284

draußen war düster und neblich wie fast immer im December in England. Kein Sonnenstrahl drang durch dis kahlen Zweige au? den grünen Rasen herab. Die Luft war scharf und rauh und verkündete Schnee. Vielleicht war es das abscheuliche Wetter, das den schönen Baronet bedrückte, denn al« er auf die trübe Landschaft hinaurschaute, seufzte er schwer und ein Schatten von Unruhe glitt über sein Gesicht. Jas» per Lowder, fein vermeinter Sohn, war ausgegangen, was er des Morgens meistens zu thun pflegte; Blanche war in dem Zimmer der Haushälterin be­schäftigt, und so fich selbst überlasten, wanderten Sir Arthur'« Gedanken von seiner Zeitung zu seiner goldhaarigen Mündel und blieben endlich bei Jasper Lowder haften. Kein Argwohn ob des ungeheuren Betruges, der an ihm verübt wurde, hatte bisher seine Seele beschlichen; aber auf seine große Freude über die Rückkehr seines vermeinten Sohnes war eine seltsame, obgleich unklare Unzufriedenheit gefolgt. Er hatte sich zu dem Gedanken gezwungen, daß er sein Glück in dem Glück seiner Kinder finden müsse und er war muthig in seiner Selbstopferung. Seit der Verlobung de« jungen Paares hatte Sir Arthur aufmerksam den Charakter seines Sohnes studirt. Der Erfolg dieses Studiums hatte ihm Kummer gemacht.

Da es selbst dem geschicktesten Schauspieler un­möglich ist, immer eine Maske zu tragen, so war es Jasper Lowder unmöglich, zu verhindern, daß nicht seine wirkliche Natur zuweilen hinter seiner scheinbaren Liebenswürdigkeit sich zeigte.

Der Grundton seines Charakters war Selbstsucht. Er hatte sich dem Verbrechen in die Arme gestürzt, um ein Leben der Behaglichkeit und des Ueberflustes zu führen. Er war ein Feind jeder Mühe und Plage. Und da dieser Charakterzug so hervortretend war, war es kein Wunder, daß er dem Scharfblicke des Baronets nicht lange verborgen blieb.

(Fortsetzung folgt.)

Aie Abschaffung der Kotter in IranKreich.

Eine historische Erinnerung.

Der Präsident de Page befand sich eines Abends in dem Salon der Frau von Haqueville, in welchem sich eine auserlesene Gesellschaft versammelt hatte. Er wurde gebeten, eine interessante Begebenheit aus seinem reichbewegten Leben zu erzählen. Nach einigem Sträuben willigte er ein und nachdem er schmerzlich bewegt über seine Augen gefahren, erzählte er fol­gendes :

Im Jahre 1788, als ich, erst 20 Jahre alt, Parlaments - Präsident war, spornten mich mein jugendlicher Eifer und meine Grundsätze an, die Strenge der Gesetze zu mildern, welche ein grauen­volles Gemisch von Barbarei und Widersprüchen

boten und die meisten Vergehen mit dem Tode be­straften. Die Folter übte noch ihr unmenschliches Recht, und um nur ein halbes Geständniß zu er­pressen, brach man den unglücklichen Schlachtopfern die Finger entzwei, riß ihnen Arme und Beine aus oder vollbrachte noch Entsetzlicheres. Noch möchte ich beifügen, daß fünf Jahre, bevor ich Präsident wurde, meine Amme starb und ihre Tochter Fran­ziska, meine Milchschwester, im strengsten Winter von Montcrau nach Paris kam, um sich unter meinen Schutz zu stellen. Ich nahm sie als Schwester bei mir auf, sorgte für ihre Erziehung und trug für ihre Zukunft Sorge. Nach dieser Einschaltung kehre ich zu den Ereignissen zurück. Um mich wegen meiner Duldung und Menschlichkeit zu strafen, hatten meine Feinde im Parlament verabredet, einen der Falsch­münzerei Angeklagten, der bisher hartnäckig geläug- net hatte und der meiner Ansicht nach auch that- sächlich unschuldig war, auf die Folter zu bringen. Der Gedanke, daß die Tortur, welche Dank meinen Bemühungen einige Zeit geruht hatte, wieder in Gang kommen sollte, brachte mich außer mir. Ich ließ dem König eine von mir mit Gluth und Innigkeit abgefaßte Denkschrift überreichen, da aber Niemand meine Bitten und Vorstellungen unterstützte, blieben diese wirkungslos und der Arme wurde auf die Folter geschleppt. Hier gestand er und wurde ver- urtheilt. Noch heute glaube ich, daß er unschuldig war.

Bald nach diesem Vorfall wurde mir meine Tabaksdose entwendet. Diese war ungefähr 20 000 Livres werth und mir als Andenken an meinen Vater unschätzbar. Ich zeigte den Diebstahl dem General- Anwalt an, er veranlaßte eine Haussuchung und man fand die Dose im Bett meiner Milchschwester Franziska.

Der Präsident seufzte tief auf unb man sah ihm an, wie sehr die Erinnerung ihn erschütterte. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:

Man führte Franziska vor die Richter. Ich bat, daß man in diesem Prozesse einem Anderen das Präsidium übergebe, doch erfüllte man zur Freude meiner Feinde meine Bitte nicht. Das Volk drohte, mich zu steinigen, wenn ich die Folter nicht anwen­den würde, da Franziska läugnete, den Diebstahl begangen zu haben. Weinend rief sie mir ihre Mutter ins Gedächtniß und erzählte mir schluchzend, wie vertrauensvoll sie sich zu mir geflüchtet habe. Ich mußte dennoch befehlen, sie auf die Folter zu schleppen. Die Folterknechte begannen ihr schreck­liches Geschäft. Meine arme Franziska schrie nicht, aber mit welch' wehmuthsvollem Blick sah sie mich an! Man preßte ihre Knie zusammen, das bleiche junge Mädchen gestand aber nichts und läugnete fortwährend unter entsetzlichem Stöhnen. Jetzt leg­ten ihr die Henkersknechte glühende Kohlen auf die Brusthöhle, aber auch da gestand sie nichts, denn sie war unschuldig, ich selbst wußte es nur zu genau.

(Schluß folgt.)

Redaktion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr, Pietsch) in Gießen,