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Einundzwarizigftes Kapitel.

Gatte und Gattin.

Der erste Gedarke Jasper Lowder'S, als er seine schwergekränkte, junge Gattin erblickte, war der einem Feigling so natürliche Gedanke der Flucht. Aber der Schreck darüber, sie gerade in der Stunde seines Triumphes in Trejsilian.Hof zu sehen, schien ihn zu lähmen. Ihr freudige» Geschrei erklang seinen Ohren wie dar Donnern einer stürzenden Lawine, welche ihn begraben sollte! Und als sie aus dem Wagen sprang mit au? gebreiteten Armen und vor Entzücken verk ärkem Gestch'e auf ihn zustürzte, da schien sich Alles um ihn her im Kreise zu drehen. Ec klammerte sich an das kleine, offene Parkgitter und starrte sie mit entsetztem und furchtbarem Blicke an.

Uni sie kam näher, während Freude, Neber* raschung und Entzücken aus all' ihren Zügen leuchteten.

D. Jasper!" schluchzte sie in aufgeregtem Tone, ich habe Dich gefunden! Man ließ mich glauben, Du wärest tobt! Man sagte mir, Du seiest blöd­sinnig geworden. Sieh, ich trage Trauerkleider um Dich, mein Jasper, mein Gatte!"

Bei diesen Worten hatte sie das Parkthor er­reicht und umarmte Lowder mit stürmischer Freude. Er aber starrte sie an mit wilden, entsetzten Blicken. Wenn seine Gedanken und Wünsche Dolche gewesen wären, wäre da» arme junge Geschöpf auf der Sülls tobt niedergestürzt. Akur sie beachtete weder seine Blicke, noch sein Stillschweigen und war nur von dem Bewußtsein erfüllt, daß sie ihn gefunden habe. Sie faßte seine kalte, schlaffe Hand, führte sie an ihre Lippen und bedeckte sie mit Küssen. Schluchzend legte sie ihren vom Trauerflore umhüll­ten Kopf an seine Brust.

Da sprang er zurück, als ob ihn eins Schlange gebissen hätte. Der einzige Gedanke, der ihn be­herrschte, war, sie über seine Identität zu täuschen, wir er Sir Arthur Tresstlian und Blanche getäuscht hatte. Er wollte auch ihr gegenüber den ungeheuren Betrug ausführen'. Er wollte fein Ziel mit kühner Hand durchführen und die Rolle, die er übernommen hatte, sich als Guy Tressiltan auszugeben, weiter spielen. Hefter hatte ihn seit einem Jahre nicht ge­sehen. Die Aufgabe konnte nicht unmöglich sein.

Ihr irrt Euch, Madame", rief er daher in hei­serem Tone aus, bemüht, einen Au druck großen Erstaunens in sein erbleichtes Gesicht zu bringen. Ich kenne Euch nicht! Mein Name ist Guy Tresstlian."

Die junge Frau wich einige Schritte zurück und schaute ihn dann mit erschrockenen, weit geöffneten Augen an.

O, Jasper!" schrie sie schluchzend.O, mein Liebling! Kennst Du mich nicht mich, Deine treue Hefter, Deine kleine Frau?"

Lowder klammerte sich erbleichend an das Parkgitter. (Forts, folgt.)

Die Abschaffung der Iotter in Arankreich.

Eine historische Erinnerung.

(Schluß.1

Vom Schmerz überwältigt schloß der Präsident die Augen. Nachdem er sich gesammelt, sprach er weiter:

Jetzt brachen ihr die Folterknechte die rechte Hand ab, Finger nach Finger, und mein Blick verschwand in einem Meer von Blut. Da endlich, von der gräßlichen Pein überwältigt, bekannte sie die Diebin zu sein, aber selbst während dieses Geständnisses mahnte sie mich daran, daß sie meine Milchschwester sei und mitten im Winter im tiefsten Schnee sich vertrauensvoll zu mir geflüchtet habe.

Als der Präsident bis hierher erzählt hatte, da erhob sich einem Geisterbilde gleich eine weibliche Gestalt von ihrem Sitze und ging auf den Präsi­denten zu. Es war Frau Franziska v. Casabianca, die Milchschwester des Präsidenten. Sie zog ihren Handschuh aus und legte die matt herabhängende, vom Arm abgebrochene Hand wie versöhnend ans das Haupt des Greises. Dieser war tief erschüttert, die Anwesenden nicht minder. Der Präsident ergriff die Hand seiner Schwester und preßte sie an seine Lippen, während Thränen aus Beider Augen flössen.

Nach einer Pause fuhr der Präsident fort: Am Abend desselben Tages erschien ich in meinem Richt­kleid vor dem König. Es war großer Ball bei Hofe. Meine Schrift, in welcher Franziska zum Tode verurtheilt wurde, in der Hand, beugte ich meine Knie vor dem König und sprach:

Sire, die Folterknechte haben heute Vormit­tag meine des Diebstahls angeklagte Milchschwester gemartert und ihr die Finger von der Hand Glied um Glied abgebrochen. Ich selbst war ihr Ankläger und sie hat sich schuldig erklärt, Sire!

Der König blickte mich gespannt an und forderte mich auf, weiter zu sprechen.

Ja, Sire, fuhr ich fort, sie hat sich schuldig bekannt, aber sie ist unschuldig! Ich habe sie fälsch­lich angeklagt und die Sache mit Vorsatz so gelenkt, daß der Schein gegen sie war.

Erstaunt trat der König einen Schritt zurück.

Und weshalb thaten Sie das, Herr Präsident?

Weil ich meinem Vaterlande klar beweisen wollte, daß man auch von dem Unschuldigsten jedes nur mögliche Geständniß erpressen kann, wenn man die Folter anwendet. Um diesen Beweis zu liefern, Sire, opferte ich das Wesen, das mir aus Erden das Liebste ist.

Der Ball war durch diesen Auftritt unterbrochen worden und die Musik schwieg.

Ludwig XVI. fragte:,.MeineHerren, warumistder Ball unterbrochen worden? DieMusiksollweiterspielen!

Dann ließ er den Kanzler rufen und sprach:

Mein Herr, von diesem Augenblicke an ist die Folter in Frankreich abgeschafft. Machen Sie dies sofort in meinem Königreich bekannt!

Siebflction: A. Scheyda, Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.