Ausgabe 
10.11.1888
 
Einzelbild herunterladen

534

Dafür werde ich sorgen. Halten Sie es gc- rathen für mich, geradewegs in mein Haus zurück- zukehren?"

Nein, bleiben Sie bei Ihrem Entschluß, Sie erfahren durch den Herrn Major sicherlich genug, um klar zu sehen und nicht überrumpelt zu werden."

Gut, ich freue mich ganz ungemein darauf, diesen Grafen von Rüdershausen kennen zu lernen", rief Ulrich mit einem finstern Lächeln,am liebsten unter vier Augen"

Sogen Sir sechs, Herr Baron!" -lachte der Detectiv, sich vergnügt die Hände reibend,bei diesem Rendezvous bin ich unentbehrlich, da ich ihn jetzt mit anderen Augen anschaue."

Noch eine Station, und der Zug hielt bei X., wo die drei Herren eiligst das Corrpä verließen. Während Ulrich und Egon sich in eine Droschke warfen, eilte Thorsen durch eine Seitenstraße nach seiner Wohnung, wo er sich rasch umkleidete, einen Imbiß zu sich nahm, und sofort wieder ausging. Er näherte sich auf Umwegen dem HotelZum Erbprinzen", sah einen eleganten Miethwagen vor dem Eingang halten und einen Herrn in Pelz ein­steigen. Der Abend war rauh und kalt genug zu solcher Umhüllung.

Zum Freiherrn von Jmmendorf!" lautete der Befehl und der Wagen fuhr davon.

Alle Wetter!" brummte Thorsen, eiligst sich nach der entgegengesetzten Seite entfernend,jetzt haben wir keine Zeit mehr zu verlieren, muß meinem Freiherr«, dessen Partei ich jetzt klüglicherweise er­griffen, den Besuch schleunigst melden.

27.

Major Tellkamp empfing die beiden Ankommen­den mit freudigem Erschrecken, aber auch mit tiefer Besorgaiß um Ulrichs der bleich und erschöpft in einen Sessel sank.

Mein Gott, Kinder, welch' eine Unbesonnenheit", schalt er, unruhig Ulrichs fieberheiße Hände ergrei­fend,er kann ja den Tod davon haben, Egon!"

Schelten Sie ihn nicht, Onkel Tellkamp!" bat Ulrich matt lächelnd,er ist unschuldig daran, da alle Aerzte der Welt mich nicht zmückgehalten hätten. Ich mußte heim, dis Angst hätte mich dort unfehl­bar getödtet, weil wir Tante Irmgards Macht jetzt, da sie «ns für immer verlassen will, erst recht zu fürchten haben. Geben Sie mir ein Glas Wein, lieber Major!"

Bei Ihrem Fieber-Zustand, Ulrich?"

Oder sonst etwas Kräftigendes, nicht wahr, der Rüdershausen spritzt sein letztes Gift noch aus dem Grabe auf unser Haus?"

Woher wissen Sie davon, Ulrich?"

Wir erfuhren es unterwegs, lieber Onkel! der Neffe des alten Grafen ist hier"

Ja, er hat der Sterbenden seinen Besuch ge­macht und ein Schreiben des Onkels überreicht. Doch davon später, laß uns erst für Ulrich sorgen.

Ich denke, er legt sich ein Stündchen, um zu ruhen, auf Dein Bett."

Dazu ist j-tzt keine Zeit", rief Ulrich unge­duldig,ein Glas Wein, lieber Mojor, und dann zu diesem Grafen. Haben Sie Hedwiga schon gesehen? '

Sie befindet sich hier in meinem Hause, Tante Ulrike meinte, daß sie hier besser aufgehoben sei, als am Sterbebett."

So hat fi- Tante Irmgard gar nicht gesehen?" fragte Ulrich erstaunt.

Nein, die Kranke weiß noch nichts von ihrer Heimkehr."

Ulrich richtete sich straff empor und blickte den Major starr an.

Dahinter verbirgt sich etwas Ungeheuerliches", sprach er langsam,was ist geschehen? Sage« Sie mir Alles, damit ich als Chef der Familie meine Maßregeln darnach ergreifen kann. Nur kein un­nützes Bedenken jetzt, wo vielleicht Gott weiß wa» auf dem Spiele steht, alter Freund!"

Ja, Onkel, es wird das Beste fein", rief nun auch Egon in hoher Aufregung,gieb uns das Gift nicht tropfenweise, Du siehst, daß Ulrich mehr unter der Ungewißheit leidet."

Wohlan, der verstorbene Graf Rüdershausen hat in seinem Testament die kategorische Bestimmung hin­terlassen, daß sein Neffe und Universal-Erbe die Nichte der einst am Altar von ihm verlassenen Irm­gard von Jmmendorf heirathen soll und zu diesem Zweck ist der junge Graf hier in X "

Egon ergriff krampfhaft die Lehne seines Sessels, während Ulrich spöttisch auflachte.

Da« ist ja allerliebst, in der That!" rief er, und was sagt die gute Tante Irmgard dazu?"

Sie ist höchst gerührt und erfreut über diese unerwartete Großmuth ihres einstigen Verlobten", versetzte Tellkamp achselzuckend,und erwartet nur noch Hedwiga, um die Zeremonie vor ihrem Eade wirkungsvoll in Scene zu setzen."

Natürlich", nickte Ulrich,sie wird sich doch getreu bleiben bis zum Schluß, die gute Tante Irm­gard! Und Tante Ulrike hat in der That zur Opposition sich aufgerafft, indem sie Hedwiga zu Ihnen sandte? Das klingt ordentlich märchenhaft."

Er lehnte sich erschövft zurück und schlürfte den köstlichen Wein, dm Tellkamp ihm bot.

Ah, lieber Major, dieser Nektar ist die beste Medicin für mich, ich fühle mich wie neu belebt und jedem Kampfe 'gewachsen. Sie werden noch neue Urberraschungen erleben, Onkel Tellkamp, wie, Egon?"

Wenn sich gewisse Angaben bewahrheiten, dann allerdings", bestätigte Egon zerstreut,ich fürchte nur, daß Du Deine Kräfte überschätzest, Ulrich! Es drohen Dir zwei gefährliche Gegner, welche keine Waffe scheuen werden, um den Sieg zu erringen. Womit willst Du Deinen Angriff unterstützen? Kannst Du ihm die Maske durch Beweise entreißen? Ich fürchte, daß an seiner Identität nicht zu zwei­feln fein wird."