fest begründeter Familienbesitz ist von dieser gezwungenen Wanderung ausgeschlossen und nur selten kehrt er auf den zu- rück, der ihn ehemals besessen, oder auf dessen Ur« enkel gleichen Namens."
Herr von Stolzenberg, der den letzten Theil seiner Rede mit seinem so tiefen und wohltönenden Organ in einem elegischen Tone gesprochen hatte, warf am Schluß einen kurzen, raschen Blick auf Frieda, die kaum noch die Augen erhoben hatte und beständig auf eine feine Stickerei niedersah, an der sie unausgesetzt arbeitete.
„Und nun", fuhr Felix mit erhöhter Stimme fort, „höre ich plötzlich, daß hier auf der Schlangenburg das Portrait meines seligen Ahnherrn existirt, von dem ich selbst weder ein Bild noch irgend etwas Anderes besitze, keine Handschrift, keinen Brief — wir missen so gut wie nichts von ihm, denn eine Familienchronik war nicht vorhanden und von all der Herrlichkeit kam auf seine Enkel nichts Weiteres, als ein paar magere, kümmerliche, unbewiesene Traditionen und ein altes, nutzloses Buch, das auch dem letzten Besitzer längst wieder verloren gegangen ist. Sic transit gloria mundi! Sie werden meine Neugierde und den Wunsch begreifen, dieses Bild, das das Original jedenfalls selbst hat anfertigen lassen und das ganz gewiß auch Achnlichkeit besitzt, mir einmal betrachten zu dürfen, um mich, den letzten Sproß, in seinen Zügen vielleicht wiederzufinden. Gottlob kann ich vor dasselbe hintreten nicht mehr als ein armseliger Paria unter den Eupatriden des Landes, sondern als der nächstber chtigte Erbe eines Millionärs, dem es hoffentlich gelingen wird, den von dem Rost der Ungunst und der Zeiten Mißgeschick angelaufenen Namen hellglänzend miede herzustellen I"
Al> xandra und Frieda saßen dicht nebeneinander in der Mitte der halbmondförmigen Bank, Wolter hatte sich auf das anders Ende derselben niedergelassen, so daß er stch Herrn von Stolzenberg dircct vis-a-vis befand. Wohl wandte Letzterer, während er sprach, sich meistens an die Damen, aber bisweilen sah er auch dabei den Geheimrath an und dann schien es d'.esem jedesmal, als wmn in dem Bl'ck etwas Forschendes, Suchendes läge.
Für Wolter galt es jetzt, die erste Probe gut zu besithm; war er auch nicht frei von innerer Unruhe,
so wurde es ihm doch nicht schwer, äußerlich ruhig zu erscheinen und Felix'- Blicke zu ertragen, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken.
Er erhob sich jetzt und sagte:
„Ich kann Ihre Neugierde vollkommen begreifen, Herr von Stolzenberg, und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, baß Sie den Wunsch, Ihren Ahnherrn kennen zu lernen, so bald wie mög. lich erfüllt sehen möchten. Sehen Sie dort jene kirchenartigen Fenster, sie gehören zum Rittersaal. Derselbe beschließt eine lange Reihe großer Gesell« schaftsräume, die nur bei außergewöhnlichen Festlich, leiten benutzt werden. Unsere Wohnzimmer und die Räume für kleine Gesellschaften liegen dort im ersten Stock jenes villenartigen Anbaues, von dessen Balkon wir das ganze Schlangenthal übersehen können. Wenn es Ihnen also gefällig ist, bitte ich mir zu folgen."
„Ich bin sogleich bereit", erwiderte Felix, sich erhebend.
„Ich denke mir", sagte Al> xandra, „es wird Sie interessiren, noch ein wenig mehr von der Schlangenburg zu sehen, hierzu bedarf es aber eines Führers, der auch zugleich die nöthigen Erklärungen abgiebt. Der alte Gedelmann, feit Generationen der Kastellan des Schlosses und mit diesem gleichsam verwachsen, betrachtet es als fein absolutes Vorrecht, jedem Fremden die Burg zu zeigen, was ihm auch nicht bestritten wird; es kommen im Sommer sehr Viels hierher, Leute aus der Stadt, Touristen und so weiter, aber er verlangt es auch unseren Gästen gegenüber und ist jedes Mal empört, wenn wir bei denen die Führerschaft selbst übernehmen, weil wir die seine ihnen nicht zumuthen mögen. Nicht allein, daß er uns unsere Gäste stundenlang entzieht, sondern es ist auch nicht Jeder aufgelegt, feine unsinnigen Geschichten so lange mit anzuhören. Der alte Mann hat noch seine Eitelkeit und mag mit seinen Erzählungen gern Verwunderung erregen. Ich bin so frei, Sie auf Ihrer Wanderung durch das Schloß u begleiten."
„Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar fein, Frau Geheimrach", sagte Felix, und nun sich an Frieda wendend, fuhr er fort: „Werden auch Sie sich uns anfchließen, gnädiges Fräulein?"
Das junge Mädchen hob für einen Moment die Augen und sagte in ungezwungenem Tone:
„Ich bedauere sehr, aber die Eltern werden es nicht gestatten. Ich hatte heute Morgen das kleine Malheur, mir den Fuß zu verstauchen, und da ich hinterher einen geringen Schmerz verspürte, bin ich für den ganzen Tag zu absoluter Ruhe verurthetlt. Nur mit Mühe erlangte ich die Erlaubniß, in den Garten zu gehen."
„Man muß eine Verrenkung vorsichtig behandeln", versetzte Al xandra.
„Ich spreche Ihnen mein herzliches Mitgefühl aus", sagte Fellr, „zumal wegen der aufgedrungenen Ruhe."
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