Ausgabe 
12.4.1888
 
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rauh geballte, das wuchtige Schwert schwingende Faust geglättet und dafür eine andere, feiner geführte und zugespitzte Waffe führt, in Gestalt der nicht minder gefährlichen und gefürchteten Feder, deren Kriege gewiß nicht weniger Opfer und Leichen kosten, als die mörderisch »blutigen Schlachten vergangener Tage.

Nicht minder sinn« und bedeutungsreich als die Symbolik der Hand ist die ihres Begleiters, des? Handschuhs.

Ursprünglich zum Schutze gegen Kälte und harte : Arbeit, beim Jagen, Fechten rc. angewendet, verän- i derte der Handschuh allmälig seine primitive Ge­staltung. Pelzwelk, ungegerbtes Leder und Eisen» > schienen wandelten sich in schmiegsamere Stoffe um, ? die gegerbten Häute der Rehe, Kälber und Schafe < concurrirten mit Garn, Wolle und Seide, und als ! endlich gar zu Anfang dieses Jahrhunderts die weißen ; Glacees von Frankreich aus ihren siegreichen Weg ; durch die Welt antraten, schwang der Handschuh sich : vollends triun phtrend an die Spitze der Civilisation, [ nachdem längst aus dem ursprünglichen Fausthand- schuh der Männer und dem fingerlosen Halbhand- j schuh für die Frauen der Fingerhandschuh sich ° entwickelt. ?

Die symbolische Bedeutung des Handschuhes nun j ist nicht minder intereflant, als die der darunter | steckenden Hand, um so intereffanter vielleicht, weil i diese Bedeutung bei den verschiedenen Völkern oft \ geradezu entgegengesetzter Natur gewesen, namentlich . zu einer Zeit, in welcher noch die Hände verhüllende Aermel den Handschuh zu vertreten hatten. Während i bei den Emen der Rang der Person nach der Weite dieser die Hände verdeckenden Aermel zu bemessen ' war, dagegen bloße Hände als ein Zeichen der; Niedrigkeit galten, geboten Anstand und Sitte den | Andern das Verbergen der Hände zum Beweis der - Ehrfurcht und Unterwürfigkeit. (Schluß folgt.) J i

Der Werth des Turnens.

In allen Berufszweigen unseres bürgerlichen Lebens tritt uns der Vortheil der geregelten Leibes­übungen, wie sie das deutsche Turnen mit der durch dasselbe errungenen Kraft, Gewandtheit und größeren Wiederstandsfähigkeit des Körpers gegen schädliche Einflüsse auf die innere Organisation u. s. w. bietet, entgegen, aber nirgends kommt dieses klarer zu Tage, als bei Brandunglücken.

Es soll damit nicht auf die Turnerfeuerwehren allein hingewiesen, sondern das allgemeine Ver­mögen, sich und Andern bei dergleichen helfen zu können, ins Auge gefaßt werden. Wie ost ist der erste Eingriff bei Feuerschaden der entscheidende; wie oft ist rasche Hilfe nöthig, ehe eine noch so tüchtige Feuerwehr zur Stelle sein kann.

Dann kommt es zur Geltung, wenn Derjenige,

welcher gerade zur Stelle, turnerisch ausgebttdet wenn er vermöge dessen im Vertrauen auf seine Kraft und Gewandtheit kaltblütig der Gefahr in's Auge sieht, nicht den Kopf verliert, wie es meistens bei derartigen Fällen geschieht, sondern durch festes Eingreifen bei Zeit größerem Unglück vorbeugt.

Wie viele Ortschaften giebt es ferner noch, und bei der weitaus größten Zahl auf dem flachen Lande ist dies der Fall, welche keine Feuerwehr besitzen, wo der Nachbar dem Nachbar in der Zeit der Noth beispringt; werden hier nicht die Turner, wo solche vorhanden, vermöge ihrer Kunst im Klettern und dergleichen die beste Hilfeleistung geben können?

Dann ist es auch eine feststehende Thatsache, daß sich freiwillige wie Berufsfeuerwehren, da, wo Turn­vereine bestehen, vielfach aus letzteren ergänzen.

Es ist diefes nur ein einzelner aus dem vollen Leben gegriffener Vortheil, den das Turnen bietet, und es ist wahrlich nicht die einzige; aber ein solcher Hinweis allein schon zeigt, daß die Turnerei kein unnützes Spiel, sondern bei unserer einseitigen Thätigkeit ein höchst wichtiges Mittel ist, den Körper allseitig auszubilden und für jede Lebensaufgabe tüchtig zu machen.

Aus dem Büchlein eines Schweizer Pfarrers, Dr. Becker in Einthal, Kanton Glarus, welches überdas Schulwesen mit besonderem Bezug _ auf körperliche Bildung" handelt, sei folgende treffliche Stelle zur Beherzigung hervorgehoben:

Was der berühmte Jugendbildner Vittorino da Feltre, geb. um 1378, gest. 1446, mit seiner Academia Fisico-letteraria-morale wollte, eine vereinigte Erziehung des Körpers, Geistes und Herzens, das muß durch alle unsere Schulen, von der Dorf­schule an bis zur Hochschule hindurchgehen. Nach ihrer Art muß eine jede eine academia-fisico-lette- raria-morale sein. Diese elende abstrakte Trennerei zwischen Leib und Geist muß aufhören. Der Mensch ist ein Ganzes erklären muß ich es nicht; es giebt noch Geheimnisse und ein solches Geheimniß ist der Mensch und als ein Ganzes müssen wir ihn bilden. Körperliche Gesundheit, körperliche Schön­heit, körperliche Gewandtheit, körperliche Kraft müssen wir gerade als Tugenden erklären, als Tugenden schätzen und preisen, ähnlich wie die geistigen, Seelen- und Charaktertugenden. Diesem faulen Wesen, wonach es gleichgültig ist, ob ein Mensch Fleisch und Blut an sich habe oder nicht, eine Laterne sei oder ein Mensch, muß Halt geboten werden. Ich will Niemanden verletzen. Wir können nicht alle Backen haben wie Polster und Arme und Beine wie Säulen . . . Aber das will ich: körperliche Kraft und Tüchtigkeit wollen wir für Tugenden erklären; die Blassen und Magern wollen wir nicht preisen, als seien sie die besonders Geistreichen . . . Der Idee nach bleibe es beim Alten; ein gesunder Geist wohnt nur in einem gesunden Leibe."

Redaction: A. Sche yda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.