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Bruder genannt und würde jetzt von Dir gehen und , Dich nßein einer sorgenschweren Zukunft überlassen? 1 Nimmermehr I Längst schon wollte ich meinem Vater in Bezug auf Dich und Deine Zukunft schreiben, aber sein gestriger Brief, der mich so schnell in die Heimath ruft, verhindert mich, ihm vor der Ankunft M ttheilung über Dich zu machen. Von Marseille aus werde ich telegraphiren, daß Du mit mir kommst. Und Du wirst doch mitgehen, nicht wahr, mein Freund? Ich will für Deine Zukunft sorgen, will Dir eine Deinen Kenntnissen entsprechende Stellung schaffen, die Dich zeitlebens vor Kummer und Sorge schützt.' Oder — fesseln Dich Bande an den Continent?"
Einen Augenblick, einen kurzen Augenblick nur zögerte Lowder, dann sagte er kurz und entschloffen:
„Nein, keine Bande feffeln mich an den Conti- nent. Ich bin bereit, mit Dir zu gehen, aber — wie wird Dein Vater mich, den fremden Eindring« ling, aufnehmen? Wird er nicht den bezahlten Gesellschafter, der es wagt, seinem einzigen Sohne so ähnlich zu sehen, wie ein Ei dem andern, hinaus - stoßen aus seinem Hause?"
„Nein, das wird er nicht. Er wird den Freund seines Sohne« mit offenen Armen empfangen, er wird ihn willkommen heißen und ihm ein Heim bereiten", entgegnete der junge Lord in ernstem, würdigen Tone.
„Dein Vater scheint aber doch sonst nicht so recht zärtlich zu sein", bemerkte Lowder. „Fünf Jahre warst Du von ihm getrennt und heute erst ruft er Dich zurück."
Hohe Röths bedeckte das Gestcht Lord Trsfsil an's bü diesen Worten.
„Du wirst diese Verhältnisse bald kennen lernen", sagte er mit einiger Verlegenheit. „Wie Du weißt, hatte mein Vater eine Mündel, die Tochter eines Freundes —"
„Ich weiß, ich weiß — Miß Jrby, die goldhaarige Blanche, von der Du so oft gesprochen und mit der Du Briefe gewechselt."
„So ist es. Mein Vater hat es fich zur Lebens-' aufgabe gestellt, mich mit Blanche zu verhsirathen und deshalb ließ er mich fünf Jahre nicht nach Hause. Er wollte nicht, daß wir zusammen heran» wachsen, er wollte, daß wir uns erst Wiedersehen in den Jahren, wo die Menschen verständig genug sind, über ihr Schicksal zu entscheiden. In der Nacht vor meiner Abreise schloß er sich mit mir in die Bibliothek ein, theilte mir seine Hoffnungen und Wünsche mit und beschwor mich, Herz und Sinn rein zu erhalten und Blanche würdig zu bleiben. Und nun", fuhr er mit schwermüthigem Tone fort, „ruft er mich zurück. Mein Vater will seinen Herzenswunsch verwirklicht sehen, er will mich jetzt mit Blanche verhsirathen."
Längst schon war die Nacht hereingebrochen und der junge Lord konnte deshalb den seltsamen lauernden Ausdruck in den Augen seines Freundes und die gespannte Aufmerksamkeit, mit welcher derselbe jedes
Wort seines Freundes zu verschlingen schien, nicht wühmehmen.
„Wenn ich mich recht erinnere", sagte Lowder, „so hörte ich von Dir, daß Blanche nicht nur eine reiche Erbin, sondern auch ein Engel an Schönheit sei. Ich darf wohl als gewiß annehmen, daß Du ihr jetzt schon ein H?rz voll Liebe entgegen bringst."
„Nicht doch. Blanche versprach schon vor fünf Jahren ein herrliches Mädchen zu werden, aber Herzen lasien sich nicht zwingen und meinem Ideal entspricht sie nicht. Ich schrecke vor der beabsichtigten Heirath zurück, ich schrecke aber auch davor zurück, den Vater zu beleidigen, der mich mehr liebt, als Alles in der Welt."
„Wirklich, liebt er Dich so sehr?" fragte Lowder, indem ein seltsamer höhnischer Zug seine Mundwink l umspielte. „Du Glücklicher bist in der Lage, von einem liebenden Vater sprechen zu können, hast Du aus meinem Munde schon Aehnliches gehört?"
„Seltsam — ich erinnere mich nicht, daß Du je von Deinem Vater gesprochen", entgegnete der Lord. „Ich bin deshalb auch stets von der Ansicht ausgegangen, daß er tobt sei —"
„Wollte Gott, er wäre todtl" rief Lowder mit schriller, unheimlicher Stimme. „Verflucht, dreimal verflucht sei der, dm mir die Natur zum Vater gegeben! Erschrick' nicht", fuhr er fort, als er bemerkte, wie ihn der Lord bei diesen Worten betroffen anschaute, „erschrick' nicht über die unkindlichen Aeuße- rungen, die aus meinem Munde kommen, aber dieser Sturm in der Natur regt alle Gefühle in mir auf; auch in meinem Innern stürmt und tobt und grollt es, und wenn Du meine Geschichte erfahren, wirst Du die harten Worte begreifen, die ich gesprochen."
„Erzähle mit", sagte der Lord theilnehmend.
„So viel ich in Erfahrung bringen konnte, war mein Vater der jüngere Sohn einer alten Adelsfamilie. Beweise davon besitze ich allerdings nicht, aber das weiß ich, daß meine Mutter von geringer Herkunft war, daß sie ein unschuldiges reines Wesen mit rosigen Wangen, blauen Augen und reinem, unverdorbenen Herzen gewesen. Sie war die Tochter einer Wittwe, die in Brighton lebte, und hatte zwei kaum dem Knabenalter entwachsene Brüder. Die Wittwe, meine Großmutter, lebte vom Wohnungs- vermiethen und mein Vater, ein lustiger, leichtsinniger Lebemann, kam zu ihr in'S Quartier. Wie voraus- zusehm, verliebte er sich in die Tochter seiner Haus- wirthin. Er schlug dem jungen Mädchen die Ehe vor unter der Bedingung, daß die Heirath, so lange er es wünschte und bis sich seine Aussichten gebessert hätten, geheim gehalten werden müsse. Das junge Mädchen liebte ihn, ihre Mutter war ehrgeizig und habgierig. Das Ende war, daß der Liebende seinen Willen durchsetzte und die Tochter seiner Hausfrau in aller Stille — fast heimlich heirathete. Dann nahm er seine Braut nach London in eine billige, entlegene Wohnung und ein Jahr später wurde ich geboren."
I Immer stärker tobte der Sturm, höher und höher


