das kann ja im Laufe des Tages noch immer geschehen, da der übereifrige Detectiv noch nicht bei mir gewesen ist. Vielleicht hat Ihnen mein Neffe von unferm Recontre an der Gartenpforte erzählt?" „Ja, ich bedaure es tief, die Ursache einer solchen Beschimpfung gewesen zu sein", erwiderte Ulrich niedergeschlagen. (Fortsetzung folgt.)
Mütterliche Sünden.
Von Dr. John Sehlke.
Ein vielbesungenes Lied beginnt: „Kaum daß der i Mensch das Licht der Welt erblickt" —, so will auch | ich meine Betrachtungen anfangen, muß aber folgen- dermaßen leider fortfahren: — so beginnt auch schon s eine große Neihe fortgesetzter Attentate auf sein Leben 5 und seine Gesundheit, Attentate, welche von den allernächsten Angehörigen des Neugeborenen mit einer . so entsetzlichen Consequenz fortgesetzt werden, bis das : schließliche, gewiß unerwünschte Resultat erschreckend < häufig der Tod oder dauerndes Siechthum des Kindes j ist. Daß es krasses Unwissen gemischt mit kindischem ; Aberglauben ist, welche dies Ergebniß zeitigen, so ist : es immer wieder unsere Pfiicht, belehrend und warnend einzuschreiten.
Schlimmer als die Unkenntniß junger Mütter, \ unendlich schädlicher als diese, sind die Kenntnisse (?!) und Erfahrungen der berüchtigten klugen alten Frauen ! „Getretener Quarg wird breit, nicht stark!" sagt Goethe; und sein Freund Schiller sagt auch: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens"!! — Die belehrungsdürftigen, unerfahrenen jungen Mütter sind ein dankbares Object für vernünftige Unterweisungen; die blödsinnigen Anschauungen und Fabeln, die in den alten Köpfen festsitzen, sind leider Gottes unausrettbar.
Mit dem ersten Bade wird oft schon das Kind zwar nicht ausgeschüttet, aber doch dauernd beschädigt. Wie oft haben nicht die größten Frauen- und Kinder- Aerzte darauf hingewiesen, daß die Wärme des Bades genau nach dem Thermometer abgemessen werden muß; umsonst! nach wie vor wird die Wärme „nach dem Gefühle" bestimmt! Aber welch entwickeltes „Gefühl" haben nicht diese Veteranen vom Kochtopf und Kochherd, von Waschfaß und Plätteisen, die mit bloßen Händen die heißen Töpfe, die fast glühenden eisernen Ringe ungestraft anfassen dürfen! Ihre Haut, und oft manches mehr, ist vollständig „abgebrüht", ihnen erscheinen vierzehn Grad (Reaumur) recht angenehm, während für das Bad dreißig Grad selten ohne schwere Schädigung überschritten werden dürfen. Für wenige Silbergroschen, für 30 — 50 Pfennige, ist ein für diese Zwecke vollkommen genügendes Thermometer überall käuflich; aber Faulheit und Indolenz rathen hier zu übelangebrachter Sparsamkeit. Sie sparen das Geld! aber nur für den Arzt, den Apotheker oder für den Gärtner — — für Todtenkränze.
Ist das Bad glücklich überstanden, dann muß
das Kind unfehlbar, „gewickelt" werden! Diese Manipulation ist eine liebenswürdige Spielart des späteren festen Schnürens durch das Corset: nur wird hier der noch gänzlich widerstandsunfähige kindliche Körper mit feinen weichen Knorpeln und Knochen, seinen empfindlichen Weichtheilen und Organen, nach Art der sonst recht wohlschmeckenden Preßwürste zusammengeschnürt, damit auch ja die wichtigsten Lebensfunctionen, Athmung, Blutumlauf, Verdauung und Ausscheidung unter den denkbar schwersten Umständen vor sich gehen müssen. Es giebt ja eine große Menge harmlosen Aberglaubens. Wenn Wöchnerinnen niemals dazu zu bringen sind, an einem Freitage, dem bekannten Unglückstage, zum ersten Male das Bett zu verlassen, so mögen sie in Gottes Namen am Sonnabendaufstehen; wenn die Verwaltung derMartinffchen Frauenklinik in Berlin gezwungen ist, die Zimmer- Nummer „13" ausfallen zu lassen, weil keine Frau in „Nr. 13" liegen will, so kann man auch auf Nr. 12 und Nr. 14 ganz gut behandelt und geheilt werden. Das „Wickeln" aber ist kein harmloser Aberglaube, ist nicht eine gewöhnliche Dummheit, es ist ein Verbrechen an dem wehrlosen Kinde! Unsere Gesetzgebung hat die Impfung zwangsweise eingeführt, obwohl hervorragende Aerzte, große Hygieiniker, behauptet und nach ihrer Meinung, ziffernmäßig bewiesen haben, daß sie nichts nützt, ja daß sie eine furchtbare Schädigung fei. Warum follte da der Staat nicht das Recht haben, seine künftigen Bürger vor einem Mißbrauch zu schützen, dessen Schädlichkeit, dessen Widersinnigkeit kein vernünftiger Mensch auf der ganzen weiten Gotteswelt bestreitet? Aber da kommt die Großmutter der jungen Frau und meinte: „Ich bin gewickelt worden, Deine Mutter ist gewickelt worden, Du bist gewickelt worden; warum soll denn da Dein Kind nicht gewickelt werden?" Ja drartige Beweise können doch wohl nur aus einem Kopfe kommen, in welchem sicherlich auch nicht das kleinste Körnchen Logik jemals gelegen hat! Die Frau Urgroßmutter war höchstwahrscheinlich ein braves Dorsi Eint); sie ist gewickelt worden, aber das spätere kräftigende Landleben, die Abwesenheit aller Schädlichkeiten der Großstadt haben bewirkt, daß sie keinen großen Schaden an ihrer Gesundheit zurückbehalten hat. Die jetzige Großmutter ist schon weniger glimpflich davongekommen, und die junge Mutter, das Stadtkind, war als Mädchen bleichsüchtig, leidet an Verdauungsschwäche, hatte eine schwere Geburt; und da soll sie ihr Kind wieder schnüren lassen, um es ja und ja für alle Gesundheits-Schäden, welche die weiterschreitende Cultur nun einmal unbestreitbar mit sich bringt, recht empfänglich zu machen?!
Wir werden jetzt von Bekleidung und Haltung des Säuglings zu reden haben, wollen aber vorher mit wenigen Worten die Ernährung betrachten. Mit wenigen Worten! — Denn daß der Säugling nur die Mutterbrust bekommen darf, bedarf doch keiner weiteren Auseinandersetzung.
(Schluß folgt.)
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


