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Hichener Iamilienbläiler.

Belletristisches Beiblatt;um Gießener Anzeiger.

Nr. 107. Dienstsg dm 11. September. 1888.

Im Kaufe Immendorf.

Original-Roman von Emilie Heinrichs.

(Fortsetzung.)

7.

Fräulein Ulrike hatte noch am selben Abend eine geheime Unterredung mit dem alten Johann gehabt, worauf dieser in der ersten Frühe des nächsten Mor­gens, bevor noch irgend ein Anderer im Hause wach geworden, geräuschlos bei dem überraschten Ulrich eingetreten war, und ihn auf des gnädigen Fräuleins Anordnung in eins der entlegensten Zimmer des großen Hauses geführt hatte.

Der gnädige Herr würden sich hier in Ihrem eigenen Zimmer, das Sie früher bewohnt haben, heimischer fühlen", setzte der Alte mit bebender Stimme hinzu,und über meine Dienste besser ver­fügen können."

Ulrich nahm dem alten Diener die Kerze aus der Hand, setzte dieselbe aus den Tisch und warf dann einen langen Blick in dem bekannten Raum umher.

Er ist gut, alter Freund!" preßte er mühsam hervor,gieb mir Deine Hand und leg Dich dann wieder schlafen."

O, mein lieber, junger gnädiger Herr!" schluchzte Johann,gebieten Sie nur über mich, wie früher, und wenn mein altes Leben von Nutzen für Sie sein kann, so will ich's gern hingeben."

Ich danke Dir, Du treue Seele!" versetzte Ulrich, mühsam seine tiefe Bewegung niederkämpfend, wenn ich nur erst von hier fort wäre, und wieder auf dem Meere mich befände, es sollte sicherlich dir letzte Thorheit meines Lebens fein."

Er winkte dem Alten, zu gehen, und seufzend verließ dieser das Zimmer.

Am Vormittag ging Hedwigs aus. Das Wetter hatte sich aufgeklärt, die Sonne vergoldete mit ihren herbstlichen Strahlen die letzten welken Blätter. Mit sorglos heiterem Antlitz hatte sie das Haus verlassen, einen Umweg durch die Promenaden gemacht, und das Haus des Majors betreten, wo sie zu ihrer großen Genugthuung diesen allein traf.

Dir Damen find nach dem Bahnhof, meine kleine Gnädige!" ries Tellkamp, ein stattlicher Fünf­ziger mit kurzgefchorenem grauem Haar und starkem, militärischem Schnurrbart, dessen gutmüthiges Amlitz bei ihrem Anblick auflsuchtete,wir haben eine große Ueberraschung gehabt, da, lesen Sie selber,"

Er reichte ihr ein Telegramm, das Hedwigs ver­wundert überflog.

Ach, Ihr Neffe, der berühmte Reifende kehrt heim, welche Freude für Sie Alle, lieber Herr Major!"

Ja", nickte er fröhlich,der Wetterrjunge schreibt natürlich keine Zeile, woher die Muße dazu nehmen? Der Blitz kann's besorgen, ich komme mit dem Elf-Uhr-Zuge, das muß hinreichend sein. Wollte natürlich such hin, um ihn zu empfangen, da muß die alte Wunde von anno 66 wieder höllenmäßig rumoren und mich an's Haus fesseln. Aber bitte doch, sich zu srtzrn, Fräulein von Jmmendorf, verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit. Alles wohl da« heim? Die gnädigen Tanten"

Tante Ulrike sendet mich zu Ihnen, lieber Herr Major I" unterbrach Hedwiga ihn hastig,sie erbittet einen großen Freundschaftsdienst von Ihnen."

Das freut mich von ganzem Herzen", versetzte der Major, sich stolz aufrichtend.Ich stelle mich dem gnädigen Fräulein mit meiner Person und meiner Habe zur unumschränkten Verfügung."

Wir besinden uns seit gestern Abend in einer furchtbaren Lage", fuhr Hedwiga rasch fort,und Tame Ulrike meinte, daß wir eines treuen, ver­schwiegenen Freundes, mit einem Worte, Ihres Bei­standes bedürften"

Ich danke dem gnädigen Fräulein für dieses Vertrauen", unterbrach der Major sie freudig erregt, nun kurz jetzt, meine Gnädige, wir werden nicht lange mehr allein fein."

Hedwiga erzählte mit halblauter Stimme, was sich fett gestern bei ihnen zugetragen, und gespannt hörte der Major zu.

:Halten Sie meinen Bruder für den Thäter?" fragte sie am Schluß ihrer Erzählung.

Nein, Fräulein Hedwiga!" versetzte Tellkamp im Ton heiligster Ueberzeugung.Ihr Bruder Ulrich zeichnete sich schon als Knabe durch seine strenge Wahrheitsliebe aus. Ich kannte ihn genau, er war | mir lieb und werth, und wäre ich damals hier zur Stelle gewesen, dann hätte sein Schicksal jedenfalls eins andere Wendung genommen. Selbstverständlich werde ich jetzt für feine Rettung eintreten, das Wie müßte ich jedoch mit Ihrer Tante überlegen, und da das Fretfräulein Irmgard sicherlich nichts davon erfahren darf"

Um keinen Preis, Herr Mazor!"

Ich selber ihr außerdem höchst unsympathisch bin", fuhr Tellkamp melancholisch lächelnd fort,io 1 müßte Fräulein Ulrike sich also zu einem Besuch in

h) in Gießen,