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ten sich in das Spanioldöschen der Frau Sekretarius Karsten.
„Von malen lassen habe ich doch nichts gesagt?"
Die Flötenstimme erklang jetzt von Neuem, doch um einen vollen Ton tiefer. „Aber, daß ich angenehm überrascht war, als ich den Schwefelfaden auspackte und auf dem Papier Ihr Bild erblickte, das werden Sie mir doch glauben und mir sicher nicht weiter verübeln? Sind Sie etwa nicht gut getroffen? Erkennt man Sie nicht auf den ersten Blick? Sogar das Wärzchen auf der Nase ist da. — Sehen Sie doch meine Damen, sehen sie doch! Ich habe das Bildchen mitgebracht, um es Ihnen Allen zu zeigen."
Ein Griff in den tiefen Pompadour und die Zeichnung kam an's Licht. Ach, ärmster Daniel! Vergebens war Deine Hoffnung, daß bas Papier unbeachtet bleiben, in eine Ecke und zwischen Lumpen gerathen würde! Also doch bemerkt, betrachtet, bewundert und jetzt besprochen! O Daniel, wie wird das werden! Schon zieht sich ein Gewitter zusammen, schon lagert auf der Stirn der Prinzipalin ein ganzes Wolkenmeer! Sie ist vom Sitz gesprungen, sie hat der Hubermüller das Bild entrissen, sie schwingt es wie eine Wetterfahne, die Sturm verkündet, und schreit, während ein Blitz aus ihren Augen zuckt:
„Dieser verwünschte Junge! Das kann nur mein Lehrling gewesen sein! Ich weiß ja vom Seifensieder, daß er zu zeichnen versteht! Solche Allotria hinter meinem Rücken? Na warte nur Du Taugenichts, Dir will ich's zeigen! Leben Sie wohl meine Damen! Nein, halten Sie mich nicht zurück!" Sie rief es, sie ging, sie stürmte davon.
Wie hätte Mariechen jetzt schon die, Mutter erwarten können! Pflegten die Kaffeegesellschaften nicht immer zu dauern, bis der Trompeter auf der Hauptwache den Zapfenstreich blies! Da saß nun das kleine Fräulein noch gemüthlich auf dem Fasse, und der junge Künstler fertigte ein neues Bild von ihr an, denn das erste war ihm nicht gelungen. Wie eine Bombe platzte jetzt die Gestrenge zu dieser Sitzung in den Laden hinein. So drastisch wirkte ihr plötzliches Erscheinen, daß Mariechen fast rücklings vom Fasse fiel und Daniel Augen machte, als wäre ein Geist dem Boden entstiegen. Kein Glied konnte er rühren, nicht die Hand bewegen, nicht einmal ersuchen, das neueste Erzeugniß seines Talentes vom Tische zu reißen, zur Erde zu schleudern. Schier starr und leblos stand er da, das Porträt blieb liegen und mit einem Blicke beherrschte Dame Sello die ganze Situation. Da, ein einziger kühner, gewaltiger Sprung, ein einziger fester Griff, und auch diese Zeichnung war in ihrer Hand. Auch diese schwang sie wie eine Wetterfahne, die Sturm verkündet, und wieder rollte der Donner zwischen Butter und Käse, Pflaumen und Häringe hin:
„Wieder Allotria hinter meinem Rücken? Mich zeichnest Du, ohne daß ich's weiß, und mein Kind verleitest Du — es muß Dir extra sitzen? Weißt
Du, was Du bist, ein Taugenichts, der in ganz Anklam seines Gleichen sucht und aus dem nie und nimmer etwas werden wird, ich will Dir's schriftlich geben! Ich bin nach Hause gekommen, um Dir Deine Sünden vorzuhalten; aber jetzt, wo ich auch das noch erleben muß, jetzt, Du Taugenichts, befehle ich Dir, auf der Stelle aus meinem Hause, marsch, fort! Binnen zehn Minuten fort, ich rathe es Dir; mit Deiner Mutter werde ich reden und mit dem Seifensieder dazu!"
Sie rief es, sie ballte die Zeichnung zusammen, sie stürmte in die Stube hinein. Das Töchterchen gab sich die größte Mühe, Daniel zu vertheidigen und den harten Sinn der Mutter zu erweichen. Aber die Gestrenge hatte in dieser Sache das letzte Wort gesprochen, dem Sünder wurde keine Gnade zu Theil. Eine Frist von zehn Minuten war ihm vergönnt. Er begab sich in seine Kammer, schnürte eilends ein kleines Bündel und verließ ohne Abschied die Stätte seiner kurzen Wirksamkeit. Draußen auf der Gaffe warf er noch einen letzten Blick auf das „Gefängniß" zurück- Dehnte sich ihm unter freiem Himmel nicht weit die Brust? Was würde aber die Mutter und der Nachbar sagen? Würden sie ihm jetzt doch noch gestatten, daß er eine Laufbahn erwählen durfte, die seine ganze Seele erfüllte? Unter diesen Gedanken trat er vor die Mutter und bekannte ihr, was ihm geschehen war.
Tief traurig senkte die Frau das Haupt. Dann kam der Seifensieder hinzu und setzte ein neues Gewitter in Scene. Er hat es so gut mit dem Jungen gemeint, doch statt sich wacker zu führen und einst Manschens Hand zu erringen, hatte er leichtsinnig sein Glück verscherzt. Was weiter? Maler werden auf keinen Fall! Dergleichen können eben nur reiche Leute, denn die Kunst brächte in den seltensten Fällen etwas ein. Frau Berger entsann sich aber eines Vetters ihres seligen Mannes, eines gewissen Herrn Heyl, der in Berlin, Ecke Leipziger- und Charlottenstraße, eine Farben-, Materialwaaren- und Weinhandlung besaß. Als Vater Berger vor Jahren von einer Reise nach der Residenz heimgekehrt war, hatte er von Heyl's weit verzweigten Verbindungen Wunderdinge erzählt. Dieser Vetter sollte jetzt gebeten werden, Daniel in Obhut zu nehmen. Zwar bebte der Mutter das Herz bei dem Gedanken, daß sich dann so viele Meilen zwischen sie und dem Sohn legten; allein der. Seifensieder erklärte ihr, das verlangte die Roth- wendigkeit und es könnte dem Jungen wahrlich nichts schaden, wenn er in Heyl's gewiegte und bewährte Schule käme. Also wiederum punktum, abgemacht, und daß sich der Knabe fügen mußte, versteht sich ein zweitesmal von selbst. An den Vetter wurde geschrieben. Die Antwort des Handelsherrn ließ nicht auf sich warten, und da er, wie er bemerkte, die werthe Verwandtschaft in Anklam nicht vergeffen hätte, so erklärte er sich gern bereit, den Sohn des seligen Vetters unter seine Flügel zu nehmen.
(Schluß folgt.)
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


