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Jaultenzer.
Von G. Kopal.
(Nachdruck verboten.)
„Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen" — diese unangenehme Perspektive bildete bekanntlich einen Theil des verurtheilenden Erkenntnisses, welches gegen unseren Urvater wegen der recht bedauerlichen Apfelbiß-Affaire verhängt ward, und eine nicht geringe Anzahl der Nachkommen Adam's hat bis Dato unter den Nachwirkungen jenes Spruches zu leiden gehabt; auch ist ein Ende dieses in mancher Beziehung störenden Mißstandes vorläufig nicht abzusehen. Andererseits läßt sich aber auch die That- sache nicht bestreiten, daß eine erkleckliche Quote der Menschheit hierin eine Ausnahmestellung einnimmt. Der intereffante moderne Wissenschaftszweig, welchen man „Statistik" nennt, gewährt einen ungefähren Anhaltspunkt zur Schätzung des Prozentual-Verhält- nisses Derer, welche sich eines solchen Privilegiums erfreuen. Die letzten reichsamtlichen statistischen Ermittelungen aus deu Ergebnissen der Berufszählung stellen fest, daß in denjenigen 15 deutschen Großstädten, welche über 100000 Einwohner zählen (Berlin, Hamburg, Breslau, München, Dresden, Leipzig, Köln, Königsberg i. Pr., Frankfurt a. M., Hannover, Stuttgart, Bremen, Danzig, Straßburg i. E., Nürnberg), die Abtheilung der „berufslosen Selbstständigen durchschnittlich 76,63 pro Mille der Gesammt-Bevöl- kerung beträgt". Man könnte also, wollte man „schnell fertig mit dem Wort" sein, behaupten, daß unter 100 Deutschen reichlich 93 Fleißige und nahe an 7 Faullenzer existiren.
Doch das läßt sich natürlich nicht so schroff hinstellen. Wir sehen ganz davon ab, daß jene „Berufs- abtheilung" nicht nur die Rentiers, Pensionäre rc. selbst, sondern auch ihre Familien-Angehörigen umfaßt, und daß ein Gleiches bei den „arbeitenden" Berufs- abtheilungen stattfindet, daher also vom „Schweiße des Angesichts" z. B. weder bei dem sechsmonatlichen Säugling, noch bei der achtzigjährigen Großmama die Rede fein kann, welche aber dennoch unter besagten „Fleißigen" figuriren. Auch ist es durchaus nicht die Absicht dieses Aufsatzes, den ehrenwerthen Stand der Rentner, welchem Schreiber dieser Zeilen selbst anzugehören sich gegebenen Falles gern entschließen würde, irgendwie herabsetzen und als „Faul- lenzer" verschreien zu wollen. Dies bleibe den Herren Sozialisten überlassen, welche schon in den 30 er Jahren dieses Jahrhunderts die französischen Arbeiter- Vereinigungen dazu benutzten, um den Haß gegen die vermeintlichen „Drohnen im Bienenkörbe der menschlichen Gesellschaft" zu predigen. Der Vergleich hinkt auch bedeutend, denn über das delikate Thema der Drohnennützlichkeit ist jeder Bienenvater Ausschluß zu geben im Stande. Man kann, ohne zu Paradoxen zu gelangen, kühn behaupten, daß es eine verhältnißmäßig sehr große Anzahl Rentiers und Pensionärs giebt, deren Thun und Treiben im
direkten Gegensätze zur Faullenzerschaft steht. Noch kürzlich fanden wir in einem französischen Buche die interessante Bemerkung, daß die meisten kleinen Rentiers in Paris solche Leute sind, die sich während langjährigen Geschäftsbetriebes zwar ein Kapitälchen zurückgelegt und dann das Geschäft felbst aufgegeben haben, um in Ruhe die Früchte ihres Fleißes zu genießen, die aber von den befcheidenen Zinsen ihres Vermögens nicht derart leben können, wie sie es gewohnt waren, und die daher von Morgens früh bis Abends spät unermüdlich auf deu Beinen sind, um einigen kargen Nebenverdiensten nachzujagen. Gleiches thun zahlreiche Pensionirte, bezw. sind solches zu thun gezwungen, da das Ruhegehalt „zum Verhungern zu viel, zum Leben zu wenig", wie man zuffagen pflegt. Dazu kommen noch diejenigen wackeren „Berufslosen", welche auf allen möglichen Gebieten des öffentlichen Lebens, fei es als Parlamentarier, als Armenpfleger, als Verwalter gemeinnütziger Stiftungen rc. ohne Entgelt angestrengt thätig sind. Diese Art der selbst auferlegten regen Beschäftigung lassen wir natürlich gern als Arbeit gelten. Zweifelhaft wird indessen die Sache bei denjenigen „Berufslosen", die im Kampfe mit ihrem Erbfeinde, der Langenweile, zur Waffe der nutzlosen Beschäftigung greifen, die oft mit unermüdlichem Eifer ihre Steckenpferde reiten, u. A. der Sammelwuth fröhnen. Diese Arten der Thätigkeit können unter Umständen auch der ernsten Wissenschaft gute Dienste leisten, nur zu oft jedoch handelt es sich um nutzlos kindifches Getändel; beispielsweise ist der in einem Daudet'schen Roman vorkommende ältere Herr, der seine Lust am Koloriren hat, und als seine sparsame Gattin kein Geld mehr für Bilderbögen hergeben will, alle Buchstaben einer spanischen Grammatik mittelst vieler Jahre Arbeit mühsam ausmalt und vergoldet, ein klassischer Typus dieser blöd-stumpfsinnigen Gesellen, von deren absonderlichen Geschmacksverirrungen wir noch zahlreiche Beispiele aus eigenen Erfahrungen vorführen könnten. Wir unterlassen es, theils mit Rücksicht auf den uns zu Gebote stehenden Raum, theils weil manche der zu erzählenden wahren und felbst erlebten Thatsachen unseren Lesern doch gar zu unglaublich klingen würden, und hiervor muß sich ein vorsichtiger Schriftsteller hüten.
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
„Nöd übel!" Ein Appenzeller wollte in einem Hutladen in St. Gallen einen Hut kaufen. Appenzeller: „Wah chost do dä Huet?" — Fräulein: „Drizäh Franke!" — Appenzeller: „Nöd übel! Aber es hät ja ka Lächer drin?!" — Fräulein: „Löcher? Zu was Löcher ime Huet?" — Appenzeller: „Daß dä Esel, wo drizäh Franke für so en Deckel zahlt, d'Ohre usastrecka chaa!"
Redaction: i. V. Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


