Ausgabe 
18.2.1888
 
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dies wohl eine Familieneigsnthümlichkeit, aber in Beider Augen tritt uns eine wirkliche verwandtschaft­liche Aehnlichkeit entgegen. Auch bei Ersterem sind sie von derselben grauen Farbe. Natürlich" hierbei lächelte Alexandrakam auch die Rede auf unseren Gesangverein, wobei sich ergab, daß Vetter und Cousine sehr musikalisch sind und schul- gerecht singen. Sie verriethen Beide große Lust, sich daran zu betheiligen, jedoch auffordern konnte und wollte ich sie noch nicht, vor allen Dingen nahm ich mir vor, den Versuch zu machen, Dich, lieber Wolter, zu gewinnen, ich hätte es so gerne gesehen, wenn Du"

Damit ist es nun leider nichts"

Nous verrons.

Sie waren während dieser Gesprächs bis an den Wagen gelangt. Der Diener öffnete den Schlag, Alexandra reichte ihrem Gatten dis Hand und stieg ein, Frieda, dis langsam gefolgt war, nahm an ihrer Seite Platz.

Du hast mir aber noch nicht den Namen des Neffen genannt", sagte Wolter. Er wußte schon, wie er lauten würde und doch mußte er ihn hören.

Habe ich wirklich nicht?" fragte Alexandra, ich meine doch, ihn schon ausgesprochen zu haben- Er nennt sich Herr von Stolzenberg, und wenn es Dir recht ist, machen wir allernächstens dem General unseren Gegenbesuch."

Also doch l" kam es leise über Wolter's Lippen.

Die Pferds zogen an, Alexandra und Frieda neigten freundlich grüßend das Haupt und der Wagen rollte davon. Dieser war schon längst nicht mehr sichtbar, aber immer noch stand der Geheim­rath auf der untersten Stufe der Treppe. Erst, als das grelle Pfeifen einer Dampfmaschine in der Fabrik an sein Ohr drang, besann er sich, wo er war, und ging langsam und gesenkten Hauptes in fein Zimmer zurück. Mechanisch ließ er sich auf den Lehnstuhl nieder, auf dem vorhin seine Frau geseffen und nachdem er längere Zeit schweigend vor sich hingeblickt, wurden seine Gedanken laut:

Ja, ja, er ist es, daran ist nicht mehr zu zweifeln, das Alter, die genaue Beschreibung seines Aeußeren, Alles stimmt. Er ist der Erste von all denen, die mich früher gekannt, der in meine Nähe tritt. Längst schon habe ich unter der Hand nach Allen, die mir nahe standen, Erkundigungen singe« zogen. Mein Vormund ist tobt, von den Kameraden ist nicht ein Einziger bei meinem Regiment, der größte Theil ist in Frankreich gefallen, die Uebrigen sind zu anderen Regimentern versetzt. Von dem Lieutenant von Stolzenberg, nach dem ich auch ge­fragt, konnte mir Niemand etwas sagen. Ich nahm an, daß auch er sein Leben auf dem Schlachtfelds beschlossen. Woher kommt er jetzt so plötzlich? Ist er noch Soldat, hat er den Dienst quittirt? Alexandra nannte keinen militärischen Rang, als sie seinen Namen aussprach. Gott, mein Gott, wenn er mich erkennen würde!"

Er sprang auf und stellte sich vor einen Spiegel.

N in, nein", fuhr er fort,es ist unmöglich! Haben nich die Blattern mein Gesicht entstellt? War ich nicht vor zwanzig Jahren ein lang aufge­schossener, magerer Mensch, und Habs ich jetzt nicht breite Schultern und stark entwickelte Glieder? Welch ein Glück, daß ich auf seine Begegnung vorbereitet bin, wäre er plötzlich vor mich hingetreten, wer weiß, ob ich nicht gezuckt hätte, obgleich ich jahre­lang auf solche Möglichkeit mich vorbereitet habe. Gerade er, der zuerst entdeckte, daß ich mit falschen Würfeln spielte! Jetzt, da dis Gefahr sich mir naht, heißt es, ihr Whig ins Auge blicken, nur Ruhe und Sicherheit können mich retten, können den Verdacht niederhalten und wenn er sich dennoch regen sollte, ihn wieder verscheuchen. Denn wenn ich mich nicht selbst verraihe, wer kann mir beweisen, daß ich nicht der bin, für den ich mich aurgebe? Und wenn dennoch ein Zufall mich verrieihe? Warum schnürt sich mir die Brust so krampfhaft zusammen? Sind diese Beklemmungen schon dunkle Ahnungen kommenden Unglücks? Wenn man mir meine Ehre abermals antastete! Damals war ich jung und konnte in die Welt hinausziehen, um ein neues Leben zu beginnen, in welchem ich mir eine neue Ehrs und die Achtung meiner Nebenmsnschen zu erstreben hoffte, damals stand ich allein und was mich traf, das verletzte nicht zugleich auch Anders, die meinem Herzen nahe standen, was jetzt aber auf mein Haupt niedrrfallrn würde, das würde auch das Haupt derjenigen nicht verschonen, die mir die Liebsten sind auf Erden, mein Weib, mein Kind, sie müßten Schmach und Schande mit mir theilen nein, ehe das geschieht, will ich nicht mehr leben!"

Wolter trat vom Spiegel zurück, mehrmals ging er schweigend im Zimmer auf und ab, dann blieb er in der Nähe des Fensters stehen und warf einen Blick auf den blauen Himmel, unwillkürlich faltete er die Hände und leise sprach er die Worte:

Mein Herr und Vater, Du bist ja gerecht meine Existenz hier ist eine Lüge, mein Name ein falscher kann es Sünde sein, daß ich den alten beschimpften Namen abgeworfen und einen anderen wählte, unter dem ich nicht als ein Gs< brandmarkter mein Leben zu fristen nöthig habe? Kämpft nicht Jeder für das höchste Gut, feine Ehrs? Kann ein ehrlicher Mensch ohne diesen Schirm und Schutz existiren? Nein, und weil es kein Unrecht sein kann, daß der Mensch für seine Ehre Alles einsetzt, so mache ich mir auch keine Vorwürfe, daß ich den Namen nicht weiter geführt habe, dem die Ehre abgeschnitten wurde, ich kann nicht leben ohne die Achtung meiner Mitmenschen! Jetzt ist aber mein zweiter Name, den ich hier durch Redlichkeit und Fleiß zu Ehre und Ansehen gebracht, bedroht und jetzt gilt es, ihn zu schützen, es ist meine heilige Pflicht, ihn rein zu bewahren, denn er gehört nicht mir allein, er ist auch meiner Tochter, meiner Gattin. Mein Gott, erleuchte Du mich, wenn ich in diesem einen Punkt nicht wahr sein kann, Du kennst m-ch