feit Irmgards Tode die Ahnengruft, um einen Jm- morttllell'Kranz auf den Sarg der Schwester zu legen und ihr Gelübde zu erneuern.
„Es ist genug, daß wir Beide gedarbt haben an Lebensglück, Du arme Verblendete, Du, die jetzt in einem höheren Lichte auf die Nichtigkeiten der Erde herabschaut. Mein Gelübde halte ich Dir, aber die Kinder sollen glücklich werden."
Sa sprach sie mit halblauter, fester Stimme, ihre Hand auf den Sarg legend und verließ die Gruft, während durch die Bäume des Friedhofs leise tröstend der Wind strich.
Hedwiga erschrak nicht wenig, als Tante Ulrike nach Hause kehrte und sie im ruhigsten Tone ersuchte, zum Major Tellkamp zu gehen und ihn um einen Besuch zu bitten.
Sie ging, ohne eine Frage zu wagen und der Major erschien augenblicklich, während Hrdwiga bet der Freundin blieb und sich mit derselben in Hoffnungen und Befürchtungen erging.
Was Ulrike und Tellkamp mit einander geredet, erfuhr Niemand, Nach einer Stunde kehrte er heim; sein Antlitz erschien noch bleicher und verfallener, seine Augen wie von Thränen geröthet, seine Haltung wie die eines Greises.
„Sie haben Abschied genommen von den letzten welken Blättern ihres Jugendtraumes", sprach Heb- wiga, während eine Thräne über ihrs Wange rann. „O, Mogda, ich glaube, sie hat sich meinem Glück geopfert —"
„Der treffen, abscheulichsten Selbstsucht", rief Magda erbittert.
„Auch das, doch nur, um mich zu retten; wie kann ich ihr das jemals vergelten."
„Durch die zärtlichste Liebe, deren reiche Blüthen ihr Alter umkränzen sollen, Theure l" versetzte Magda mit feuchtem Blick.
29.
Zwei Jahre waren seit diesen letzten Ereignissen vergangen. Major Tellkamp, welcher mittlerweile eine längere Reise unternommen, hatte verschiedene Briese von Egon erhalten und dieselben nach Hause gesandt, da er sich seine Briefe stets nach bestimmten Stationen schicken ließ.
Würden die Zugvögel denn niemals wieder heim- kehren? Hedwiga und Magda hatten diese Frage nach dem ersten Jahre unzählige Male an einander gerichtet, dann gezürnt, daß nicht ein einziges Zeichen der Liebe an sie gelangt und endlich mit stolzer Scheu es förmlich vermieden, die Abwesenden zu nennen. Sie litten sichtlich unter diesem sich selber auferlegten Zwange, und eines Tsgs erklärte Hedwiga der Tante, daß sie an die Fürstin schreiben wolle, ob sie ihre Stellung dort wieder antreten könne.
„Armes Kindl" sprach Ulrike, sie zärtlich an- blickerd, „Du führst ein Einsiedlerleben bei mir, ich kann's Dir nicht verdenken. Doch warte noch acht Tage mit dem Schreiben, da ich er für besser halte,
Dich selber an den Hof zurückzubringen, — wenü es bis dahin noch Dein Wille fein sollte."
„Das wolltest Du thun, Tante? fragte Hedwiga ungläubig.
„Und weshalb nicht, Kind?" lächelte Ulrike, „hältst Du mich im Ernsts iür nicht hoffähig?" —
„O Du böse, — gute Tante, — ich würde mich ja närrisch darüber freuen."
„Ja, wenn Ulrich daheim wäre, könnte er es natürlich übernehmen, aber so —"
„O, schweig' von ihm, Tante Ulrike I" unterbrach Hedwiga sie in ungewöhnlichem Zorn, „er ist ein schlechter, undankbarer Mensch, der sicherlich für die gute Gesellschaft auf immer verloren sein und wieder am freien Umherstreifen in der Welt Gefallen gefunden haben wird."
„Rasch fertig ist die Jugend mit der Welt!" citirte Ulrike, sie nachdenklich anblickend, „wie kannst Du so vorschnell urtheilen, Kind, da Du doch weißt, in wessen Gesellschaft er Europa verlassen hat?"
„Aber nicht ein einziges Mal an uns zu schreiben, uns so gänzlich ohne Nachricht zu lassen."
„Du erinnerst, was vor seiner Abreise sich zu- trug, Hedwiga I" versetzte Ulrike sehr ernst. Ich hege die Überzeugung, daß er sich selber damit eine schwere Buße auferlegt hat. Wir haben durch den Major Nachrichten empfangen —"
„Ja, sein Neffe ist auch nicht besser", warf Hedwiga nachlässig hin, „mir kommt es wir maßloser Gelehrtenstolz, unmotivirter Männer-Hochmuth vor, der sich nicht herablaffen kann, an junge, unwissende Mädchen zu schreiben. Und was Ulrichs Buße anbetrifft, Tante!" setzte sie mit einem an ihr ganz ungewohnten Hohn hinzu, „so finde ich dieselbe recht bequem für einen jungen Mann, in der That eine wenig aufreibende Buße!"
Sir lachte spöttisch auf, während Tante Ulrike vorwurfsvoll den Kopf schüttelte.
„Ich weiß doch nicht, ob eine solche Buße nicht ebenso schwer dem Herzen fällt, als irgend eine andere Enthaltsamkeit, mein Kind! — Geliebten Wesen undankbar und lieblos zu erscheinen, sich selbst in den Verdacht eines wankelmüihigen Charakters, leichtsinniger Vergeßlichkeit und Untreue zu bringen, das möchte doch nicht jedem Menschen möglich sein, es gehört meiner Meinung nach schon eine Art Heroir- mus dazu, diese Buße durchzuführen. Vielleicht hat dieselbe auch den Zweck, gewisse Herzen auf die Probe zu stellen, um die Beständigkeit und das Vertrauen derselben zu prüfen."
Hedwiga erröthete und erblaßte.
„Tante, Du kannst also auch ein wenig boshaft fein."
„Beunruhige Dich nicht, mein theures Kind!" lächelte Ulrike, sie zärtlich küssend, „er that mir nur weh', Dich so lieblos über Deinen Bruder reden zu hören. Man bricht so leicht den Stab über Abwesende, wenn dir Eigenliebe sich verletzt fühlt, thue es nicht wieder, meine Liebe, solche Bitterkeiten find


