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„Wirklich? Ich staune, daß Du es wagtest, die Reise nach England allein zu unternehmen."
„Ein Weib wagt Alles für Denjenigen, den es liebt", entgegnete die junge Frau einfach.
„Ja, ich zweifle jetzt nicht mehr daran, mein wildes, kleines Rothkehlchen I Ich habe Dir gesagt, daß ich zeitweilig noch Jrrsinnsanföllen ausgesetzt bin. Ich muß so bald als möglich einen Arzt sprechen. Aber vor Allem muß ich meinen Freund und Gönner, Herrn Tressilian, sehen. Und Du, Hester, mußt in den Gasthof zurückkchren und mich dort erwarten."
„O, Jasper, willst Du nicht mit mir gehen?"
„Ich kann nicht. Habe ich Dir nicht versprochen, daß ich zu Dir kommen werde? Du mußt allein gehen und zu Niemandem sagen, daß Du mich gesehen hast. Wenn Du etwa Deine Autorität über mich geltend machen willst, so sage es nur, aber ich schwöre er Dir, Hester, daß, sobald Du aufhörst, Dich von mir leiten zu lassen, ich Dich verstoße. Wenn Du mir gehorchst, ist's gut, wo nicht, so verlasse ich Dich!"
Diese Alternative war zu schrecklich für die junge Frau. Schluchzend versprach sie ihm unbedingten Gehorsam.
„So ist's gut. Kehre unverweilt nach Glocester zurück. Ich will Dich in einigen Stunden in dem Gasthofe besuchen. Vergiß nicht, gegen Niemandem rin Wort über mich zu erwähnen!"
„Und Du, Jarprr?"
„Ich muß erst Herrn Trrsstlian sehen. Gehst Du jetzt?"
Die junge Frou zögerte, ging einige Schritte weit und kehrte dann um und sagte traurig:
„Jasper, Du vergaßest mich zu küssen!"
Lowder beugte sich zu ihr hinab und küßte sie kalt. Es hatte eine Zeit gegeben, wo Hester's treues Herz und ihre liebevollen Augen sein Leben verschönt hatten, aber diese Zeit war jetzt vorbei. Die Gluth einer leidenschaftlicheren Liebe erfüllte ihn jetzt ganz und um Blanche zu gewinnen, würde er ruchlos dieses liebende, vertrauensvolle Weib geopfert haben.
Hester erwiderte die Liebkosung mit einer langen, sehnsuchtsvollen Umarmung, dann wandte sie sich mit ersticktem Schluchzen um und verließ ihn. Sie öffnete das niedrige Parkthor und näherte sich dem Wagen, während sie den dichte» Krkppschleier über da» bleiche Gesicht zog.
Der Kutscher sprang vom Bocke, half ihr in den Wagen und machte dann den Schlag zu.
„Zurück in den Gasthof", sagte Frau Hester mit erstickter Stimme.
Der Kutscher stieg wieder auf den Bock hinauf und das Fuhrwerk rollte von dannen auf der Straße nach Glocester. Jasper Lowder schaute ihm mit unbeschreiblich wildem Blicke nach. —
„Das ist ein furchtbarer Strich durch meine Rechnung, ein schreckliches Hinderniß für die Ausführung all' meiner Pläne", murmelte er. „Wer hätte j
gedacht, daß dieses furchtsame Geschöpf so viel Muth und Entschlossenheit besitzen würde, um nach England zu kommen? Ist je ein wahnsinnigerer Schritt gemacht worden, als daß sie ihre Stellung aufgab und m-t ihrem kleinen Kinde in die weite Welt ging? Warum hat sie nicht an Guy Tressilian geschrieben, wie es jede Andere gethan haben würde? Ist dieser thörichte, überflüssige Versuch ein Verhängniß? Bedeutet er Böses für mich? Warum ist sie nicht gestorben, als sie die Nachricht von meinem Tode erhielt? Sie ist eine von jenen liebevollen, hin« gebenden Frauen, welche an gebrochenem Herzen sterben und hat es doch überlebt!"
Er murmelte eine Verwünschung gegen die arme Hester, die ihr Blut erstarrt haben würde, hätte sie sie gehört.
„Ich habe mich geschickt aus der Schlinge gezogen", sagte er nach einer Pause zu sich selbst, als der Wagen seinen Blicken entschwunden war. „Das war eine geschickte Lüge. Ich will darüber nach, denken und Einzelheiten hinzufügen, um der Geschichte s einen wahrhaften Anstrich zu geben. Sie darf nicht ahnen, daß ich hier Guy Tressilian vorstelle. Sie muß glauben, daß Guy in eigener Person hier ist und ich sein Secretär bin. Ich will die Sache ganz genau überlegen, ehe ich zu ihr gehe. Sie wird es nicht wagen, an mir zu zweifeln, selbst wenn sie nicht so arglos wäre."
Er stampfte den Boden heftig mit den Füßen und drückte die verwe'kten Blätter tief in den weichen, lockeren Boden. Nach eintr Weile schlug er bett Rückweg nach dem Schlosse ein, während ein finsterer Ausdruck seine Züge verdunkelte.
„Vor Allem", dachte er, langsam in dem düsteren Schatten des December Morgens weiter gehend, „muß ich sehen, welches Unheil sie in dem Gemüthe Sir Arthur's angrstiftet hat. Meine Lage ist etwas unbequem. Sir Arthur ist die Seele der Ehren, Hastigkeit! Er haßt die Lüge! Er sagte gestern, daß Lügen das niedrigste Laster sei; daß es eine feige, verrätherische und entartete Seele ankündige. Ein Lügner, sagte er, könne kein Gentleman sein; denn kein Mann mit Ehrgefühl wird seine Seele so beflecken. Das Lügen war immer meine Force! Und nun bin ich in seinen Augen nicht nur einer, sondern mehrerer Lügen überwiesen! Ich sagte ihm, daß Jasper Lowder meines Wssens gar keinen Freund in der Welt besitze! Hester zeigte ihm aber meinen mit Guy Tressilian unterzeichneten Brief, aus welchem hervorgeht, daß zwischen ihr und Low« der irgend eine Verwandtschaft besteht. Lüge Nummer eins. Dann schrieb ich an Hester, daß Lowder ertrunken und tobt sei. Sir Arthur sagte ich aber, daß Lowder lebe, unb geistesgestört sei. Die Ver- schiebenheit in biesen Beibin Angaben muß ihm als Lüge Nummer zwei erscheinen. Ich bin neugierig, was er nun zu mir sagen wirb!"
(Fortsetzung folgt.)
Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.
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