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Nr. 13
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Forderungen versteigt, daß er das ursprünglich unter dem Feuer drr Anbetung stehende Geschöpf jetzt am meisten hochschätzt, wenn er über dem Feuer gestanden I
Und doch trifft der Vorwurf dieses Materialismus unser Geschlecht nicht so ganz und es muß zu unserer Entlastung gesagt werden, daß wir nur die" Pflichten der Pietät würdigen, wenn wir uns ein möglichst feines Verständniß für den Werth eine» Gänsebratens erwerben, denn — „was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!"
Allerdings waren es unsere Vorfahren, welche uns die Feer des heutigen Martinstags überliefert haben, eine Feier, für welche noch in heutiger Zeit, namentlich in dm katholischen Ländern, der Gänse braten auf dem Mittagstisch Zwang und äuße liche« Symbol ist. Die Gans gilt dem seligen Martin der katholischen Kirche geweiht, deffen Namenstag unter dem 11. November vorgrzsichnet ist. Martin von Tours, wie der historische Name des Schutz h iligen lautet, wurde im Jahre 316 zu Sabaria, jetzt Reinomang-r h Nieder - Ungarn geboren, besuchte Anfangs die Kätechetenfchule zu Pavia, mußte später aber nach dem Willen seines heidnischen Vaters, welcher Kriegrtribun war, mit 16 Jahren in das Heer eintreten. Angewidert aber von dem K-iegsleben ging er bald darauf nach Gsll.m, wo er sich taufen ließ und al» Mönch ein Vorbild in ollen Tugenden wurde. Unter Anderem erzählt die Legende von ihm, daß er mit einem Armen, den tr vor den Thoren von Amiens getroffen, fein Kleid gethellt habe, worauf ihm in der nächste» Nacht Christus erschienen sei und ihm eine ganz besondere Belohnung seiner edlen That prophezeit habe. Nach- dem er für kurze Zeit in seine Heimarh zmückg kehrt, seine Mutter bekehrt hatte, ließ er sich in Poitiers nieder und versammelte eine große Menge Reltgious- schüler um sich. Darauf wurde ihm in Anbetracht seiner Gelehrsamkeit und seines Glaubenreifers — allerdings gegen feinen Will;», er verkroch sich beim Nahen der Abgesandten, wrlche die neue Würde ihn überbringen sollten, in einen Gänsestall, daher die ihm geweihte Gans — 375 das Bist hum von Tours übertragen, das ihm feinen historischen Namen ver- lieh. Sein Ruhm wuchs, und als «s sich nach mehreren Jahren, um ganz feinen Glaubenr-Uebungen zu leben, in eine auf steilem Felsen einsam belegens Zelle zurüäzog, sammelten sich bald achtzig andere Mönche um ihn, um nach seinem Beispiel strenger Ascese zu leben, und au» dieser Ansiedelung entstand das heute noch vorhandene Kloster Marmoutiec, in welchem er im Jahre 400 sein S;ben beschloß. — Zu Ehren des Heiligen feierte die katholische Kirche, wie erwähnt, am 11. November, stimm G-burts- rage, das Marüasfest. Ursprünglich bestand dasselbe au» rein religiösen Gebräuchen. Mit der Ausbreitung de» Christenthums, zwecks welcher die alten heidnischen F sts mit den Festen der christlichen Kirche
verschmolzen wurden, verlegte man da» altgermanische Herbstopferfest aus den Namenstag des heili gen Martin, und hieraus sind eine Reihe von G-bräuchen herzuleiten, welche, wie das Martinsfeuer, Martins- männchen, wie der Martinswein und die Martins- gans, in den verschiedenen Gegenden uter der katholisch n Bevölkerung noch heute geübt werden.
Frcttk eich ist von diesen Gebräuchen einen Schritt abgewichen, indem es nicht mehr die Gans, sondern drn Puter als Opferthier be« Tage» betrachtet, was wohl in dec größeren Feinheit de» Bratens begründet sein mag, vielleicht auch darin, daß jenseits der Loire die Puterzucht viel mehr aus- gebreitet ist, als bei uns. In Frankreich ist dieser Braten speciell zur Vorschrift für den 11. November geworden, und an diesem Tage auf dem Tische jeder Familie, die nur einigermaßen über materielle Mittel verfügen kann, sicherlich zu finden. Der erste Puter erschien in Frar kreich im Jahre Ü80 bei du Hochzeit Karls IX auf der Tafil. Ein Jesuit hatte ibn auf einer Mrssionrfahrt, welche er für seinen Orden unternommen, aus Indien mitgebracht, und der Beifall, welcher dem Braten auf der königlichen zu Theil wurde, gab die Veranlaffung zur Züchtung des Vogels, die allerdings erst nach man» nigfochm Versuchen gelang. Heute ist sie, wie erwähnt, eine allgemein verbreitete und für Frankreich spectelle Etgenthümlichkeit. Die jungen Thiere find schr empfindlich., später gedeihen sie beffer. Ihre Gefräßigkeit erleichtert das Mästen; in relativ kurzer Zeit gewinnen sie einen enormen Umfang und können deshalb bald geschlachtet werden. In vielen französischen Häusern ist e» Sitte, ruc dir Brust zu zerlegen. Die Keulen werden abgelöst, um am andern Tage mit Remouladen-Sauce zubereitet zu werden, — zum großen Verdruß der Feinschmecker an der Tafel, welche die Keulen der Brust vorziehen. Die saftigen Fleichstücke des Rückens — man nennt sie bezeichnend „sot l’y laisse“ (summ ist, wer sie daran läßt) — werden als nicht minder zrrt den Damen geloffen. Die Reste, Füße, Hals, Magen, werden verschiedentlich zuberettet; die FlÜ» grl geben mit dem bekannten dcrevisses du Berlin oder Parmesankäse eine sehr feine Z otschenschüffel.
Deutschland und namentlich Norddeutschland ist seinem Gänsebraten treu geblieben. Besonder» die großen Städte mit ihrer stärker gemischteil Bevölkerung in gesellschaftlicher wie religiöser Beziehung halten die Feier de» Martinstage» aufrecht, und nicht zum Mindesten bildet drr größere Consum von Juno- vögeln eia Symptom dafür. In Berlin z. B. erreicht nach statistischer Feststellung der Verkauf von Gänsen vor dem 11. November beinahe dretvtrrtel bee Höhe, welche er vor dem Weihnachtssest erlangt, das btkanntlich al« da« für den Gänsemarkt bedeutsamste Fest zu betrachten ist, und so darf ich wohl, ohne ketzerisch zu erscheinen, behaupten, daß von allen Heiligen des Kalenders Keinem größere Auf» m rksamkeit zu Theil wird, als dem heiligcu Martig.
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Redaction: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


