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Umbrüchen, genommen. Da schrie plötzlich die Kleine nach Lust und machte eine Bewegung, als ob sie zu- sammensinken wolle. Die Gouvernante fing das schein- bar ohnmächtig werdende Kind in ihren Armen auf und suchte dasselbe nach dem Ausweg zu befördern, wozu ihre Kräfte jedoch augenscheinlich nicht aus- reichten. Der Beamte sprang hinzu, die Gouvernante zu unterstützen und Beide trugen die Kleine aus der Zells, durch den Flur bis zu Sänfte, um sie in derselben unterzubringsn.
Dies war der von der Gräfin herbeigeführte Moment, ihren Plan auszuführen. Statt sich, wie ihr Gemahl, um das Kind zu kümmern, flüsterte sie jenem zu:
„Sorge nicht um sie — ihr fehlt nichts. Du mußt fliehen, Freunde erwarten dich draußen — es ist Alles vorbereitet; hier nimm
Es folgte noch ein kurzes Wechselgespräch zwischen den beiden Ehegatten, während die Fra» den Mann mit dem Pelz« und der Pelzkappe bekleidete. Als der Beamte und die Gouvernante von draußen zurück- kehrten, schwankte ihnen die Gestalt der Gräfin, das Gesicht mit dem Taschentuchs bedeckt und convulsivisch schluchzend, in einer Weise entgegen, welche sofort ihre Unterstützng von Seiten der beiden anderen Personen beanspruchte. Die vermeintliche Gräfin stützte stch besonders schwer auf den Beamten, so daß dieser gezwungen war, sie bis zur Sänfte zu begleiten und ihr beim Besteigen derselben behülflich zu sein. Der Beamte selbst trieb dann die Träger zur Eile an und blieb auf der Schwelle des Hauses stehen, bis die Gesellschaft den Gefänguißhof geräumt hatte. Erst hiernach begab er sich in die Zelle zurück, um sofort zu erkennen, — daß er dupirt worden.
Der ebenso unwillige wie erschrockene Beamte faßte sich jedoch kurz, schloß die Gräfin ein und eilte, Lärm machend, der Sänfte nach. Dieselbe ward auch eingeholt, doch befanden sich nur die Gouvernante und das Kind darin. Der Graf Lavalette hatte dis Sänfte bereits verlaffen. Der kühne Plan seiner Gemahlin war glücklich ausgeführt worden.
Das Aufsehen und die Erregung, welche dis Flucht des Grafen Lrvalette aus dem Gefängniß kurz vor seiner Hinrichtung in Paris hervorriefrn, waren sehr bedeutend. Die Pariser waren um ein piquantes Schauspiel, die Anhänger der Bourbon» um ihre Rache gekommen. Es war daher kein Wunder, daß die ganze Stadt nach dem Flüchtling abgesucht wurde. Trotzdem weilte derselbe noch 14 Tage in Paris, ehs es möglich ward, ihn fortzuschaffen. In der Uniform eines englischen Generals gelang er ihm endlich, über die belgische Grenze zu kommen. Lava- lette ward im Jahrs 1821 begnadigt und kehrte nach Frankreich zurück.
Leider müffen wir dem Berichts über das glückliche Gelingen der Flucht des Grafen Lavalette aus dem Gefängniß einen traurigen Schluß hinzufügen. Höchst unanständiger Weise behielt man die heldsn- müthige Retterin des Flüchtlings Wochen lang im Gefängniß. Wie ihrs Behandlung in demselben ge
wesen, läßt stch nach dem, was vorauf gegangen war, leicht denken. Diese Behandlung, in Verbindung mit langem Gram, großer momentaner Aufregung und erklärlicher Angst um da» wettere glückliche Fortkommen des Gemahls raubten der armen Dame das Licht des Verstandes. Als dieselbe da» Gefängniß verließ, geschah es nur, um einer Irrenanstalt über- l geben zu werden. Gewiß ein harter Schlag für den von ihr vor einem schmählichen Tode bewahrten Gemahl.
Jedenfalls gehört dis Gräfin Lavaleite zu den Frauen, die es verdienen, daß ihr Andenken der Nachwelt erhalten bleibt.
W e r m i f ch t e s.
Die Zeit der Frühlings-Palmen ist gekommen. Bekanntlich heißt der Sonntag vor Ostern: Palmarum, der Palmsonntag wird und in gar mannigfacher Weise das Palmensest nach gutem alten Brauch begangen. Die Kirche weiht an diesem Tage — dm letzten Sonntag der Fastenzeit — Palmenzweige und hält Processtonen ab, zum Gedenken jene« Einzugs Christi zu Jerusalem, als das Volk ihm jubelnd Palmen auf bett Weg gestreut. Da die Palmen das Symbol des Sieges und des Frieden», nur ein Kind des Südens ist, so^muß die Vegetaticn der nördlicheren Gegendm die stellvertretende Vermittlung übernehmen in Form von Zweigen der Weide, der Haselnußsträuche, Silberpappeln, von Buxbaum rc, welche daher Palmen genannt werden. — Nun die finnige hohe Original-Palme selbst, stammt aber auch wie der christliche Brauch aus jener Region, wo heißer f die Sonnengluth, blauer der Himmel leuchtet, eine ! andere Menschen-Race lebt, liebt und leidet, — au« dem Orient, und zwar aus alter, grauer Heidenzeit, I aus Alt-Indien, und die sog. Palmesel-Procession, j die dabei üblich war, soll ihren Ursprung haben in jenem Eselsritt, der einst in Persien stattfand, um den Anfang des Frühlings zu feiern, indem man in feierlichem Zuge Palmenzweige trug, um dadurch sinnbildlich den Sieg anzudeuten über den unterlegenen Winter. — Auch bei uns zu Land trägt Jeder stolz und froh au» diesem Grunde die ersten Frühling»» Palmen nach Hause al» ein Signal de» holden Götterboten Lenz, und die geweihten österlichen Palmen« Sonntags-Palmrn, die Palmenzweige, Palmsträuße, Palmbäume befestigt man sür's ganze Jahr in Wohn- und anderen Räumen, Stuben unter dem Dache, bringt sie zuweilen nach den Gräbern auch, und manch' ein : alter sinnreicher und lieber Brauch knüpft mit seinen starken Fadm sich an diese Osterpalmen, von deren Kraft I und Einfluß gegen Krankheit, Feuer und Gewitter frommer Glaube felsenfest überzeugt ist. — Sind doch die Frühlingsgaben schon an sich in der Natur das s Bild des Hoffens, das Symbol gläubigen Vertrauens, ' und ein jubelndes Hosianna I rauscht durch die ganze ' Schöpfung — das Hohe Lied der Freude anstimmend ' zum Fest der Palmen.
Redaktion: A. Sche yda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


