Ausgabe 
25.2.1888
 
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Ausland; Sie, Herr Geheimrath, waren dort, Sie sind außerdem Hamburger von Geburt, in Hamburg ist man mit überseeischen Verhältnissen weit ver- trauter, als in Berlin, wo ich Vieles, was ich gerne wissen möchte, nicht erfahren konnte, dürfte ich nun bei Gelegenheit Sie in dieser Richtung mit einigen Fragen belästigen?"

Ich stehe mit Allem, was ich an Kenntnissen und Erfahrungen gesammelt, jederzeit zu Ihren Diensten bereit."

So danke ich Ihnen schon im Voraus."

Alexandra erhob sich. Für einen ersten formellen Gegenbesuch waren sie jetzt lange genug geblieben.

Sie wohnen ja jetzt auf der Schlangenburg, Frau Geheimrath", sagte Franziska, da hat "wohl Ihr kaum ins Leben getretener Gesangverein sogleich eine Unterbrechung erleiden müssen, oder wird der­selbe in Ihrer Stadt fortgesetzt?"

Fortgesetzt wird er, aber nicht in der Stadt, sondern bei uns auf der Schlangenburg. An jedem Mittwoch werden die Mitglieder zu uns hsraus- fahren und mit dem Zwölf-Uhrzug wieder zurück­kehren."

Wie amüsant das sein muß! Neben Sie an einem größeren Werk?"

Noch nicht. Wir haben mit kleineren Sachen begonnen, damit die Stimmen sich erst aneinander gewöhnen und der Direktor sieht, was er für Kräfte hat. Aber ich kann Sie versichern, gnädige Frau, daß schon prächtig gesungen wird. Wir haben für die Leitung in der Person des Herrn Direktor Rohdenberg, eines ganz jungen Mannes von zwei- undzwanzig Jahren, eine Acquifitisn gemacht, worauf ich nicht wenig stolz bin, da ichss ihn entdeckt habe. Er dirigirt ausgezeichnet und weiß es spielend zu erreichen, daß mit Vortrag gesungen wird."

Wir beneide ich die Mitglieder, einem solchen Verein anzugehören."

Wenn Sie Lust hätten, gnädige Frau, einzu­treten, so wird uns das eine Ehre sein. Sie und Herr von Stolzenberg ließe« Beide neulich durch- blicken, daß Sie geschulte Stimmen besäßen und

prima vista zu singen im Stande wären. Auf

diese Fähigkeiten legen wir einiges Gewicht und

sollte es mich sehr freuen, für den Verein zwei Mit­glieder gewonnen zu haben, die ihm noch gerade

fehlten, wir hatten bis dahin eine Alt- und eine Baßstimme zu wenig."

Ich möchte nicht aufdringlich erscheinen."

Durchaus nicht I Es fragt sich aber noch, ob Ihr Herr Vetter ebenfalls geneigt wäre."

Felix hat mir selbst gesagt, wie gern er dem Gesangverein angehören möchte."

O, dann ist ja Alles in Ordnung! Ja, denken Sie sich, Frau von Barsen, wir habm die kühne Absicht, uns am nächsten Mittwoch schon vor einem kleinen Publikum, das wir eigens dazu einladen

werden, hören zu lassen. Doch darüber erlaube ich mir, Ihnen noch Näheres zu berichten."

Noch einige kurze Worte wurden über den Bau der Fabriken gesprochen, worauf der Geheimrath und Alexandra, von dem Genera! und Franziska bis an den Wagen geleitet, Fichtenberg verließen.

Unterwegs fragte Wolter:

Bist Du in Deinen psychologischen Studien in Bezug auf Frau von Barsen etwas weiter gerückt?"

Nur wenig", antwortete Alexandra.

Sie betheiligte sich an dem allgemeinen Ge­spräch nur gering. Hältst Du sie für bedeutend?"

Sie ist sicher nicht ohne Geist, aber ich glaube, auf einem anderen Felde der Unterhaltung würde sie lebhafter gewesen sein."

Du meinst"

Sie machte heute den Eindruck, als wenn sie mit ihrer Jugendlichkeit ein wenig kokettirte, vielleicht ist sie überhaupt kokett. Zu einer vollendet feinen Dame fehlt ihr ich finde dafür keine Bezeichnung, es liegt mehr in meinem Gefühl fie hat ein wenig von einer Schauspielerin; wenn man nicht wüßte, daß sie die Nichte des Generals wäre, könnte man annehmen, daß fie schon einmal der Bühne angehört."

Ich habe mich darüber gewundert, daß Du, die Du so manche Dame, so manchen Herrn für Deinen Verein refüsirtest, Frau von Barsen und deren Cousin sogleich zum Beitritt auffordertest."

Konnte ich in diesem Fall denn anders, lieber Mann? Der Wink war deutlich genug, ja nach meinem Geschmack zu deutlich. Ich hätte mich sonst auch bedacht, aber es find ganz neue Bekannte, dazu unsere nächsten Gutsnachbarn, mit denen wir häufiger verkehren werden, ich mochte nicht gleich die Unhöf­lichkeit begehen, diesen Wink zu ignoriren. Die musikalischen Qualitäten werden Beide wohl haben. Wäre Frau von Barsen von Frieda's Alter, würde ich vielleicht Bedenken getragen haben; es ist ja auch möglich, daß das eigenartige Mißtrauen gegen diese Frau, von dem ich mich nicht ganz frei zu machen weiß, gänzlich unberechtigt ist."

War der Geheimrath am Mittage einem ersten Begegnen mit Herrn von Stolzenberg entgangen, so sollte dasselbe doch noch im Laufe des Tages statifinden. Die Familie Wolter nahm" nach dem Diner den Kaffee im Garten ein. Es war etwa sechs Uhr» als der Diener in die Lauve trat und auf einem silbernen Teller eine Karte präfentirte, auf welcher der Name: Felix von Stolzenberg stand.

Zehntes Kapitel.

Alexandra hatte dem Diener die Karte abge­nommen und las laut den Namen, der in feinen Buchstaben darauf gedruckt war. Wolter hatte für ! heute ,ein solches Zusammentreffen nicht mehr er­wartet, daher war die Ueberraschung eine um so . größere und für einen Moment fühlte er, wie sein