Hichener Isamilienblätter.
Belletristisches Beiblatt zum Gießener Anzeiger.
Nr. 74.
Dienstag den 26. Juni.
1888.
Der Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Nach einer Weile wandten sich Olla's Gedanken der Forts'tzung ihrer Reise zu. Sir war ungeduldig, die Entfernung zwischen ihr und ihrem Der» räthertschen Vormunde zu vergrößern; ungeduldig, nach England zu gelangen, wo sie Freunde zu finden hoffte, ehe Herr Gower sie wieder gefangen neh« men könne.
„Habt Ihr vielleicht ein Buch, welches als Wegweiser durch Italien bient?" fragte sie ihre Wirthin.
„Nein, Mylady", entgegnete Giuditta. „Aber ich kann Euch eben so genau, wie ein gedruckter Wegweiser sagen, an welchen Tagen die Schiffe und au welchen Stunden die Züge abgehen. Welchen Weg wünscht die Signora zu nehmen?"
„Wann geht der Dampfer nach Marseille ab?"
„Einer geht Samstag um 3 Uhr Nachmittags ob, Signorina, und der anders Dienstag. Ein dritter Dampfer geht jeden Mittwoch um 4 Uhr."
„Und heute ist Donnerstag", sagte Olla. „Ich kann nicht bis Samstag warten, Signora! Ich bin ungeduldig, nach England zu gelangen. Ich will die Eisenbahn benutzen."
„Der Zug von Neapel nach Rom geht um halb 11 Uhr Vormittags", sagte Giuditta.
„So fahre ich mit diesem Zuge, ich bitte, haltet einen Wagen in Bereitschaft, der uns nach der Station bringen kann."
„Es soll geschehen, Signora."
Nachdem ihre Abreise von Neapel so geordnet war, versank Olla wieder in Schweigen. Die Mahlzeit war beendigt, Giuditta räumte den Tisch ab und ging dann in die Küche hinab. Auf der Treppe begegnete sie den beiden Pople y'r, die sich zu Fräulein Rymple hinauf begaben. In der Küche fand sie Palestro mit vergnügt erröthetem Gesichte.
„Nun?" sagte er, die Thüre hinter ihr schließend.
„Ich habe nicht viel herausbringen können", antwortete Giuditta, unzufrieden ihre Last absetzend. „Natürlich hat die Signorina zu mir nicht viel gesagt und mit dem Geistesgestörten konnte ich auch nicht sprechen. Ich habe nichts herausgefunden, als daß sie sehr eilt, bald nach England zu gelangen. Sie hat einen Wagen bestellt, der sie zu dem um 10 Uhr 30 Minuten abgehenden Zuge nach dem Bahnhofe bringen soll."
„Und das ist Alles, was Du entdecktest?"
„Alles. Hast Du etwas herausgefunden?"
„Ja, und sehr wichtige Aufschlüsse", sagte Palestro. „Wie wir es ausgemacht hatten, bediente ich die Dienerschaft der Signorina bei ihrem Absnd- brods und gab natürlich vor, kein Wort Englisch zu können. Da sie etwas Italienisch verstehen, so verständigten wir uns ganz gut. Beide waren ängstlich, bekümmert und unruhig. Sie sprachen in ihrer Muttersprache über ihre eigenen Angelegenheiten und die ihrer Herrin und glaubten, daß ich kein Wort von dem, was sie sprachen, verstände."
„Ah!" flüsterte Giuditta mit sich erhellender Miene. „Was haben sie gesagt!"
„Ihre Worte kann ich Dir nicht ganz genau wikdergeben", entgegnete Palestro. „Denn es war Vieles darunter, was ich nur aus dem Sinne des Uebrigen verstand. Aber dar Hauptsächlichste deffen, was sie sagten, war das: Die Signora ist ihrem Vormunde, einem Signore Gower, einem reichen englischen Mylord, der sie heirathen will, entflohen. Die Signorina haßt ihn und flüchtet nach England, wo sie Freunde zu finden hofft, welche sie beschützen werden. Und sie nimmt den blödsinnigen Engländer ous Güte und Mitleid mit sich. War sagst Du da u? Tomaso Vicini ist tobt und seine Wittwe geht zu ihren Verwanbten nach Catanien. Unb dieser arme Engländer steht schutzlos in der Welt."
„Welch' ein glücklicher Zufall ist er, daß er gerade hierher kam!" murmelte Giuditta mit funkelnden Augen.
„Ja, wirklich! Und welch' ein glücklicher Zufall die Signorina zu uns geführt hat? Signore Gower wird ein großes Lösegeld für sie zahlen. Dieses feine Paar wird uns reich machen, Giuditta! Wo ist der Trottel, Dein Bruder?"
„Er ist von Neapel noch nicht zurück, aber der rothe Carvelli kommt heute Nacht, um uns feinen gewöhnlichen Besuch abzustatten und wir wollen die Angelegenheit mit ihm besprechen. Es müßte ganz sonderbar zugehen, sollten wir uns nicht durch die flüchtig gegangene Signora und ihren blödsinnigen Schützling bereichern können. Wir müssen uns die Sache reiflich überlegen — keinerlei Gewalt und keinerlei Grausamkeit darf verübt, der Ruf unserer Gasthofes nicht geschädigt werden."
Nachdem das ränkeschmiedende Paar zu diesem Entschluffe gelangt war, schickte sich Giuditta an, ihre Küche in Ordnung zu bringen.
Palestro trat vor die Thüre und blickte zu Olla'r Fenster hinauf. Alles dunkel — ein Zeichen, daß Olla mit ihrer Dienerschaft sich bereits zur Ruhe


