Hießener Jamitienblätler.
Belletristisches Beiblattzum Gießener Anzeiger.
1888.
Dienstag bett 12. Juni.
Der Kröe des Kaufes.
Roman von Hermine Frankenstein.
(Fortsetzung.)
Sir Arthur lächelte Lowder freundlich zu und sagte:
„Jetzt wollen wir von Geschäften reden. Deine Mutter hinterließ Dir ihr Privatvermögen, die Dop- pelform von Gildethorpe, welche eine jährliche Rente von 800 Pfund einbringt. Ich habe Dir da« Geld - seit Deiner Großjährigkeit in verschiedenen Summen I zu verschiedenen Zeiten geschickt. Die« geschah, wie Du weißt, auf Deinen ausdrücklichen Wunsch. Er wäre mir ein Vergnügen gewesen, Deine Ausgaben wie früher zu bestreiten, aber Du wolltest es nicht gestatten. Alle» was ich habe, wird eines Tages Dein Mn, und es steht Dir frei, Vorfchüffe zu nehmen, wenn Du willst. Ich schickte Dir Deine halbjährige Rente nach Rom. Die nächsten Zahlungen laufen in 4 Monaten ein! Inzwischen wirst Du Geld brauchen! laß mich Dich damit versehen!"
Sir Arthur stand auf und ging in eine Ecke der Bibliothek, in welcher eine feuerfeste Kasse stand. Lowder's Blick« folgten gierig seinen Bewegung-». ] Der Baronet sperrte mit einem Schlüssel, den er - aus der Tasche nahm, die Kassette auf, zog ein ; kleines Fach hervor und nahm aus demselben ein l Päckchen mit Banknoten. Er zählte 100 Pfund ab ’ und übergab Lowder die Summe.
Der Betrüger nahm sie und verwahrte sie in seiner Brieftasche.
„Ich hätte nicht gedacht, daß Dein Geld hier j sicher ist, Vater", bemerkte er. k
„Warum nicht?" fragte Str Arthur, al« er zu i der Kosse zurückkehrte und den Rest de« Geldes in j derselben aufbewahrte. Ich habe keinen unehrlichen f Diener im House. Sie find alle von bewährter Treue und Ehrlichkeit. Ich habe übrigen« nicht viel i Geld im Hause. In der Bank von Glocester ist'« besser aufgehoben. Meine Werthsachen in der Kasse bestehen zumeist au« Urkunden, Pfandbriefen und Schriftstücken, die nur für mich Werth haben. Frei- \ lich habe ich in der Kasse auch das ganze Silberzeug l des Hause«, aber wir hab«» nie etwas von Dieben ? und Einbrechern gehört. Tressilian-Hof ist zu wohl : bewacht, um sie in Versuchung zu führen!"
Er sperrte die Kaffe wieder zu und kchrte auf seinen Sitz zurück.
„Ich will einer Tages nach Gildethorpe hinüber, ' leiten, wenn ich mich ganz wohl fühle", sagte
Lowder. „Ich bin neugierig, die alte Farm und meine Bauern wieder zu sehen. Ich glaube wohl, daß Holden und Taggart noch Pächter find?"
„Ja, Guy, aber ist'« nicht sonderbar, daß Du Dich an unscheinbare Thatsachen so gut erinnerst? Dein Gedächtniß ist etwas launenhaft."
„Ich erinnere mich an Thatsachen und Namen besser als an Gesichter", sagte Lowder leichthin. „Ich habe nie ein gutes Gedächtniß für Gesichter gehabt. Aber ist das nicht Blanche'» Schritt draußen in der Halle? Sie ist in den Salon gegangen."
„Folge ihr, mein Junge", sagte Sir Arthur, „ich will noch eins Kehle Weils hier bleiben."
Lowder leistete der Aufforderung Folge, stand auf und ging in den Salon.
Blanche faß in der Nähe eines Fensters, mit einer Stickarbeit in der Hand. Sie schaute lächelnd auf, als Lowder näher zu ihr trat und wachte ihm an ihrer Seite auf dem Divan Platz.
Lowder's Her; wurde seltsam durchzuckt und seine Pulse schlugen rascher, al« er den angeborenen Sitz einnahm. Schon hatte das junge Mädchen einen bedeutenden Einfluß über ihn erlangt.
Er schaute hinab cuf den schönen, gesenkten blonden Kopf, die schüchtern niedergeschlagenen grauen Augen, da« liebliche, sanfte und edle Gesicht, und er schwor es sich abermals zu, daß das junge Mädchen, seine Gattin werden sollte.
„Indem ich sie heirathe, werde ich meine Stellung in Tressilian-Hof befestigen", dachte er. „Und obwohl natürlich nicht» meine jetzige Stellung erschüttern kann, würde sie doch in einem Falle der Noth eine Schutzwehr für mich sein."
Die Sehnsucht übermannte ihn, zu erfahren, welche Gefühle Blanche für ihn hege.
„Wie fleißig Ihr seid, Blanche", sagte er in spöttisch-vorwurfsvollem Tone. „Ihr denkt viel mehr an Eure Stickerei, als an einen betrübten Freund, der so gerne mit Euch plaudern möchte!".
Blanche ließ hocherröthend die Arbeit fallen.
„Da ich ein Mädchen bin", sagte sie lächelnd, „bin ich zum Plaudern immer bereit. Was habt Ihr mir zu sagen, Guy?"
„Sehr viel", sagte Lowder. „Ich weiß kaum wie ich beginnen soll. Ich möchte von den Tagen unserer Kindheit sprechen, wo ich Euch zuerst bewundern lernte. Oder von Euren reizenden, schwe- sterlicken Briesen, die ich meinem Herzen zunächst trage. Oder ich möchte Euch sagen, wie überrascht und entzückt ich war. in Euch die Verwirklichung des holden Ideal« zu finden, das ich seit Jahrm in


