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Zweiundzwsnzigsies Kapitel. I
Das Gasthaus zum Vssuv. |
Ungefähr eine Meile von der Stadt Neapel entfernt, in der Richtung des großen Vulkans, stand auf einer kleinen Anhöhe und steht vielleicht noch jetzt ein kleines Wirthshaus, welches als der Gasthof zum Vefuv bekannt ist.
Etwas abseits von der Straße belegen, auf einer Seite von einem kleinen, schattigen Orangenwäldchen begrenzt, auf der andern von einem fruchtbaren Weingarten umgeben, hatte das Gasthaus eia ungemein friedliches und einladendes Aussehen.
Die Eigenthümerin war Guiditta Carvelli.
Als natürliche Folge ihres Reichthums hatte ste so viele Freier, aber st« wies alle zurück und erklärte, daß der, den sie heirathen würde, ein gewisses jährliches Einkommen besitzen müßte, und dieser Forderung entsprachen nur die wenigsten von ihren Bewerbern.
Giuditta entschloß sich deshalb, niemals zu hei- rathen, sondern immer auf ihrem Posten zu bleiben, unterstützt von ihrem jüngeren Bruder, einem etwas beschränkten Burschen von etwa 16 Jahren. Da erschien eines Tages einer ihrer früheren Bewerber — "kein anderer als Jacopo Palestro, der Schreiber aus Palermo — mit dem Gelbe, das ihm Jasper Lowder gegeben hatte, bei ihr und wiederholte seinen
kräftige, untersetzte Gestalt war in schwarze, reue Kleider gehüllt. Auf seinem braunen Gesichte schwebte beständig 'ein grinsendes Lächeln, was demselben jedoch keinen sehr angenehmen Ausdruck verlieh. Sein krauses, schwarzes Haar war mit einem duftenden Oele getränkt und in den Ohren trug er kleine goldene Ringe.
Er trat hinaus in den Schatten des Maulbeerbaumes, denn die Sonnenstrahlen waren sehr warm, und setzts sich an einen der Tische, als seine Frau herauskam und den Platz aus der Thürschwellr, den er eben verlasse» hatte, einnahm.
Sie war ein schmuckes, junges Frauenzimmer von etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, mit wohlentwickelter Gestalt, voller Büste und einem Ge- sicht, das hübsch gewesen wäre, hätte es nicht einen Ausdruck von Verschlagenheit gehabt.
„Das ist ein langweiliger Tag, Jacopo", bemerkte sie. Seit einer Stunde ist Niemand mehr
| gekommen I Ich glaube, wir '.werden heute nichts | mehr zu thun haben, denn es ist schon spät."
'„Wir haben kein schlechtes Geschäft gemacht, Giuditta", entgegnete der Schreiber lächelnd. „Wenn es nur jeden Tag so geht, wie heute, werden wir einst reich sein. Aber wie Du sagst, Reisende werden heute nicht mehr kommen. Einige Bauern aus der Umgebung werden noch vorsprechm, wie gewöhn- lich, aber das ist auch Alles, worauf wir rechnen
Heirathsantrag. , ,
Als er fein Geld zeigte, überlegte Giudrtia seinen Vorschlag. Ein bis zwei Tags lang koquettirte sie mit feinen Hoffnungen und Befürchtungen; und dann bestand sie darauf, die Quelle feines Einkommens * kennen zu lernen, um die Wahrscheinlichkeit ihrer j Dauer beurthetlen zu können. Mit weiblicher Schlau- ; le-t hatte sie dem Schreiber gar bald das ganze Ge- hümniß entlockt. Da sie berechnend war und ebenso wie Palestro annahm, daß Tressilian und Lowder Brüder waren, von denen der Eine dem Anderen im Wege stände, unterschätzte ste die Wichtigkeit dts Geheimnisses nicht. Sie betrachtete es als eine Fundgrube von Reichtümern, wenn es gehörig aus- aebkuter würde, und da sie einen Theilnehmer in ihren geschäftlichen Sorgen und Mühen haben wollte, kam sie zu der Entscheidung, daß sie nichts Beflercs lhun könne, als den Schreiber zu heirathen. Und so wurden die Beiden ein Paar.
An dem Nachmiitagr, an welchem Fräulein Rymple, ihrs Diener und Guy Tressilian in Neapel landeten und ungefähr um dieselbe Zeit, als die kleine Gesellschaft sich von dem Copitän Ricardo verabschiede!«! und in einem Wagen nach dem Gasthof zum Vesuv aufbrsch, stand Jacopo Palestro auf der Schwelle seiner Thürs und schaute mit dem Ausdrucke tiefster Befriedigung um sich. Er war auf dem Gipfelpunkte feines Ehrgeizes angelangt und hatte sich schon vollständig zum stets freundlich lächelnden und fchmeichelnden Gasthofbesitzer heraurgebildet.
Seine äußere Erscheinung hatte sich sehr vor- tbe'lhaft verändert, seit er Sicilien verlaffen; feine
können." , _ ,, .
„Wäre es nicht schon Zeit, daß Du wieder ein- mal Nachricht von Deinen Verwandten, Frau Bicmt, bekämst?" fragte Giuditta. „Seit wann hast Du nichts mehr von ihr gehört?"
„Schon seit mrhr als zehn Togen. Der Brief war von einer jungen Dame geschrieben in Theresa s Namen."
„Kennst Du diese Dame, Jacopo?"
„Ja, sie ist sehr schön", sagte d-r ©c&mei$Ier, „aber mit Dir könnte sie sich nicht vergleichen. Ich glaube, sie hieß Olla Rymple."
„Sie ist ohne Zweifel auch reich", sagte Giuditta. „Diese Engländer sind immer reich. Ist'« nicht sonderbar, daß Theresa Vicini nicht schreibt? Vielleicht ist der Engländer tobt?"
Palestro's Erficht wurde wachsgelb.
„Unmöglich", rief er hastig aus. „Er konnte nicht sterben und mich um mein Einkommen betrü- ^"'„Wenn°er nicht tobt ist, so hat sich vielleicht der Vater oder der Vormund dieser Mylady seiner angenommen", versetzte Giuditta beharrlich. „Sie bringen ihn am Ende nach England?"
„Unmöglich!" rief Palestro wieder aus nnd wurde ; noch bleicher als zuvor. ,
- „Dieses Stillschweigen ist gewiß sonderbar. Ich wollte, er wäre in unserer Verwahrung", sagte Giu- ' ditta, wobei ihrs kohlschwarzen Augen unruhig fun- - toten. „Um Dir nur die Wahrheit zu gestehen, > Jacopo, ich fürchte, daß irgend etwas geschehen kann, das uns unser» Preis entreißt."


