Ausgabe 
18.2.1888
 
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"Hkrr Geheimrath", sagte der Prokurist bei eindringlicher Stimme,Ihr ganzes flüssiges Ver­mögen, Ihre sämmtlichen Kapitalien stehen mit Römer. Ich habe Sie schon oft gebeten, ja ange- fleht, Sie möchten doch Ihr Geld bei verschiedenen Anderen verthetlen, wo es ebenso sicher steht, Sie hätten ja Römer einen Theil taffen können."

Ich hatte wirklich keine Ursache dazu. Giebt es einen zuverlässigeren Geschäftsmann als ihn? So lange ich die Fabrik habe, hat er alle meine Geldangelegenheiten besorgt und ich bin stets prompt von ihm bedient worden; haben wir bisher nur über die geringste Lässigkeit zu klagen gehabt?"

Es wäre nur Vorsicht gewesen, die Jeder ge­billigt hätte. Haben wir nicht erst vor wenig Jahren einen allgemeinen Krach in Wien erlebt, und haben wir nicht Beispiele gehabt, daß in Folge dessen in Berlin und auch hier Firmen bankerott wurden, die bis dahin von der ganzen Welt als felsenfest stehend betrachtet wurden? Hat man sein Vermögen in die Hand eines Einzigen gegeben, so schwebt man auch in Gefahr, mit einem Schlage Alles zu verlieren, im anderen Falle kann man doch nur von einem theil- weisen Verlust getroffen werden."

(Fortsetzung folgt.)

Are erste Kritik.

Eine Schulhumoreske von E. Hackland-Rheinländer.

(Nachdruck verboten.)

Lang ist es her und die Blümlein find schon vielmal wieder mit ihrer holden Pracht ins Land gekommen, manch' strenger Winter hat seitdem an der Armen Thüren angeklopft und die Schwalben sind hin und wieder her geflogen über das weite Meer, als ich noch auf der Schulbank faß, ein Knabe von sechs ehn Jahren, in einem kleinen Dorfe am Rhein. Des herrlichen Stromes Wogen mit ihrem melodischen Wellenschlag hatten's auch mir angethan und ich sang, so gut ich es vermochte, den Wellen nach, unbekümmert um die ganze Welt.

Was ging die Welt, was gingen die Menschen mich an? Fragt wohl die Lerche, fragt die Nachtigall auch nach unfern Behagen oder Mißfallen? Hell klingen die Triller der Lerche und der Nachtigall Klagen verhallen leise in dunkler Nacht. Sie fingen nicht für Dich, nicht für mich, ihre eigene Lust, ihr eigenes Lied ist ihr Lied, und wenn's uns erfreut, ergreift, so ist's nur ein Ungefähr.

Ich war weder Lerche noch Nachtigall, nur ein zwitschernder Spatz, aber ich sang, sang wie der Spatz, lebte wie der Spatz und ob's den Menschen gefiel, war mir gleich, wie ihm wenn erhoch vom Dachstein her" imtschilp, tschilp" seine Lust, seinen Schmerz, seinen Kummer, seine Freude, sein Lieben und Haffen erschallen läßt.

Vieles ist anders geworden, seitdem ich die Schulbank verließ, heller und klarer der Blick in Hinficht auf Reim und auf Versmaß; beide be-' kommen ihr Recht und der Verwandtschaft des Spatzen bin nun ich entronnen.

Wohl trifft die Lerche, die Nachtigall auch, hin und wieder der Stein eines Buben, doch der Spatz ist das Ziel des Gespöttes, des Anstoßes Stein und ich war es auch. Hart' ich mich gleich nicht gewagt auf den Markt, auf den Dachstein, den hohen, wußte doch Mancher, daß hin und wieder auch ich ein Lredelein sang, nicht für die Welt, nur für mich hin, wann manchmal, ich darf es wohl sagen, ich besser des Lernens gedacht.

Längst war ich dem Rector der Stein, an welchem er leichtlich sich anstieß; nicht gönnt er dem Spätzlein sein Lied, und er hatte beschlossen:Dem mach' ich für immer ein End'!" So kam er denn nun eines Morgens zur Thüre der Klaffe herein und theilte dann Allen uns mit, daß demnächst der Pfarrer seinen Geburtstag würde feiern und da habe denn so er gedacht, wir wollten ein Ständchen ihm singen, was selbst wir gedichtet.Vater, ich rufe Dich" legte er dem Versmaß zu Grunde und Alle sollte» versuchen, nach diesem ein Liedlein zu singen. Doch fragte er später und ich war der Einzige, bet es vollbracht und schon stand ich da, das Product zu verlesen. Aber, o Himmel, welch grimmig Gesicht das des Rectors.Siehst Du, ich dachte mir's wohl, ja reimen, das kannst Du, Du Faulpelz, doch lernen, wie ist's da bestellt! Da sitzt er und brütet und brütet. O sag' doch, wie kannst Du nur wagen, mit solchem Jammergewinsel mir unter die Augen zu treten 1? Setz' Dich, ich mag cs nicht hören!" Und nun stand er da, ganz noch ent­rüstet.

Wie könnt' ich's auch wagen, in Concurrenz mit dem Herrn Rector zu treten, ich ein armseliger Spatz mit der Lerche herrlichen Trillern? Der hatte ja selbsten gedichtet, ein Lied war entstanden, wogegen Körners Gedicht elendes Machwerk nur war. Treu blieb es mir im Grdächtniß, wo dar meinige längst schon entschwunden und, ein Gedenkstrin der Knust, soll die erste Strophe hier stehen;

Sieh, wir stehen hier, Bittend für Glücke, bittend für Segen. Mag es Dir wohlrrgch'n auf all deinen Wegen. Lenker der Menschen; das bitten mir, Siehe, wir stehen hier!"

Thränen der Wonne habe ich geweint und doch schluch ten vor Rührung Katzen und Hunde, so weit sie's nur mochten vernehmen.Der kann's ja noch schlechter, wie Du!" dies war mein erster Gedanke. Bewahre vor Nebel uns!" fo schloß der zweite sich an.

Vieles ist anders geworden, die" Kritiker bleiben; Freund gehe hin, beschaue ihr eigenes Machwerk, und oft wirst Du finden doch verzeiht mir, ich bitt', ich wollte nicht Kritiker fein.

RedaMsn: A. Gcheydn. Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.